Volltextsuche über das Angebot:

27 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Dorf kämpft gegen das Wehr-Drama

Marburgs Stadtteile: Schröck (Teil 12 von 18) Dorf kämpft gegen das Wehr-Drama

Sporthochburg Schröck: Der 1800 Einwohner zählende Stadtteil ist geprägt von Fußball-Gruppenligist FSV. Dieser hat dieBewohner mit einemBewegungs-Fieber infiziert. Jetzt soll eine Sportanlage für alle her.

Voriger Artikel
Exklusives Wohnen am Rand der Stadt
Nächster Artikel
Gisselberg war einst Dorf der fünf Höfe

Das Radrennen „Rund um den Elisabethbrunnen“ steht symbolisch für die Sportbegeisterung in Schröck.

Quelle: Thorsten Richter

Schröck. James Bond wäre entzückt. Die Strecke für die Verfolgungsjagd im nächsten Geheimagenten-Film könnte kaum besser sein als jene vom Universitätsklinikum auf den Lahnbergen hinunter nach Schröck. Kurven, Wald, Licht-Schatten-Wechsel: Rechts rauscht der Elisabethbrunnen vorbei, links liegen Sportplätze und Vereinsheim des 440 Mitglieder starken FSV. Der Blick schweift über die Felder des Ebsdorfer Grunds hin zur Amöneburg - eine Filmkulisse.

Uwe Heuser lebt in ihr. Der Ortsvorsteher wohnt seit 1978 in Schröck. „Ich kam als Zugezogener. Als Evangelischer. Als SPD-Mitglied“, sagt er. Damals sei es schwer gewesen, Freundschaften zu knüpfen in der katholischen, konservativen Bastion. Die Abwehrhaltung, die Kontaktscheu von einst sei aber über die vergangenen Jahre der Offenheit gewichen. „Schröck bedeutet Vielfalt, bedeutet aktive Leute“, sagt er.

Und weil das so ist, treibt Heuser einen Plan voran: Er will mit Gleichgesinnten am Ortseingang ein neues Freizeit-Gelände bauen. Einen Multifunktionsplatz, auf dem die einen Basketball, die anderen Boccia spielen können.

Wo diese Zumba tanzen, jene turnen können. 450 Quadratmeter ist die Fläche groß, liegt neben dem Vereinsheim des FSV - und lag jahrelang brach. Mittlerweile hat die Stadt auf Bitten der Schröcker dort Schotter aufgeschüttet.

Der Schröcker Plan sieht einen Gummibelag vor, auf dem Basketballkorb und Co. stehen. Planung, Bau, Pflege: Die Schröcker wollen sich selbst um eine neue Anlage kümmern. „Das Dorf packt da an! Unseren Berechnungen zufolge kostet das alles 10 000 Euro. Beim Geld brauchen wir die Hilfe der Stadt“, sagt Heuser. Unwahrscheinlich, dass das bis zum17. Mai, dem Tag der Einweihung des umgebauten Fußballgeländes, klappt.

Größere Sorgen bereiten die Folgen des demografischen und gesellschaftlichen Wandels. Viele Ältere, weniger Junge leben im Ort. Bauern gebe es kaum noch. Drei Vollerwerbs-Landwirte sind geblieben. „In Schröck gibt‘s keine Kuh mehr“, sagt Heuser.

Feuerwehr-Nöte kommen auf den Stadtteil zu

Die Infrastruktur des 1233 erstmals urkundlich erwähnten Dorfs ist indes noch intakt. „Wir haben eine Grundschule mit 200 Kindern, einen Kindergarten, einen Bäcker, Dorfladen, eine Ärztin“, sagt Heuser. Er betont: „noch.“ Denn der Bäcker werde in den kommenden Jahren die Filiale dicht machen und die Ärztin gehe in den Ruhestand. Etwas neidisch schaut man daher auf das wenige Kilometer entfernte, etwa gleichgroße Großseelheim. „Die haben sogar noch eine Tankstelle“, sagt Heuser. In Schröck fehle es am Wochenende, wenn die Bank geschlossen ist, sogar an einem Geldautomaten.

