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Wieviel Zweifel erlaubt der Glaube?

„Zur Freiheit gehört, zu kritisieren“ Wieviel Zweifel erlaubt der Glaube?

Kann die Bibel wörtlich ausgelegt werden? Wie ist es mit dem Koran? Welche Gefahren sind damit verbunden? Um diese Frage ging es beim Diskussionsabend über „Glaube und freies Denken“.

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Pfarrer Dr. Markus Rahn mit dem Buch des umstrittenen Hamed-Abdel Samad während der Diskussion.

Quelle: Muriel Kalisch

Marburg. „Darf ich an meinem Glauben zweifeln?“ – mit dieser, an die Anwesenden gerichteten Frage, eröffnete Pfarrer Markus Rahn die Diskussion über „Glaube und freies Denken“ in der evangelischen Lukasgemeinde.

Es war bereits der zweite Vortrag Rahns zum Thema Islam. Im Januar hielt er einen Vortrag zu „Gewalt im Namen Gottes“. Die Idee für die Vortragsreihe hatte 
Rahn, als er im Koran las. „Ich habe mir gedacht, dass die sich daraus ergebenden Themen für viele Menschen interessant sein könnten“, so der Pfarrer.

Bibel nicht wortgenau auslegbar

Eine gemeinsame Antwort auf seine Einstiegsfrage gebe 
es nicht, fanden die Teilnehmer. Auch Rahn stimmte zu: „Jeder muss die Antworten für sich selbst bestimmen. Wenn ich mich wirklich intensiv mit meinem Glauben beschäftigt habe und schließlich zu dem Schluss komme, dass ich nicht glaube, dass Jesus auferstanden ist, oder dass Gott existiert – wenn ich das alles wirklich gut durchdacht habe und zu diesem Schluss gekommen bin, dann ist es der Richtige für mich“.

Auch die Bibel könne nicht wortgenau ausgelegt werden, erklärt Rahn. Im Islam, so der Theologe, verhalte sich dies zumeist anders. Eine Studie des Bundesinnenministeriums aus dem Jahr 2007 habe gezeigt, dass 80 Prozent der in Deutschland lebenden Moslems den Koran wörtlich auslegen würden.

Muslime, die kritische Fragen stellten oder den Koran anzweifelten, seien deutlich bedrohter, als es zweifelnde Christen heute seien. „Natürlich war das nicht immer so“, verweist der Pfarrer auf die Geschichte des Christentums. Auch in der Bibel ließen sich Stellen finden, die deutlich zeigten, dass ein Abfallen vom Glauben auch im Christentum nicht erwünscht war.

„Zur Freiheit gehört, den Islam zu kritisieren“

Den Unterschied mache die Bereitschaft zur Reflexion, die das Christentum in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt habe. Natürlich gebe es muslimische Wissenschaftler, Publizisten oder Theoretiker, die ihre Religion kritisierten und weiterentwickeln wollten. Pfarrer Rahn führt als ein Beispiel die Bücher von Hamed-Abdel Samad an, einem ägyptischen 
 Politikwissenschaftler und 
Publizist.

Der in Deutschland lebende Sohn eines sunnitischen Imams vertritt die These, dass der Islam eine nicht reformierbare Religion sei, gläubige Muslime jedoch ihre Werte reformieren könnten. Mit Büchern wie „Mohamed – eine Abrechnung“ oder „Zur Freiheit gehört, den Islam zu kritisieren“ erregte er die öffentliche Aufmerksamkeit – und lebt damit gefährlich, erläutert Rahn. In vielen muslimisch geprägten Ländern steht auf die Kritik des Korans die Todesstrafe.

Mit Muslimen in einen kritischen Diskurs über die Grenzen der wortgenauen Auslegung ihrer heiligen Schriften zu kommen, denkt Markus Rahn, sei von großer Wichtigkeit. Nur so könne mit der Flüchtlingskrise und den sich daraus ergebenden Ängsten der Bürger über eine fremde, als gewalttätig verschriene Religion, überwunden werden.

Eine ältere Dame fügte hinzu: „Wir haben hier heute Abend viel über die Probleme des Islams gehört. Aber wir müssen auch das Gute in dieser Religion sehen lernen und dafür müssen wir mit Menschen dieses Glaubens in einen Dialog treten.“

von Muriel Kalisch

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