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Wasser bestimmt die ländliche Idylle

Marburgs Stadtteile: Ronhausen (Teil 8 von 18) Wasser bestimmt die ländliche Idylle

Gleich hinter Cappel und doch irgendwie eine andere kleine Welt: Ronhausen ist der zweitkleinste unter den Marburger Stadtteilen.

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Dominieren den Ortskern in Ronhausen: Die alte Kirche aus dem 16. Jahrhundert und das gegenüberliegende Bürgerhaus.

Quelle: Till Conrad

Ronhausen.  Stolze 220 Einwohner zählt der Ort, nur Dilschhausen hat unter den Marburger Ortsteilen weniger. Es waren hier in Ronhausen einmal deutlich mehr, 275 nämlich, erzählt Georg Schnell, seit 1977 im Ortsbeirat und Ortsvorsteher seit 1981 – und damit gemeinsam mit Heinrich Löwer (Cyriaxweimar) der dienstälteste unter den Ortsvorstehern in Marburg. Aber: Für junge Familien ist kein Bauland da, Kinder aus Ronhäuser Familien müssen deswegen ihren Traum von den eigenen vier Wänden in den Nachbargemeinden verwirklichen.

Das hat vor allem zwei Gründen: Erstens werden Baulücken im Ortskern vor allem als Gärten genutzt oder von den Eigentümern für Kinder oder Enkel reserviert. „Verkaufen will jedenfalls keiner“, sagt Schnell.
Zweitens spielt aber Ronhausen für die Trinkwasserversorgung von Marburg eine wichtige Rolle. Drei Trinkwasserquellen liegen auf Ronhäuser Gebiet, 500 000 Kubikmeter Trinkwasser werden hier jedes Jahr gefördert, der Jahresbedarf für 10 000 Personen. Das bedeutet aber auch, dass die Hälfte der Gemarkung als Wasserschutzzone 3 eingestuft ist und die unmittelbar an die Quellbereiche angrenzenden Bereiche als Wasserschutzzone 2, berichtet Schnell. Das bedeutet im Gesetz einen besonderen, abgestuften Schutz des Trinkwassers und in der Realität, dass eine Bebauung, auch unter Auflagen, in diesen Gebieten nicht gestattet ist. Erst vor wenigen Wochen lehnte das Hessische Landesamt für Umwelt und Geologie eine Initiative der Ronhäuser ab.

Der Unmut des Ortsvorstehers darüber ist spürbar, aber er ändert nichts an seiner Haltung zum Ort: Beim gemeinsamen Rundgang durch Ronhausen weist er genauso liebevoll auf Wasserhäuschen und Tiefquelle hin wie auf die Kirche im
Ortszentrum.

Wasser ist auch das prägende Element im unteren Ortsteil: An das Überschwemmungsgebiet an der Lahn schließen sich am Ortsrand weitläufige Hausgärten an. Die Trasse der alten Kreisbahn zwischen Cappel und Ebsdorf wird schon lange nicht mehr genutzt; hier verläuft heute ein Radweg. Am Lahnufer gab es auch einmal ein kleines Schwimmbad.
Dass der Fußballsportverein Borts-/Ronhausen seine Spielstätte schon immer im Nachbarort hat, hängt irgendwie auch damit zusammen: Für die Ronhäuser war das Schwimmbad wichtiger, und in Bortshausen gab es nun einmal Platz.
Einen schönen Eindruck vom bestimmenden Einfluss der Lahn bekommt, wer auf der früheren Kreisstraße in Richtung Argenstein abbiegt. Vor dem Lückenschluss der B 3 vielfach als Schleichweg von und in Richtung Gießen genutzt, ist die Straße heute zurückgebaut, wenn auch zu den Verkehrs-Stoßzeiten immer noch viel befahren. Das zwingt zum langsamen Fahren, weil streckenweise keine zwei Autos nebeneinander passen – und ermöglicht einen intensiveren Blick auf die Lahnauen.

Zurück im Ortskern, der von der Schule und der gegenüberliegenden Kirche dominiert wird. Die ist im spätgotischen Stil zu Beginn des 16. Jahrhunderts gebaut und ein wahres Schmuckstück. Der Sage nach soll hier die Heilige Maria gebetet haben. Noch heute wird das kleine Gotteshaus für Gottesdienste benutzt. Ronhausen war ursprünglich nach Cappel eingepfarrt, war aber, so weiß es Schnell, seit 1956 eine eigene Kirchengemeinde, zu der vorübergehend auch der Nachbarort Bortshausen gehörte. Seit 2012 schließlich gibt es den Zusammenschluss mit Cappel zur Evangelischen Kirchengemeinde Cappel/Ronhausen/Bortshausen.