Vor allem die drohende Personalnot bei der Feuerwehr macht den Dorf-Fans zu schaffen. „Binnen der nächsten drei, vier Jahre bekommen wir keine komplette Einsatz-Mannschaft mehr zusammen“, sagt Heuser. Und das, obwohl die Schröcker Wehr als Top-Wehr gilt, kurze Ausrückzeiten und vor allem das Klinikum im Fokus hat. Allerdings zermürben die vielen Fehlalarme am UKGM die freiwilligen Brandbekämpfer.

Für die Anwohner könnte sich das drohende Wehr-Aus zu einem „katastrophalen Drama“ entwickeln: „Wenn es hier dann brennt, mit all dem Holz, dem Fachwerk, dann wird jeder merken, welchen Unterschied es macht, ob eine Wehr sofort, oder fünf, sechs Minuten später dort ist“, sagt Heuser.

Außerdem: Nicht nur bei Bränden brauche es die Wehr, auch bei Auto-Unfällen. Deshalb will die Feuerwehr im Frühjahr eine Info-Kampagne im Ort starten, speziell bei jungen Erwachsenen und in den Neubaugebieten für Hilfe werben. „Wir müssen an die Zugezogenen ran, jeder muss Hemmschwellen abbauen, mehr Mut haben, mitzumachen. Hier geht es nicht um die Zukunft eines Saufvereins, sondern darum, Leben und Existenzen zu retten“, sagt Heuser.

Das geteilte Internet-Dorf

Für die Lebensqualität und Zukunft des Stadtteils ist die Internet-Verbindung entscheidend.Gerade für Uni-Mitarbeiter und Studenten sei es „unzumutbar, noch länger als weitere zwei, drei Jahre auf moderne Leitungen verzichten zu müssen“, sagt Heuser.

Doch die von den Stadtwerken gestartete Glasfaser-Offensive für das Turbo-Internet könnte in Schröck ins Stocken geraten. Denn obwohl im Norden die Anwohner mit Modem-Tempo durch die virtuelle Welt kriechen und viele die neuen Kabel herbeisehnen, können im Süden - nachdem einst die Telekom in das Netz investierte - die meisten immerhin 16 000er-DSL-Leitungen nutzen. „Fraglich, ob die Zahl der Vertragsabschlüsse mit den Stadtwerken ausreicht, um alle Straßenzüge anzuschließen“, sagt Heuser. Sollte es an der Zahl der Interessenten scheitern, hoffen Anwohner auf einen Deal zwischen den Konkurrenten Stadtwerke und Telekom. „Wenn die Stadtwerke die Straßen eh aufreißen, sollten sie Leerrohre verlegen, so dass die Telekom ihre Kabel durchziehen könnte“, sagt Heuser.

von Björn Wisker

Fakten zum Ort:

  • Einwohner: 1800
  • Fläche (Hektar): 647
  • Vereine: 19
  • Kilometer zum Zentrum: 8
  • Kindergarten / Schule: 2
  • Das Dorf wurde erstmals 1233 unter dem Namen „de Scrikkede“ erwähnt.
  • Ortsvorsteher: Uwe Heuser, Kontakt 0 64 24/ 9432865, ov-schroeck@marburg.de
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Pioniere prägen Zukunfts-Dorf

In Ginseldorf reifen Überlegungen, am bundesweiten Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ teilzunehmen. 2005 reichte es zu Rang zwei – jetzt erhofft man sich einen Geldsegen um das Bürgerhaus aufzuhübschen.

mehr
Früher tanzten hier die Irrlichter

Cyriaxweimar feierte vor sechs Jahren das 750-jährige Bestehen. Auch einige Jahre nach dem Jubiläum ist richtig was los in dem Marburger Stadtteil.

mehr
Höhenflug mit Studenten und Top-Firma

Moischt im Südosten Marburgs hat sich zu einer Hochburg für Studenten-wohnungen entwickelt. Doch plagen Zugezogene und Alteingesessene die gleichen Sorgen: Die gekappte Bus-Anbindung und das lahme Internet.

mehr
Cappel: Das glückliche Dorf am Rande der Stadt

Weitgehend sorgenfrei feiern die Cappeler in diesem Jahr die 875. Wiederkehr der ersten urkundlichen Erwähnung.

mehr
Einst Dorf, jetzt Wohn- und Gewerbeort

Wehrda war ursprünglich ein Bauerndorf, das Anfang des 20. Jahrhunderts knapp 900 Einwohner zählte. Heute wohnt dort etwa ein Zehntel der Marburger – ähnlich wie in Cappel am anderen Ende der Stadt.

mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr