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Windkraft: Kritik an Vogelschlag-Prognose

Erneuerbare Energien Windkraft: Kritik an Vogelschlag-Prognose

Naturschützer üben Kritik an der Vogelsterbe-Prognose für den geplanten Windpark auf dem "Lichter Küppel" bei Moischt. Die Zahlen, die der städtische Vogelschutzbeauftragte errechnet hat, seien "unrealistisch und unsachlich".

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Die Debatte um die zwei geplanten Windräder auf dem „Lichter Küppel“ bei Moischt geht weiter: Naturschützer halten die Prognose des Marburger Ornithologen Dr. Martin Kraft, wonach viele Vögel an den Anlagen sterben würden, für „unrealistisch“.

Quelle: Archivoto

Marburg. Bis zu 20 tote Vögel pro Stunde durch zwei Windräder bei Moischt? Kopfschütteln beim Natur- und Umweltschutzbund Hessen (Nabu): „Es werden durch die Anlagen in Marburg nicht tausende, auch nicht hunderte von Vögeln sterben“, sagt Maik Sommerhage, Vogelschutz-Experte des Verbands auf OP-Anfrage. Nur bei speziellen Witterungsbedingungen könne ein Vogelsterben im Ausmaß der Vorhersage des Marburger Vogelschützers Dr. Martin Kraft „als Ausnahme vorkommen“.

Wie aus einer Nabu-Studie, die der OP vorliegt, hervorgeht, sterben an einem Windrad im Durchschnitt jährlich sieben Vögel. An einigen Anlagen ist demnach eine Maximalopferzahl von 60 ermittelt worden. Massenkollisionen, so die Studie aus dem Jahr 2006, „wurden an Windkraftanlagen nach wie vor nicht festgestellt“ - im Gegensatz etwa zu Leuchttürmen, an welche Dutzende prallen und sterben. Nach Angaben der Staatlichen Vogelschutzwarte Brandenburg auf OP-Anfrage, sind zwischen 2002 und 2012 deutschlandweit 2154 Vögel (in Hessen zehn) an Windkraftanlagen gestorben.

Die tatsächliche Zahl getöteter Tiere liege aber sicher höher, da nicht alle Fälle gemeldet oder getötete Vögel von Aasfressern gefressen werden. Studienautor Dr. Hermann Hötker geht in seiner Analyse von einer Zahl „bis zu 100 000 getöteten Vögeln pro Jahr“ aus.

Das Resümee der Studie: Anlagen an Gewässern oder auf kahlen Gebirgsrücken haben die höchsten Vogelschlagzahlen. Ein „Vielfaches der Opferraten“ gebe es an diesen Standorten.

„In oder an Waldgebieten sollten Windkraftanlagen nicht gebaut werden“

Besondere Gefahren für Tiere, warnt Sommerhage, existieren auch in Waldgebieten oder nahe diesen - dazu zähle der „Lichter Küppel“. Laut Nabu-Studie sterben in diesen Gebieten neben Brut- und Gastvögeln vor allem viele Fledermäuse, an einigen Standorten in Deutschland sind es demnach mehr als 100 tote Tiere pro Jahr. Die Empfehlung des Verbands: „In oder an Waldgebieten sollten Windkraftanlagen nicht gebaut werden“. Sommerhage: „Windkraft in Waldnähe hat speziell in Mittelgebirgslagen eine besondere Problematik. Das sind rundum Marburg beliebte Rast- und Nistplätze für Vögel“, sagt er.

Aufgrund der über der Region verlaufenden Vogelzug-Routen - der Nähe zum Amöneburger Becken oder dem Schröcker Feld - drohe dem Projekt der Stadtwerke nach einem möglichen Bau über mehrere Tage im Jahr je stundenlange Betriebsstopps: „Der mögliche Vogelschlag wird kein Tabugrund für die Errichtung sein. Aber die faktisch wichtige Flugroute wird für sehr umfangreiche Abschaltzeiten der Anlagen sorgen“, sagt Sommerhage. „Seit Jahren gibt es mehr als nur ein paar Massenzugtage pro Jahr. Sehr viele Vögel fliegen morgens bis nachmittags. In dieser Zeit ist der Konflikt an diesem Standort nicht unerheblich. Da wird an sich auf erhebliche Ausfalldauern einstellen müssen“, sagt er.

„Abschaltungen würden sich auf die Rentabilität auswirken. Angesichts von zu hohen Risiken dahingehend haben wir ja uns gegen den Standort Wollenberg entschieden“, sagt Dr. Franz Kahle, Aufsichtsrats-Chef der Stadtwerke und Bürgermeister (Grüne). Jedoch gehe man am „Lichter Küppel“ nicht von ähnlichen Gefahren aus. „Bei bestimmten Naturereignissen, etwa bei Nebel und Hauptzugphasen der Vögel muss man Abschaltungen zeitlich befristet in Kauf nehmen“, sagt Kahle.

