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„Wir gehen mit Schablone an Menschen heran“

Interview mit Marburger Sozialpsychologen „Wir gehen mit Schablone an Menschen heran“

Zum Höhepunkt der Flüchtlingskrise vor einem Jahr war es am dringendsten, Zehntausenden Neuankömmlingen ein Dach über dem Kopf zu geben.

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Der Marburger Sozialpsychologe Dr. Ulrich Wagner sagt: „Integration kann ein Schlüssel gegen Extremismus sein“.

Quelle: Foto: Patrick Lux / dpa

Marburg. Mittlerweile steht ihre Integration im Vordergrund. Dabei sei es wichtig, die Bedürfnisse der Menschen stärker in den Blick zu rücken – und Integration nicht mit Assimilation zu verwechseln. Das sagt der Marburger Sozialpsychologe Dr. Ulrich Wagner im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

OP: Was fehlt derzeit zur optimalen Integration der Flüchtlinge?
Ulrich Wagner: Wir gehen momentan mit einer Schablone an die Menschen heran und tun so, als wenn alle die gleichen Bedürfnisse hätten. Als wenn alle Ingenieure und Ärzte werden wollten. Derzeit verstehen wir unter Integration Deutschlernen, einen erfolgreichen Schul- oder Berufsabschluss und eine Wohnung zu finden. Das greift auf die Dauer ziemlich kurz. Was wir jetzt dringend brauchen, ist eine Orientierung der Integrationsmaßnahmen an den Wünschen und Möglichkeiten der Betroffenen, sie einfach mal ernster nehmen.

OP: Was wünschen sich denn die Menschen?
Wagner: Wir wissen eigentlich viel zu wenig darüber, was ihre Wünsche sind. Untersuchungen dazu – auch unsere eigenen – beginnen jetzt erst oder stehen noch am Anfang. Als die Menschen vor einem Jahr kamen und endlich untergebracht werden konnten, sind sie in die großen Zelte gegangen und haben dort erst einmal Ruhe gefunden. Sie waren vergleichsweise zufrieden, weil sie von einem langen Fluchtweg und teils aus Kriegsregionen kamen. Psychologisch betrachtet ist es so: Wenn man die Grundbedürfnisse nach Sicherheit und Überleben befriedigt hat, kommen wieder andere Bedürfnisse ins Spiel, beispielsweise nach der eigenen Zukunftsgestaltung.

OP: Wie funktioniert Integration idealerweise?
Wagner: In der Sozialpsychologie versteht man unter Integration, dass zwei Gruppen aufeinander zugehen und gemeinsam etwas Neues machen. Wenn nur eine Gruppe bestimmte Dinge erfüllen soll, spricht man von Assimilation. Vieles, das wir momentan diskutieren, sind Fragen der Assimilation der neu Hinzugekommenen an deutsche Normen. Das ist in vielen Bereichen auch in Ordnung. Also, ich würde jetzt auch nicht gerne darüber anfangen zu diskutieren, ob das Grundgesetz für alle gilt. Aber es gibt eben andere Bereiche wie die Zukunftsgestaltung und dergleichen, wo man stärker miteinander reden und auf die gegenseitigen Bedürfnisse Rücksicht nehmen muss. ( Foto: Laackman Fotostudios Marburg)

OP: Was gefährdet denn Integration?
Wagner: Es gibt nach wie vor Ablehnungen in der deutschen Bevölkerung gegen die Menschen, die gekommen sind. Und der zweite Punkt ist, dass alles – etwa das Asylverfahren – viel zu lange dauert und sich die Menschen nicht genug informiert fühlen, wie es mit ihnen weitergeht. Das liegt auch daran, dass wir in Deutschland diese Riesenaufgabe der Integration nach unterschiedlichen Zuständigkeiten bewerkstelligen, vom Jugendamt über die Städte bis hin zum Land. Dabei kann Integration auch ein Schlüssel gegen Extremismus sein.

OP: Wie soll denn Integration Radikalisierung verhindern?
Wagner: Extremismus kann eine Folge von gescheiterter Integration sein. Wir wissen aus der Radikalisierungsforschung, dass solche Prozesse allgemein aus zwei Komponenten bestehen: Auf der einen Seite haben wir bei denen, die sich radikalisieren, so etwas wie eine Lebenskrise und das Gefühl benachteiligt und ausgegrenzt zu sein. Das haben eigentlich viele junge Menschen. Zur Radikalisierung kommt es dann, wenn irgendeine Ideologie zur Verfügung gestellt wird, die diese Situation erklären, Verständnis zeigen und Lösungsmöglichkeiten anbieten kann. So funktioniert auch islamistische Radikalisierung.

von Carolin Eckenfels

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