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„Wir haben keine Angst vor Großprojekten“

Interview mit Stadtwerke-Pressesprecher „Wir haben keine Angst vor Großprojekten“

Kostspielige Utopie oder realistischer Plan? Ein OP-Interview mit Pascal Barthel, Sprecher der Stadtwerke, zu dem kontrovers diskutierten Straßenbahn-Bauvorhaben in der Universitätsstadt.

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Die 1951 eingestellte Straßenbahnstrecke, die auch an der Elisabethkirche vorbeiführte, war rund 3,6 Kilometer lang.

Quelle: Archiv

Marburg. OP: Wieso, ohne irgendeine in der Stadt dafür vorhandene Infrastruktur (Gleise, Leitungen etc.), eine Straßenbahn-Strecke bauen, wenn doch der Kauf von mehreren Bussen billiger wäre?

Pascal Barthel (Foto: Björn Wisker) : Mit der Straßenbahn können wir mehr Menschen besser und komfortabler befördern. Darüber hinaus fährt die Bahn mit unserem Öko-Strom im Gegensatz zu den Diesel- oder Erdgasbussen. Für die Kapazität von einer Straßenbahn bräuchten wir mindestens zwei Busse. Damit würden wir den Nahverkehr finanziell mit der Abschreibung jährlich stärker belasten als mit einer Bahn (Anm. d. Red.: zu je 500000 Euro im Vergleich zu 2,35 Millionen Euro für einen von fünf benötigten Zügen). Hinzu kommt, dass die Bahn eine dreimal höhere Nutzungsdauer hat als unsere Busse.

OP: N icht zuletzt angesichts der städtischen Haushaltslage: Bei den zur Debatte stehenden Millionensummen, insgesamt mindestens 45 Millionen Euro, wird vielen Marburgern noch schwindeliger als bei der Stadthalle - die ja teurer wurde als geplant.

Barthel: Wir haben keine Angst vor Großprojekten. Eines unserer letzten Projekte haben wir mit über 14 Millionen Euro geplant. Am Ende konnten wir die Ausgaben deutlich, um eine Million Euro reduzieren (Anm. d. Red.: Zentrale „Am Krekel“). Es muss also nicht immer teurer werden. Aus der aktuellen Konzeptstudie geht hervor, dass wir mit Fördergeldern rechnen können. Wir reden somit von rund zehn Millionen Euro Eigenleistung. Die Stadt Marburg wäre für den Schienenaufbau zuständig und wir für den Rest - das ist bis 2030 gut realisierbar. Selbstverständlich ist es am Ende eine politische Entscheidung, und es bleibt dabei: Die Stadtwerke als kommunales Unternehmen gehen wie gewohnt verantwortungsvoll mit dem Geld der Bürger um.

OP: Vor einigen Jahren die Seilbahn, jetzt die Straßenbahn: Diesmal scheint die Kritik aber milder zu sein, Gelächter bleibt fast ganz aus, die Marburger Kommunalpolitik ist angesichts der erstellten Konzeptstudie sogar regelrecht euphorisiert.

Barthel: In der Bevölkerung und glücklicherweise auch in der Politik ist angekommen, dass wir jetzt handeln müssen. Unser Nahverkehr wird so stark genutzt, wie sonst nur in Großstädten. Dies freut uns, aber wir fahren aktuell am Limit. Eine Seilbahn hat in der Regel nur einen Start- und einen Endpunkt. Da bietet die Straßenbahn als Flächenversorger deutlich mehr Möglichkeiten. Nicht umsonst spricht man auch anderenorts von einer Renaissance der Straßenbahn.

OP: Wieso eine einsame, aber teure Strecke schaffen, die das Zentrum, die Hauptachse der Stadt ignoriert und stattdessen nur einen Halb-Stadtteil, in dem niemand wohnt und dessen Fahrgastzahl-Steigerung angesichts sinkender Studentenzahlen und Alterung der Bevölkerung nicht garantiert ist, anbinden? Wir reden ja von einer Jungfernfahrt im Jahr 2030.

Barthel: Jede Reise beginnt bekanntlich mit dem ersten Schritt. Wie sich eine Straßenbahn dann weiter entwickelt, ist aktuell nicht abzusehen. Jetzt müssen wir von steigenden Fahrgastzahlen ausgehen. Darüber hinaus weiß niemand, wie sich die Lahnberge entwickeln. Wer sagt, dass auf den Lahnbergen nicht zusätzlicher Wohnraum und weitere Infrastruktur entstehen? Außerdem spricht der demographische Wandel für die Straßenbahn als beliebtes Verkehrsmittel gerade von älteren Menschen.

von Björn Wisker

Rahmendaten:

  • Bauzeit: circa sechs Jahre
  • Inbetriebnahme: 2030
  • Kosten: 33,5 Millionen Euro für die Infrastruktur, weitere mindestens zwölf Millionen Euro für Straßenbahnzüge, Technik und Ausstattung
  • Streckenlänge: rund 4,5 Kilometer
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