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Höhenflug mit Studenten und Top-Firma

Marburgs Stadtteile: Moischt (Teil 1 von 18) Höhenflug mit Studenten und Top-Firma

Moischt im Südosten Marburgs hat sich zu einer Hochburg für Studenten-wohnungen entwickelt. Doch plagen Zugezogene und Alteingesessene die gleichen Sorgen: Die gekappte Bus-Anbindung und das lahme Internet.

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Cappel: Das glückliche Dorf am Rande der Stadt

Nichts geht mehr: Der Marburger Stadtteil Moischt zählt rund 1200 Einwohner – Grundstücke für Neubauten sind kaum noch vorhanden, sagt Ortsvorsteher Horst Mania.

Quelle: Brock

Moischt. Die Stille trügt. Zwischen den gelben Ortsschildern mit Aufschrift Marburg-Moischt gärt es. „Die Bewohner sind sehr sauer, richtig wütend“, sagt Horst Mania, Ortsvorsteher. Seitdem die Stadtwerke im Dezember 2013 den Fahrplan der Linie 12 zusammen strichen, rollt zwischen 12.26 und 18.43 Uhr kein Bus durch den Stadtteil. „Für Studenten ist das tödlich. Da sollen sie wegen der Wohnungsnot im Zentrum in die Außenstadtteile ziehen, aber Busse fahren kaum“, sagt er.

Der Ärger der 1200 Einwohner führt zum Protest: Der Ortsbeirat fordert Kommunalpolitik und Verkehrsbetrieb auf, die Busse wieder im Einstundentakt die drei Haltestellen anfahren zu lassen.

Die Überlandlinie 80, die Moischt passiert, decke den Bedarf nicht ab. „Die ist gerade morgens proppevoll“, sagt Mania. „Erst wollte ich auch in die Innenstadt, aber da ich auf den Lahnbergen studiere und viel Rad fahre, ist die Lage für mich in Ordnung. Ich mag es hier“, sagt Andreas Schmidt, Biologiestudent. Auch ihn nervt die weggefallene Busverbindung, abends setzt er oft auf das Anruf-Sammel-Taxi.

Die Moischter sehnen zudem das Turbo-Internet, die Verlegung von Glasfaserleitungen, herbei. „Auch das ist - nicht nur, aber auch - für unsere Zukunft als Studentenwohnort enorm wichtig“, sagt Mania. Nervös blickt man im Ort daher nach Bauerbach, wo Verzögerungen bei den Bauarbeiten den Anwohnern zu schaffen machen. Ab 2015, wenn Michelbach und Ginseldorf fertig sind, rückt Moischt auf die Agenda.

Neben der besseren Busverbindung und Turbo-Internet wünschen sich die Moischter 2014 den Ausbau eines Rad- und Fußwegs entlang der Kreisstraße 38, zwischen der Hahner Heide und der Zufahrt zur ehemaligen Deponie Stempel sowie eine Anbindung zu den Nachbarn aus Schröck.

Der Ort wurde erstmals im Jahr 1248 in Dokumenten des Mainzer Erzbischofs unter dem Namen „Mussede“ urkundlich erwähnt. Der Ortsname dürfte Experten zufolge chattischen Ursprungs sein, zusammengesetzt aus den Worten „muos“ (naß / sumpfig) und „ithi“ (Heide, Waldgebiet).

Seit 40 Jahren Teil der Marburg-Familie

Tatsächlich dürfte die Siedlung älter als 800 Jahre sein, da am Südwestrand des Ortes Keramikfunde aus der Karolingerzeit ausgegraben wurden. In der Nähe von Moischt soll am 30. Juli 1233 Konrad von Marburg, der Beichtvater der Heiligen Elisabeth, erschlagen worden sein. Der „Konrad-von-Marburg-Stein“ nahe Hof Capelle erinnert daran. Seit der Gebietsreform von 1974 ist der Ort Teil der Universitätsstadt. Moischt ist mehrheitlich evangelisch, gehört zum evangelischen Kirchspiel Wittelsberg/Moischt/Schröck, beziehungsweise zur katholischen Pfarrgemeinde St. Michael und St. Elisabeth im Nachbarort Schröck.

