Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 16 ° Regen

Navigation:
"Wir alle haben uns hochgekämpft"

Integration "Wir alle haben uns hochgekämpft"

Sie sind Deutschlands ausgezeichnete Bildungsidee: Die „Integreater“ erklären jungen Migranten und ihren Eltern das deutsche Bildungssystem. Auf dem Gebiet sind die Akademiker Experten.

Voriger Artikel
Harmonie prägt Haushaltssitzung
Nächster Artikel
Unbekannte Joggerin nach Unfall im Koma

Nina Miller und Dzung Nguyen studieren erfolgreich in Marburg und helfen anderen Migranten, es ihnen gleichzutun.

Quelle: Helena Weise

Marburg. „Egal, woher man kommt - es darf nicht dem Schicksal überlassen bleiben, wohin man geht“, sagt Nina mit fester Stimme und wirft ihre langen Haare zurück. Dzung nickt zustimmend. Die beiden sitzen vor der Mensa der Uni Marburg und erzählen ihre Geschichte- über ihr Leben als Deutsche mit Migrationshintergrund. Über ihr Studium und ihre Berufsziele. Es ist eine Geschichte über Ehrgeiz und Fleiß, über große Chancen und vor allem über eine Menge Disziplin.

Nina Miller und Dzung Nguyen arbeiten beim Verein Integreater mit. Sie erklären bei Schulbesuchen und Elternabenden jungen Migranten und ihren Eltern das deutsche Schulsystem. Erzählen ihnen von ihrem Lebensweg und, noch wichtiger, von ihren Zielen.

„Wir wollen Vorbilder sein“, fasst es Nina zusammen. „Mit Migration verbinden die meisten Arbeitslosigkeit, Kriminalität oder fehlende Deutschkenntnisse. Aber es gibt auch die andere Seite der Medaille. Und auf die wollen wir hinweisen.“

Dabei geht den beiden nicht um politisches Migrationsprogramm, nicht um Erwartungen und Anweisungen von oben. „Es ist von uns für alle, die jetzt ihr Leben in die Hand nehmen wollen“, sagt Dzung. „In unserem Verein sind über 30 Nationen vertreten, jeder mit unterschiedlichen politischen und religiösen Ansichten. Wir alle haben uns hochgekämpft und das macht uns authentisch.“

Eltern können motivieren

Er selbst wurde in Deutschland geboren, seine Eltern kommen aus dem Vietnam. „Meine Mutter war in ihrer Erziehung ein typisches Beispiel der asiatischen Kultur. Sie hat immer zu viel gewollt. Schon als Baby sah man in mir den Arzt oder Juristen“, lacht der 20-Jährige. „Aber meine Mutter kann heute noch kein deutsch. An Elternabenden konnte sie nichts einbringen und ich durch die Sprachbarriere auch nicht.“

Bei schlechten Noten sei er bestraft worden, irgendwann habe er nicht mehr für sich selbst, sondern nur noch für seine Eltern gelernt.

„In der achten Klasse hat es mir gereicht. Ab da wurden auch meine Noten besser.“ Dzung will zeigen, dass es auch diese Sorte von Eltern gibt, die von ihren Kindern viel verlangen und nach alter Tradition erziehen. „Ich appelliere vor allem an die Eltern, damit sie sich ihrer lenkenden Funktion bewusst werden.“

Seit zwei Jahren studiert der Vietnamese Chemie in Marburg und ist seit eineinhalb Jahren Integreater.

„Ich habe das Gefühl, wir können wirklich etwas bewegen“, bekräftigt er. „Als wir einmal in der Käthe-Kollwitz-Schule eine Mädchenklasse besuchten, waren wir uns sicher, dass keiner zuhört. Viele kamen zu spät oder gar nicht. Aber dann rief der Lehrer an: Die Mädchen nahmen an einem Wettbewerb für Integration teil. Wir hatten einen Stein ins Rollen gebracht.“

Nina stimmt ihm zu. „Da ist ganz offensichtlich ein schlummerndes Potential und wir wollen es wecken“, sagt die 29-Jährige. Die gebürtige Russin kam mit zwölf Jahren nach Deutschland. Keiner in der Familie konnte deutsch. „Ich kam mit Zwölf in die vierte Klasse und erst nach zwei Wochen steckte man mich in die fünfte Klasse der Mittelschule. Ich hatte große Sprachprobleme- ich sollte Klausuren schreiben, die ich nicht mal übersetzen konnte.“

Erfolg durch Ehrgeiz

Ihren heutigen Erfolg verdankt sie vor allem ihrem Fleiß. „Ich habe zu Hause alle Mitschriften übersetzt und jeden Abend Vokabeln gelernt. Als in der sechsten Klasse entschieden werden musste, ob ich auf die Realschule oder das Gymnasium gehe, hatte ich nur Dreien. Meine Eltern hatten gehört, dass das Gymnasium gut ist, deswegen wollten sie mich dorthin schicken. Ich wollte aber auf die Realschule“.

Ein Entschluss, der sich bewährte. Nina machte ihren Realschulabschluss als Schulbeste und ging danach auf ein Wirtschaftsgymnasium in Zwickau. 2004 studierte sie Jura in Marburg und im November bekommt sie die Ergebnisse des zweiten Staatsexamens. „Ich hoffe, zu meinem 30. Geburtstag bin ich fertig“, lacht sie. Ihr Traumberuf: Rechtsanwältin oder Unternehmensjuristin.

Mittlerweile hat der Verein Integreater 150 Mitglieder und ist in fünf Bundesländern vertreten. Für Dzung noch nicht genug. „Wir wollen bundesweit vertreten sein“, plant er. „Wir konnten schon über 1000 Kinder und Eltern erreichen. Jedes Mal zeigen wir ihnen, wie sie es schaffen können. Dass sie sich nicht einreden lassen müssen, dass sie in Deutschland nichts erreichen.“

Nina setzt entschlossen noch einen drauf. „Uns ist nichts zugeflogen, wir haben hart gearbeitet. Und wenn wir das können, kann das jeder andere auch.“

von Helena Weise

Hintergrund: Integreater e.V.

Integreater e.V. wurde im März 2010 in Frankfurt gegründet. Die erste Vorsitzende und Ideengeberin ist Ümmühan Ciftci, die ebenfalls in Marburg studiert. Bereits nach kürzester Zeit erhielten sie eine finanzielle Förderung des hessischen Ministeriums der Justiz, Integration und Europas. Ende 2011 gewann der Verein den Alumnipreis der Friedrich-Ebert-Stipendiaten zum Thema „Ehrenamtliches Engagement“ und die Goldene Bild der Frau 2013. Seit neustem sind sie zudem Deutschlands ausgezeichnete Bildungsidee.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr