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Richtsberg: Weg vom Plattenbau-Image

Serie "Wir in den Stadtteilen" (Sonderseite) Richtsberg: Weg vom Plattenbau-Image

Migranten mobilisieren die Massen: Es sind zunehmend Anwohner mit ausländischen Wurzeln, die den Richtsberg gestalten und den Stadtteil mit Leben füllen. Und sie bedienen sich ur-deutscher Errungenschaften.

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Tortentraum und ein Stück Russland am Richtsberg: Larissa
Budanschikov im Grand-Supermarkt. Ortsvorsteherin Erika Lotz-Halilovic (rechts).

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Vereine. Für Kritiker der muffige Inbegriff des Kleinbürgertums. Für Fans hingegen Hort der Gemeinschaft, Labor für Ideen und Aktivitäten in der Nachbarschaft. Zwischen Friedrich-Ebert-Straße und Badestube sind es zuletzt vor allem arabisch-, türkisch- und russischstämmige Anwohner, die Vereinen zu einem Boom verhelfen. „Es fällt wirklich auf, wie sehr gerade die Kinder und Kindeskinder der Einwanderer dieses klassische deutsche System verinnerlicht haben“, sagt Erika Lotz-Halilovic, Ortsvorsteherin. Vor Kurzem erst hat eine junge Türkin einen Frauenverein gegründet. „Das ist die nächste Bereicherung für unseren Stadtteil“, sagt Lotz-Halilovic. So, wie schon der islamische Kulturverein Hadara, das deutsch-osteuropäische Zentrum DOIZ, die Interkulturellen Gärten und der Sambo Verein. Sie alle sind maßgeblich vom Engagement geprägt, das Menschen aus 94 Nationen - so viele wohnen im Stadtteil - beitragen.

SO FEIERT DER RICHTSBERG
  • 22. Februar, 17 Uhr: Suppenfest
  • 28. Februar, 19 Uhr: Fasching
  • 1. März: Vernissage in Kunstoase
  • 14. März, 19 Uhr: Würfelabend
  • 15. März, 14 Uhr: Kinder- und
  • Familiennachmittag auf dem Gelände der Bürgerinitiative für Soziale Fragen.
  • 5. April: Aktion Sauberer Stadtteil
  • 24. Mai: Fest 50 Jahre Richtsberg

Doch plagen den Richtsberg auch Probleme. Da ist etwa die nach wie vor hohe Quote von Sozialleistungs-Empfängern - etwa 2000 leben in Bedarfsgemeinschaften, 450 gelten als nicht-erwerbsfähig. Soziale Sorgen, die sich für viele Auswärtige vor allem in den Hochhäusern, als Symbol für einen Problem-Stadtteil, spiegeln. Auch deshalb wollen Anwohner weg von der Plattenbau-Silhouette, das Image der kühlen Hochhaus-Siedlung abstreifen.

Die Hoffnung vieler, wie Lotz-Halilovic sagt, ruhe auf der anstehenden Zwischenbebauung, auf den Bau moderner Häuser, auf die energetische Sanierung der wuchtigen, lange vernachlässigten Bauten entlang der Straßenzüge. „Das ist ein Mega-Thema unter den Leuten: Man sehnt herbei, dass das 60er-Jahre-Antlitz aufgebrochen, die Gegend aufgewertet wird“, sagt Lotz-Halilovic. Die alte Bausubs­tanz sorgt für hohe Nebenkosten. „Die sprengen das Budget der meisten“, sagt sie.