Der städtische Vogelschutzbeauftragte Kraft berichtete während einer Bürgerinfo-Veranstaltung in Moischt etwa von 2500 mit Windrädern kollidierten Vögeln, die er einst binnen 50 Stunden im Vogelsberg gezählt habe. Für Marburg, über das pro Jahr drei Millionen Tiere zögen, gehe er von „20 Vögeln, die entweder gehäckselt oder amputiert werden“ aus. Die Anlagen nahe Moischt beträfen 108 Arten, die regelmäßig über Mittelhessen flögen.

Hochspannungsleitungen und Straßenverkehr stellen größere Gefahr dar

Kahle verweist indes auf die größere Gefahr, die auch laut Umwelt-und Naturschutzbund (BUND) von Hochspannungsleitungen (30 Millionen Vögel pro Jahr), Straßenverkehr (zehn Millionen tote Vögel pro Jahr) und Hausfassaden beziehungsweise Glas (drei Millionen tote Vögel pro Jahr) ausgehe. Auch entlang von Bahnstrecken schätzen Experten - je nach Hochrechnung - eine Opferzahl von 10 000 bis zwei Millionen.

Ein der OP vorliegendes Gutachten, das 2013 für Schwarzenborn (60 Kilometer östlich von Marburg) erstellt wurde, sieht - nahe dem EU-Vogelschutzgebiet Knüll - ebenfalls kaum Probleme für den Artenschutz. Die Empfehlung: bei starkem Vogelzug die Anlagen vorübergehend abschalten. Nach Berechnung der Biologen wäre das in der Regel für zwei, drei Tage Ende Oktober der Fall.

In Moischt herrscht nach wie vor Ärger: „Dieses Vorhaben wäre ein furchtbarer Eingriff in das Naherholungsgebiet“, sagt Horst Mania (CDU), Ortsbeiratsvorsitzender. Das Gremium werde sich demnächst nochmals mit dem Thema befassen, da die Stimmung der Anwohner im Stadtteil „sauer, unbefriedigt und angespannt“ sei.

"Wenn die Leute etwas davon haben, kann man sie für die Sache gewinnen“

„Sowohl wirtschaftlich betrachtet als auch was die Stromerzeugung angeht, macht die übliche Dauer von Abschaltungen wenig aus“, sagt Joachim Wierlemann vom Bundesverband Windenergie in Hessen. Das Mitglied der Energiegenossenschaft Marburg-Biedenkopf hält indes den Vorschlag von OB-Kandidat Dr. Thomas Spies (SPD), wonach Anwohner auch finanziell von einem Bau am „Lichter Küppel“ profitieren sollen, für sinnvoll: „So ein Schritt befriedet die Gemüter. Wenn die Leute etwas davon haben, kann man sie für die Sache gewinnen“, sagt Wierlemann.

Der FDP-Stadtverordnete Michael Selinka sieht das anders: „Die zu Genossen gemachten Bürger genießen oft nur eingeschränktes Stimmrecht oder halten zusammen einen Minderheitsanteil von 49 Prozent. Damit verkommt die Beteiligung nur zu einer günstigen Finanzierungsmethode für die stark verschuldeten Stadtwerke“, sagt er. Das Modell sei aber „hinfällig“, wenn die Bürger via Votum gegen die Anlage seien.

Windkraft-Auswirkungen
Die Nabu-Studie zur Auswirkung von Windkraftanlagen und Vogelbeständen besagt: Zur Brutzeit konnte laut Analyse von 2006 für keine einzelne Vogelart eine negative Auswirkung durch Windkraftanlagen auf die Bestände nachgewiesen werden. Lediglich Wachteln, Rotschenkel und Kiebitze zeigten in der überwiegenden Zahl geringere Bestände im Zusammenhang mit den Anlagen.
Für die Auswirkungen außerhalb der Brutzeit ergab sich „ein deutlich anderes Bild“. Die negativen Auswirkungen der Bauten „dominierten“, „deutliche Auswirkungen“ gebe es für Gastvögel geringere für Brutvögel, von denen nur Watvögel, Enten und Gänse „signifikant vertrieben werden“
Der Rotmilan gilt als die am stärksten von Windrädern bedrohte Vogelart, heißt es in einer Studie von 2014 mit dem Titel „Windenergie im Lebensraum Wald“, erstellt vom hessischen Vogelschutzexperten Klaus Richarz für die Deutsche Wildtierstiftung.

von Björn Wisker

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