Ronhausen wurde zum ersten Mal in einer Urkunde der Deutschordenkommende (Niederlassung) Marburg erwähnt. Im Januar 1290 ist das gewesen, gut 40 Jahre nachdem Sophie von Brabant sich mit dem Deutschen Orden verbündet, so ihre Macht gesichert und schlussendlich 1247 das Land Hessen gegründet hatte. Die Urkunde ist im Staatsarchiv Marburg aufbewahrt.
Schräg gegenüber von der Kirche befindet sich die Alte Schule, heute als Bürgerhaus genutzt. Mit seinem großen Saal, der knapp 100 Personen fasst, ist es beliebter Veranstaltungsort, sein moderner Anbau macht den besonderen Charme des Hauses aus – ist allerdings aus energetischen Gründen nicht ganz unumstritten.

„Wer in Ronhausen wohnt, lebt ganz bewusst hier“, sagt Schnell über seine Mitbürgerinnen und Mitbürger. Konflikte, so berichtet es der Ortsvorsteher, gibt es nicht. Die Zusammenarbeit im Ortsbeirat als auch mit den städtischen Ämtern sei gut; die Nahverkehrsanbindung an das Zentrum „in Ordnung“: alle zwei Stunden geht ein Bus in die Kernstadt. Kindergartenkinder und Schüler werden in Cappel betreut; wer einkaufen will, macht sich gleichfalls auf den Weg nach Cappel oder in die andere Richtung nach Ebsdorf. Ein Bäcker versorgt den Ort mobil.
Bei dieser Struktur mag es verwundern, dass es in Ronhausen keinen Vollerwerbslandwirt mehr gibt: der größte Teil der landwirtschaftlichen Flächen wird von einem auswärtigen Landwirt bewirtschaftet.

Stattdessen hat Ronhausen sage und schreibe zehn selbstständige Unternehmer – „jeder zweiundzwanzigste“, sagt Schnell. Das mag für Marburg ein Spitzenwert sein. Und das erfordert für Ronhausen eine leistungsfähige Internetverbindung, glaubt der Ortsvorsteher.
Er hat in diesen Tagen den Bedarf an Breitband in einer Umfrage ermittelt und wertet dies derzeit gerade aus, um gegenüber den Stadtwerken mit entsprechendem Nachdruck auftreten zu können. Auch das wird, das ist sicher, „in aller Freundschaft“ geschehen.

von Till Conrad

Ortsvorsteher Georg Schnell hat Ronhausen einmal in Versform beschrieben – Liebeserklärung und Kurzbeschreibung zugleich, mit der eigentlich fast alles gesagt ist:

Ronhausen, unweit schlängelt sich die Lahn,
begrenzt von grüner Au und Wiesen.
Wo früher für des Kreises Bahn,
nach Dreihausen hin und her,
statt Gleisen heut ein Radweg – viel gepriesen,
säumen Linden den Belag aus Teer.

Die Kirche uns‘res Dorf, dem schmucken,
vertraut, beschaulich und ganz klein,
lädt viele ein zum schaun und gucken.
Gegenüber steht das Bürgerhaus,
durch den Bewuchs aus Wein,
sieht es ganz verwunschen aus.

Und oberhalb des Dorf‘s Bebauung,
dort am schönen Waldessaum,
herrlich ist die Lahnbeschauung,
wer‘s nicht geseh‘n, der glaubt es kaum.

Zu sehen von dort oben gut
der Berg, die Hermesbach, die Struht,
Quelle unseres Hilgerbach,
aber auch manche Ungemach.
Das Auge reicht von Argestee
bis Niederweimar und dem Baggersee.

Drum, ihr liebe Leut,
wer hier wohnt hat es nicht bereut,
weshalb ich sage hier und immerfort,
ich bin verliebt in diesen Ort.

Einwohner:     220
Fläche :    239 ha
Vereine : 4
Kilometer zum Zentrum: 6
Erste Erwähnung: 1290
Ortsvorsteher: Georg Schnell, Fünfhausen 5, 35043 Marburg-Ronhausen, Telefon 0 64 21/7 77 01.
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In Elnhausen leben 1275 Menschen. Foto: Thorsten Richter

Elnhausen ist der Fläche nach der zweitgrößte Außenstadtteil, nur Cappel ist größer. Der Ort betrachtet sich selbstbewusst als Mittelzentrum für die umliegenden Dörfer Dagobertshausen, Dilschhausen und Wehrshausen.

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