Und vom Traum der Barrierefreiheit, den Hunderte Älterer im Stadtteil träumen, sei man noch weit entfernt. „Schon kurz nach der Haustür stehe ich vor hohen Stufen. Und wenn ich die geschafft habe, stehe ich vor einem defekten Aufzug“, sagt eine Anwohnerin in der Sudeten-straße. Andere Mieter in der Gegend berichten von ähnlichen Mühen: Sieben, acht Stockwerke müsse mancher erklimmen, weil der alte Aufzug regelmäßig kaputt gehe. Erwartungen haben die Richtsberger daher an das städtische Energiekonzept. Vor allem Wohnungsbaugesellschaften wie Gewobau, GWH und private Investoren wie Amadeus sind gefordert, in die Modernisierung der 50 Jahre alten Bauten Geld zu investieren. Einiges habe sich vor allem bei der energetischen Sanierung schon getan, doch müsse noch viel mehr Geld ausgegeben werden, um die Bauten zukunftsfähig zu gestalten, sagt die Ortsvorsteherin.

Fernsehprobleme nerven die Anwohner

Parallel zur angepeilten Lückenbebauung fürchten viele, dass sich die Parkplatz-Probleme rund um die Wohnungen verschärfen. Ohnehin wirken viele Stellflächen wie eine Kraterlandschaft: „So macht man sich schnell das Auto kaputt“, sagt Valentin Bosch, Anwohner in der Sudeten-straße. Dass die Richtsberger sich einen intakten Stadtteil wünschen, verdeutlicht der Blick auf die Zahl der Probleme, die sie im Internet beim Marburger Mängelmelder eintragen: Ein Großteil der rund 300 Beschwerden befasst sich mit Problemen am Oberen Richtsberg.Eine Sorge, die nicht weicht, ist die Furcht vor weiteren Immobilien-Verkäufen. Nach dem Hickhack um einige Blocks in der Straße Am Richtsberg, dem dortigen Investitionsstau, rechnet mancher mit weiteren Qualitätseinbußen, wenn sich etwa die GWH zu Verkäufen entscheiden sollte.

Frustfaktor Fernsehen: Seit Wochen plagen sich die Richtsberger mit dem Kabelanbieter Unitymedia herum. Ausfälle, Sender-Wegfall, Hotline-Warteschleifen - viele sind genervt von den Störungen. „Ich kann kaum noch gescheit Fernsehen, weil immer irgendetwas anderes ist. Regionalprogramme sind mal vorhanden, mal nicht. Dann liegen sie mal auf diesem, mal auf einem anderen Kanal“, sagt etwa Maria Stumpf. Ein anderes aktuelles Problem sind Betrüger, die Anwohner am Richtsberg in die Falle locken wollen. Angebliche Energieberater klingeln, sagen, die Stadtwerke würden die Kunden abzocken. Die mutmaßlichen Verbrecher verlangen Einblick in die Verträge mit dem Energieversorger - die Stadtwerke warnen vor dieser Betrugs-Masche.

Auch wenn viele Anwohner es nicht wissen werden, es war ein zäher Kampf bis ihre Häuser aus dem Boden gestampft werden konnten. Politischer Zoff, Rechtsstreits, Proteste: Bis die Marburger Wohnungsnot in den 60er- und 70er-Jahren gelindert werden konnte, war viel Überzeugungsarbeit nötig.

Heute punktet der Richtsberg bei jungen Familien mit großen Wohnungen zu bezahlbaren Mieten sowie mit seiner Kinderfreundlichkeit: In diesem Jahr soll eine fünfte Kindertagesstätte eröffnen, daneben existiert ein Hort. Die Gesamtschule - die den Multikulti-Gedanken im positiven Sinne pflegt - hat ihren Ruf ebenfalls über viele Jahre aufpoliert. Moderne Sporthalle, Musikräume, soziales Engagement: Die meisten Schüler sind glücklich in ihrem Stadtteil.

Fakten:

  • Einwohner: 8 000
  • Fläche (Hektar):    154
  • Vereine: 13
  • Kilometer zum Zentrum: 5
  • Kindergärten: 5
  • Im Stadtteil Richtsberg leben Einwohner aus 94 verschiedenen Ländern.
  • Ortsvorsteherin: Erika Lotz-Halilovic, Kontakt: 0 64 21 / 3 04 99 67 oder ov-richtsberg@marburg.de

Alle bisher erschienenen Serienteile finden Sie hier gesammelt.

von Björn Wisker

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