„Viele junge Familien haben sich in den vergangenen Jahren hier niedergelassen“, sagt Mania. Sie lieben den nahen Kindergarten sowie die Spielplätze und Nähe zur Natur, wo die Kinder toben können. Jugendliche treffen sich indes in einem eigenen Club.

Moischter Eigentümer sind sehr zurückhaltend

Auch wegen dieses jungen, aktiven Dorflebens fragen Investoren weiterhin nach Grundstücken, wollen Bauland für neue Häuser. Vergeblich. „Wir sind voll“, sagt Mania. Nur eine Fläche, wo noch zehn Häuser gebaut werden könnten, könnte künftig in den Fokus rücken. Doch die Moischter Eigentümer sind zurückhaltend mit den Grundstücksverkäufen. Moischt boomt - der spärlichen Infrastruktur zum Trotz.

„Uns fehlen ein Bäcker, ein Metzger - die kommen nur mobil hierher“, sagt Mania. Auch Ärzte finden sich erst in Cappel.

Die Bewohner lieben ihren Ort. „In Moischt bin ich geboren, es ist ein Teil von mir, hier fühle ich mich aufgehoben“, sagt Hartmut Deuker. „Toll ist die wahnsinnig schöne Landschaft, die Sicht ins Amöne­becker Becken, die Nähe zum Frauenberg, man ist ruck zuck zum Spazierengehen im Wald.“ Zwar kenne man nicht mehr, wie bis vor zehn, 20 Jahren, alle Mitmenschen aus der Nachbarschaft. Aber zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen harmoniere es immer besser. Dafür sorgen auch Seniorennachmittage und Theateraufführungen.

Die Integration von Neubürgern ist aber nicht immer leicht. Die Fluktuation, die durch den Zu- und Wegzug von Studenten entsteht, ist ein Grund dafür.

Die Heimat eines Weltmarktführers

Dennoch: „In letzter Zeit gab es vermehrt Impulse, etwa die Spieleabende, die sich etabliert haben“, sagt Mania. Zudem schicken viele der Neuankömmlinge ihre Kinder in die Vereine, etwa in die größten wie den 300 Mitglieder zählenden TSV oder die 130 Aktiven zählenden Schützen des SV. Konrad Ludwig und der Moischter Heimat- und Geschichtsvereins sorgen indes dafür, die Historie des Stadtteils zu bewahren. An Häusern und Höfen werden Schilder mit den alten Dorf- und Hausnamen angebracht.

Mehr als ein Dutzend Gewerbebetriebe haben ihren Sitz in Moischt, bekannt ist vor allem das 16 Mitarbeiter zählende Battenberg Robotics. Die Firma, die als Weltmarktführer in ihrer Branche gilt, produziert Technik für Konzerne wie Volkswagen, Airbus, Nokia, Continental oder Miele.

„Hier stimmt der Wohlfühlfaktor. Man lebt und arbeitet im Einklang mit der Natur“ sagt Günther Battenberg, Firmengründer und Geschäftsführer. Den Wechsel der Jahreszeiten erlebe man in Moischt, in Waldnähe, intensiver. Und Geschäftspartner - etwa von Toyota aus Asien oder Porsche in Stuttgart - staunen stets über die Lage in der Landschaft. „Unsere Kunden sagen, wir würden an einem Ort arbeiten, wo andere gerne Urlaub machen würden, wenn sie etwa auf die Amöneburg schauen.“

von Björn Wisker

Freizeit, Fasching, Feiern: So leben die Moischter 2014

  • 2. März, 14 Uhr: Kinderfasching
  • 22. März, ab 10 Uhr: Ostermarkt
  • 27. April, 10 Uhr: Konfirmation
  • 30. April, ab 19 Uhr: Maifeier
  • 29. Mai, 10 Uhr: Grillfeier
  • 15. Juni, ab 14 Uhr: Sporttag
  • 19. Juni, 10 Uhr: Wandertag
  • 19. Juli, 15 Uhr: Kompfest
  • 30. August: Dämmerschoppen
  • 31. Oktober: Halloweenparty
  • 8. November: Vereinskegeln
  • 13. Dezember: Adventsfeier
  • 14. Dezember: Adventssingen
  • 20. Dezember: Maumau-Turnier
  • 27. Dezember: Skat-Turnier

Lesen Sie auch den zweiten Teil der Serie "Wir in den Stadtteilen - Cappel"

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