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„Wir müssen alle mit Demenz rechnen“

Interview mit Werner Hansch „Wir müssen alle mit Demenz rechnen“

Werner Hansch ist Mitbegründer der „Rudi-Assauer-Initiative Demenz und Gesellschaft“. Vor seinem Vortrag im Marburger Rathaus gab er der OP ein Interview.

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Nachdem Rudi Assauer bekannt gemacht hatte, dass er unter Demenz leidet, zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück.

OP: Mit Ihrer „Rudi-Assauer-Initiative Demenz und Gesellschaft“ möchten Sie Betroffenen helfen und öffentliche Tabus brechen. Um welche Tabus handelt es sich dabei?
Werner Hansch: Wenn man über Demenz oder Alzheimer liest, fallen oft Begriffe wie „Geißel der Menschheit“ oder „Dämon“. Ich glaube, das stimmt sogar. Diese Krankheiten sind nicht heilbar und es kann auch noch lange dauern, bis entsprechende Heilmethoden entwickelt sind. Von daher ist Demenz etwas Unheimliches, denn es hängt mit dem Tod zusammen und den Tod verdrängen wir gerne. Ich denke aber, dass man nicht immer nur dieses Schreckgespenst benennen muss. Wer diese Krankheit bekommt, muss wissen, dass er deswegen nicht seine Menschenwürde verliert. Er kann sein Leben vielleicht nicht mehr nach den Regeln unserer Gesellschaft weiter leben, aber nach eigenen Regeln. Um das zu ermöglichen, gibt es noch einiges zu tun. Die Aufklärung von Angehörigen ist daher ausdrücklich eines unserer Ziele.

OP: Wie wollen Sie das Bewusstsein der Bevölkerung verändern?
Hansch: Das geht natürlich nur über die Medien. Wir von der Initiative sind der Meinung, dass es in Deutschland bereits viele kleine Projekte gibt, in denen sich Menschen um demenzkranke Mitbürger kümmern. Allerdings sind diese Projekte kaum bekannt. Wenn im familiären Umfeld jemand an Demenz erkrankt, dann schlägt das erst einmal ein wie ein Blitz und es stellt sich die Frage, wer sich neben Beruf und möglicherweise eigenen Kindern um den Angehörigen kümmern kann. Da gibt es teilweise ganze Nachbarschaften, die sich organisieren – bisher allerdings völlig anonym. Deshalb hat unsere Initiative den Rudi-Assauer-Preis ins Leben gerufen, um derartige Projekte zu würdigen. Als wir den Preis vergangenes Jahr zum ersten Mal verliehen haben, sind wunderschöne Bewerbungen aus dem ganzen Bundesgebiet eingegangen. Fünf davon haben wir dann ausgewählt. Damit wollen wir im Prinzip andere Menschen auffordern: Schaut euch mal um, wo vielleicht auch in eurer Nähe Hilfe benötigt wird. Und es ist klar, dass wir durch den demographischen Wandel und die höhere Lebenserwartung immer mehr Demenz-Fälle bekommen werden.  Es handelt sich um die Volkskrankheit der Zukunft.

"Ich kann nur raten sich gründlich zu informieren"

OP: Viele Angehörige leiden unter der Demenz ihres Verwandten.Was raten Sie diesen Menschen?
Hansch: Ich kann zunächst nur raten, sich gründlich zu informieren. Wo kann ich Hilfe kriegen? Und wie ist es als Pflegeperson möglich Entlastung zu bekommen, um zum Beispiel mal 14 Tage Urlaub zu machen. Viele Menschen wissen gar nicht, welche  Angebote es da schon alles gibt.

OP: Wie kann den Erkrankten konkret geholfen werden?
Hansch: Das ist die allerschwerste Frage. Man kann es nicht wirklich sagen, denn das liegt auch am Einzelfall. Um ihnen ein gutes Gefühl zu geben, ist es aber sicherlich wichtig den Erkrankten angemessen entgegenzutreten und sie nicht etwa anzuschreien, wenn sie etwas nicht verstehen.

