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„Wir haben einen Demokratie sichernden Auftrag“

Interview mit HR-Intendant Manfred Krupp „Wir haben einen Demokratie sichernden Auftrag“

Der neue Intendant des Hessischen Rundfunks, Manfred Krupp, hält am Mittwoch im Sprachatlas einen Vortrag. Die OP hat ihm im Vorfeld vier Fragen zum Thema gestellt.

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Manfred Krupp.

Quelle: Arne Dedert

Marburg. Oberhessische Presse: „Lügenpresse“, „postfaktisch“ und andere: Eine ganze Reihe neuer Wortschöpfungen umschreibt ein Phänomen, das in unserer Gesellschaft neu ist: Einen Vertrauensverlust in die Medien. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Manfred Krupp: Ich denke,­ man muss sehr genau hinschauen. Der Vertrauensverlust ist derzeit nicht so groß, wie oft behauptet wird. Vorige Woche hat beispielsweise der WDR die Ergebnisse einer repräsentativen aktuellen Studie des Meinungsforschungsinstituts „infratest dimap“ veröffentlicht: Fast 90 Prozent der Bundesbürger bewerten die Qualität des Informationsangebots der deutschen Medien nach wie vor als gut oder sehr gut. Dafür spricht auch, dass die „Tagesschau“ im vergangenen Jahr so viele Zuschauer erreicht hat wie schon seit zehn Jahren nicht mehr, sie wurde täglich von mehr als neun Millionen Menschen geschaut. Die öffentlich-rechtlichen Sender und auch die Qualitätszeitungen haben nach wie vor eine hohe Glaubwürdigkeit.

Trotzdem stimmt es uns sehr nachdenklich, dass eine Gruppe von Menschen beispielsweise glaubt, wir seien bei manchen Themen nicht frei. Das ­Etikett „Lügenpresse“ verwende­ ich ganz bewusst nicht, weil ich glaube, dass mit diesem Begriff ein Eindruck vermittelt wird, der aus meiner Sicht grundfalsch ist. Unsere Medien sind historisch geprägt von den amerikanisch-demokratischen Idealen der Nachkriegszeit, die ­heute manchen Menschen antiquiert erscheinen.

Die Medienwelt hat sich verändert. Die Vielzahl von Informationen, Meinungen und Angeboten, die zum Teil ungeprüft in großer Geschwindigkeit verbreitet werden, ist kaum noch zu überschauen und gerade im Netz auch leicht zu manipulieren. Das ist eine Entwicklung, die uns Sorge bereitet und die wir sehr ernst nehmen. Ich denke, wir sollten dem mit Transparenz begegnen und deutlicher machen, wie wir arbeiten: Nach welchen Kriterien wählen wir Themen aus? Was sind unsere Quellen? Wir müssen auf Qualität, aber auch auf eine offene Fehlerkultur setzen, um unsere Glaubwürdigkeit zu bewahren. Denn wir haben in der Vergangenheit oft die anderen stark kritisiert, ohne immer auch eigene Fehler einzugestehen.

OP: Vor allem soziale Netzwerke füllen heute im Bewusstsein vieler die Rolle als „Gegenöffentlichkeit“ aus - die Beiträge sind direkter, enthalten oft unbewiesene Behauptungen und Beschuldigungen, die Autoren bleiben mehr oder weniger anonym. Was müssen Rundfunk und Fernsehen, was müssen Verlage tun, um die Rolle als „Öffentlichkeit“ wieder selbst auszufüllen?

Krupp: Zunächst einmal finde ich die Grundidee der sozialen Netzwerke toll, sie schaffen eine Verbreiterung der Öffentlichkeit. Leider agieren aber viele Menschen aus der Anonymität heraus und glauben, nicht verantwortlich zu sein für das, was sie posten. Fakt ist auch, dass das Netz beeinflussbar ist.

Wir müssen deutlich machen, was uns unterscheidet: Sorgfältige Recherche beispielsweise oder auch das Überprüfen von Fakten brauchen Zeit, die müssen wir uns nehmen. Wir müssen die richtigen Fragen stellen, Sachverhalte einordnen und Orientierung bieten. Dazu gehört, dass Menschen das Gefühl haben, sie bekommen zuverlässig und sicher am gleichen Ort die Informationen, die sie suchen.

Das ist ein großes Plus von Regionalzeitungen, wie auch von regionalen Hörfunk-, Fernsehen- oder Onlineangeboten. Wir müssen aber auch dialogbereiter und ansprechbarer werden und ein offenes Ohr für unsere Nutzer, unsere Zuschauerinnen und Zuschauer, für Leserinnen und Leser haben.

OP: Was halten Sie davon, das geltende Presserecht auch auf die sozialen Netzwerke auszudehnen?

Krupp: Es ist doch heute schon so, dass auch in den sozialen Netzwerken das Behaupten falscher Tatsachen beispielsweise­ Verleumdungen, Volksverhetzungen oder Beleidigungen unter das allgemeine Straf- und ­Zivilrecht fallen. Die Betreiber­ sind nach geltendem Recht auch verpflichtet, offensichtlich rechtswidrige Informationen auf entsprechenden Hinweis zu entfernen. Für die sozialen Netzwerke gelten die gleichen juristischen Grenzen der Äußerungsfreiheit wie für die professionellen Medien.

Für Journalisten gilt darüber hinaus aber beispielsweise­ noch eine erhöhte Sorgfaltspflicht bei der Recherche, die im Pressekodex und in den Programmgrundsätzen der Rundfunkanstalten festgeschrieben ist.

Das zeichnet Qualitätsmedien aus und darauf fußt auch unsere Glaubwürdigkeit. Eine Debatte gewinnt man nicht mit Juristen. Lieber sollten wir Möglichkeiten bieten, Diskussionen für eine gesunde Streitkultur zu führen. Wir praktizieren dies gerade mit Erfolg bei hr-iNFO und der Aktion #besserstreiten.

OP: Der neue amerikanische Präsident Donald Trump hat in einer seiner ersten Reden von einem „fortlaufenden Krieg“ mit den Medien gesprochen. Sehen Sie die Gefahr, dass auch hierzulande staatliche Stellen massiven Druck auf Medien ausüben, um eine ihnen genehme Berichterstattung durchzusetzen?

Krupp: Ich kann aus meiner Erfahrung nach einem Jahr als Intendant berichten, dass es keinen Versuch einer Einflussnahme und keinerlei Druck auf mich vonseiten der Politik gegeben hat und gibt. Dies zeigt mir für Hessen: Die politische Kultur hier ist intakt.

Es mag in Deutschland Beispiele einer versuchten Einflussnahme geben, aber jedes Qualitätsmedium weiß, dass der Preis für eine erzwungene Berichterstattung die eigene Glaubwürdigkeit ist und damit die Legitimation.

Natürlich kann keiner garantieren, dass Effekte aus dem Ausland verstärkt auch nach Deutschland übergreifen. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind Staatsferne und Programmunabhängigkeit verfassungsrechtlich abgesichert. Wir haben einen Demokratie sichernden Auftrag und die Aufgabe, eine Gesamtöffentlichkeit herzustellen, gemeinsam mit den anderen Qualitätsmedien. Das ist der beste Schutz gegen falsche Einflüsse von außen.

Der Intendant des Hessischen Rundfunks, Manfred Krupp, spricht heute ab 14.15 Uhr im Vortragsraum 001 des Forschungszentrums Sprachatlas, Pilgrimstein 16.

von Till Conrad

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