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Windpark-Plänen droht der Abbruch

Erneuerbare Enegien Windpark-Plänen droht der Abbruch

Der Bau des Windpark Lahnberge könnte mit einem Referendum im Juni entschieden werden. Diesen Vorschlag hat Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) auf OP-Anfrage am Rande einer Bürgerversammlung in Moischt gemacht. Dort haben rund 300 Gäste teils massive Kritik am Bauvorhaben auf dem "Lichter Küppel" geübt

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Marburg. Schattenwurf, Vogelsterben, Lärm und das Aus für den Wald in Marburgs Osten als Naherholungsgebiet: 300 Anwohner aus Moischt, Schröck und Richtsberg haben das Bauvorhaben von Magistrat und Stadtwerken kritisiert.

„Aus ornithologischer Sicht ist Windkraft auf den Lahnbergen, einer wichtigen Vogelzugstrecke, eine ökologische Katastrophe“, sagt Martin Kraft, Vogelschutzbeauftragter der Stadt. Drei Millionen Tiere fliegen seinen Zählungen zufolge jedes Jahr über die Bergkuppen, pro Stunde drohen durch die Windkraftrotoren 20 Vögel „entweder gehäckselt oder amputiert zu werden, um ein paar hundert Meter weiter elendig zu sterben“, sagt er. 108 Arten, die regelmäßig über Mittelhessen flögen, seien davon betroffen. Gutachten, die zu einem anderen Ergebnis kämen, etwa, dass Vögel an den Masten vorbeizögen, „lassen mir die Haare zu Berge stehen“. In solchen „gewachsenen Gebieten, Wäldern, Windkraftanlagen zu bauen, ist tabu. Das können wir hier nicht zulassen“, sagt Kraft unter tosendem Applaus der Zuhörer.

Auch der Marburger Denkmalbeirat lehnt das Bauprojekt ab. „Der Lichter Küppel ist besonders sensibel. Dort gibt es bedeutsame Grabhügel, deren Wirkung als Ensemble durch die Anlagen verloren geht“, sagt Professor Dr. Andreas Müller-Karpe. Auch die Ortskerne von Moischt und Schröck, über denen Berg-Karpe gezeigten Digital-Ansichten zufolge die Anlagen sichtbar thronen, würden „massiv beeinträchtigt“.

Dass die Natur Schaden nimmt, befürchten einige Anwohner. „Das ist ein starker Eingriff in die Landschaft“, sagt etwa Günther Stumpf. Konrad Werner ergänzt: „Wenn die auf den Lahnbergen entspringen Bäche durch den Windschlag der Anlagen trocken fallen, sind die Kosten wesentlich höher als das mit Geld zu bezahlen ist.“

Sorgen haben auch Bewohner am Richtsberg. „Ich kriege das Gruseln bei diesen Plänen. Ein Disko-Effekt wird Hunderte Wohnungen betreffen, es wird für tausende Leute schattiger“, sagt Professor Heinz Stoffregen.

Gegen die Kritik argumentierte Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne): „Der Ausbau erneuerbarer Energien bedroht die Natur nicht so, wie etwa die Kohleförderung. Anderswo werden ganze Landstriche, Orte weggebaggert, die Bilder aus Görzweiler sind nicht aus dem Märchenbuch! Keine Marsmännchen machen das, es ist Resultat und Preis unserer heutigen Stromerzeugung.“ Photovoltaik wolle man in Marburg wegen Denkmalschutz nicht. Wasserkraft wegen der Lahn-Landschaft nicht - „und Windkraft nicht, weil man sie von Zuhause aus sieht“, sagt Kahle. Der Moischter Thomas Fuchs entgegnet: „In Mittelhessen haben wir aber nunmal keine windstarke Region. Es gibt nicht mal kontinuierlichen Wind, deshalb soll ja 200 Meter hoch gebaut werden.“ Die Widerstände, sagt Kahle, wolle er mit Argumenten mildern, er wolle „für diese Anlagen kämpfen, die Fahne der Windkraft hochhalten, wenngleich nicht mit aller Macht durchboxen“.

Das ist jedoch die Befürchtung der Kritiker. Darunter auch Oberbürgermeister-Kandidat Dirk Bamberger (CDU): „Anstatt den Bürgerwillen zu akzeptieren und die Pläne zu verwerfen, solle „ein grünes Denkmal“ auf den Lahnbergen errichtet werden.

Stadtwerke-Chef Reiner Kühne sagt: „Das Projekt abzubrechen, ist nach wie vor eine Möglichkeit.“ Wenn etwa die meisten Ortsbeiräte die Idee ablehnen, „müssen wir das akzeptieren“. Sollte sich der Protest nicht legen, stellt Kahle einen Bürgerentscheid im Juni in Aussicht. „Ich könnte mir vorstellen, dass wir die ganze Stadt entscheiden lassen, ob die Windkraft vorangetrieben werden soll oder nicht“, sagt er auf OP-Anfrage. Die Innenstadt-Bewohner betreffe die Sichtbarkeit der Anlagen bisweilen mehr als die Außenstadtteile. Kühne kündigt indes an, die in Moischt geäußerten Kritikpunkte zu prüfen. Den Zeitplan, Bau und Betriebsstart 2016, sehen die Planer durch den Protest nicht gefährdet. „Nach sehr engagierten Debatten sind damals auch die Anlagen in Wehrda gebaut worden“, sagt Kahle. Diese sind jedoch in der Stadt umstritten.

Der Bürgermeister mahnt: Da der Lichte Küppel vom Regierungspräsidium als Windkraft-Vorrangfläche ausgewiesen sei, werde diese - wenn nicht von Marburg und den Stadtwerken - womöglich von einem anderen Investor bebaut.

von Björn Wisker

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