„Es handelt sich um eine Zufallskrankheit“
OP: Einige Menschen haben Angst davor selbst an Demenz zu erkranken. Ergeht es auch Ihnen so?
Hansch: Mir persönlich geht es eigentlich nicht so, aber ich kann schon verstehen, wenn Menschen davor Angst haben.Das war ja auch bei Rudi Assauer so, denn sowohl seine Mutter als auch sein Bruder hatten Demenz und sind daran gestorben. Diese Angst hatte er also schon lange. Mit der Möglichkeit, dass es einen selbst trifft, müssen wir alle rechnen, es handelt sich mehr oder weniger um eine Zufallskrankheit.

OP: Die Initiative geht zurück auf die Erkrankung Ihres Freundes, des früheren Schalke-Managers Rudi Assauer, dem früher immer ein Macho-Image anhaftete. Er galt als besonders selbstständig und tatenfroh. Wie haben Sie ihn vor seiner Erkrankung erlebt und auf welche Weise hat er sich nun verändert?
Hansch: Er war ein Macher und auch ein Macho, dennoch hatte er ein gutes Herz. Die Veränderung zu seinem heutigen Zustand ist daher sehr groß. Nach seinem Ausscheiden bei Schalke war ich mit ihm noch bei einigen Veranstaltungen unterwegs, bis mir irgendwann klar wurde: Es geht nicht mehr. Da hat er sich dann mir gegenüber als dement „geoutet“. Das war für ihn ein großer Einschlag und seitdem geht es mit ihm bergab – wenn auch nicht linear, sondern wellenförmig. Damit an die Öffentlichkeit zu gehen war wichtig, denn viele haben geglaubt, sein Zustand sei auf Alkoholsucht zurückzuführen.

OP: Gibt es noch Momente, in denen er seine Erkrankung begreift und wie geht er damit um?
Hansch: Heute kann man mit ihm kein zielführendes Gespräch mehr führen. Ich weiß gar nicht, ob er überhaupt noch weiß, wer ich bin. Vor ein paar Jahren hatte er diese Momente noch, da haben wir dann viel über Fußball gesprochen.

"Ich will mich nicht vergessen"

OP: Wie reagierten seine Angehörigen und Freunde?
Hansch: Sie haben mit großer Betroffenheit reagiert – daraus entstand dann ja auch die Initiative. Sein öffentliches „Outing“ hat für eine gesellschaftliche Diskussion gesorgt, da er jemand war, der in allen Schichten bekannt ist. Der frühere Präsident von Borussia Mönchengladbach, Wilfried Jacobs, hat dann den Film „Ich will mich nicht vergessen“ gesehen, der Assauers Krankheit beschreibt und zu mir gesagt: „Lass mich mal machen“. Ein Jahr später stand die Initiative. Neben Jacobs und mir sind unter anderem auch der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering, der ehemalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen, Schalke-Präsident Clemens Tönnies und Alfred Draxler von der Bild dabei.

OP: Was kann die Gesellschaft aus dem Fall Rudi Assauer lernen?
Hansch: Wichtig ist, dass das Thema offensiver angegangen wird. Dazu hat der Fall Rudi Assauer beigetragen. Noch mehr helfen würde es natürlich, wenn sich auch andere Prominente „outen“ würden.

OP: Am  Mittwoch,  2. April, sind Sie zu Gast im Marburger Rathaus, bei der Veranstaltung „Menschen mit Demenz in unserer Mitte“. Was erwarten Sie dort?
Hansch: Ich halte dort einen Impulsvortrag und stelle unsere Ziele vor. Zudem präsentiere ich einige Vorzeige-Initiativen und möchte zum Nachahmen anregen.

Zur Person
Werner Hansch, geboren am 19. August 1938 in Recklinghausen, ist ein ehemaliger Fußball-Reporter, der für seine lebendigen Kommentare im Ruhrpott-Dialekt bekannt war. Er begann 1973 als Stadionsprecher bei Schalke 04 und wechselte 1978 zum WDR-Rundfunk. Später arbeitete er für verschiedene Fernsehsender. Seit 2012 widmet er sich infolge der Erkrankung seines Freundes Rudi Assauer dem Thema Demenz und Alzheimer.

von Peter Gassner

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