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"Wieso müsst ihr so viel saufen???"

OP-Reportage "Wieso müsst ihr so viel saufen???"

Schlägereien, sexuelle Übergriffe, Messerstecherei: Die Oberstadt war zwei Wochenenden in Folge Problemviertel. Eine OP-Reportage über die ersten zwei Partynächte nach den Gewaltausbrüchen.

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„Wieso müsst ihr so viel saufen???“: Trauerstätte am Schuhmarkt.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Welke Blumen umringen flackernde Kerzen. Mitten drin liegt ein Zettel, rote Schrift auf weißem Papier: „Wieso müsst ihr so viel saufen???“ Ein Ausdruck der Fassungslosigkeit, Worte der Anklage. Ein Stimmungs-Killer in Klarsichthülle. Durchatmen. Die Nacht beginnt. Auch für Polizei und Ordnungsamt, die mit drei Autos auf dem Marktplatz stehen, zu Fuß zwischen Barfüßerstraße und Steinweg patrouillieren.

23 Uhr, Barfüßerstraße: „Ein Hoch auf uns, auf jetzt und ewig“ - es herrscht Anstoßstimmung in den Kneipen. Die Musik ist gedämpft, die Bedienungen stapeln vor den Bars die Stühle - bei neun Grad schlurfen auch die letzten Gäste von draußen in den Schankraum. Die Gespräche schwanken zwischen Uni-Themen, Sommerurlaub und Partyerinnerungen. Für Manuel Tiedtke (23) und Steffen Poczyniak (24) ist es das erste Treffen seit der letzten Vorlesungswoche. „Es gibt einiges zu erzählen, ich reiste drei Monate mit dem Rucksack durch Thailand“, sagt Tiedtke und bestellt ein großes Bier - sein fünftes an diesem Abend. Poczyniak hinkt hinterher, er bestellt sein viertes.

24 Uhr, Schuhmarkt: Jeder, der vorbeikommt, hat etwas zur Messerstecherei beizutragen. Die meisten geben vor jemanden zu kennen, der jemanden kennt, der dabei war, der alles gesehen hat, der weiß, was der Auslöser war. Die Geschichte, dass ein pflichtschlagender Verbindungsstudent in seiner Ehre gekränkt war und einen Burschenschafts-Gegner erstach, erzählt sich fast jeder. „Verrückt, dass die sich wegen so etwas abstechen“, sagt Miriam Eibing (22), Politikstudentin. Vor dem Desbarado auf der gegenüberliegenden Straßenseite mustern Sicherheitsleute die Gäste, sie erklären ihnen die Eintritts-Regel: wer rausgeht und dann wieder rein will, zahlt. Aggression sieht anders aus.

1 Uhr, Lutherischer Kirchhof: Wuselig und laut ist es - aber betrunken ist niemand. Vielmehr herrscht Konzentration, bis die Produzenten den Drehschluss für den Marburg-Film verkünden, für den zuvor Szenen gedreht wurden. Helfer packen die Ausrüstung in ein Dutzend Kleinlaster. Aus einem Lautsprecher kommen Musikfetzen, ein Sänger rät Kanzlerin Angela Merkel „nach Hause zu gehen“. Ein Rat, den ab jetzt immer mehr Besucher beherzigen, das Parkhaus Pilgrimstein leert sich in großen Schüben.

1.30 Uhr, Steinweg: Die Polizei-Patrouille ist erstmals gefordert. Grund: eine Schlägerei zwischen zwei Gruppen. Acht Beamte schlichten, es wird beleidigt, wild gestikuliert, beschuldigt. Erst als eine Streife den Polizeihund holt, der einmal entschlossen bellt, wird es ruhiger. In der Reitgasse gibt es kurz später auch eine Prügelei - nichts zu Wildes.

2 Uhr, Hirschberg / Lahntor: Weitere Anzeichen von steigender Spannung: Vom oberen Marktplatz poltert eine große Gruppe junger Männer Richtung Hirschberg, sie brüllen, schubsen sich, treten Pylonen zwei Meter vom Polizeiwagen entfernt durch die Gegend. Sie lachen, dann raufen sie sich wieder, die ersten wanken von links nach rechts. „Wir zeigen denen aus England heute, was feiern heißt“, sagt einer, dessen Name vermutlich Tobias lautet. Klar zu hören ist das wegen seines Lallens nicht. Auf den Metern zwischen Rathaus-Rückseite und Landgrafenhaus herrscht Hochbetrieb: Dutzende stehen vor den verschiedenen Kneipen, manche rauchen, alle reden, manche schreien, alle trinken. Leere und halbleere Bier- und Schnapsflaschen sammeln sich auf Treppen, im Brunnen, überall. Ist das der allnächtliche Wahnsinn, den Anwohner beklagen?

2.30 Uhr, Marktplatz: Für Lillith ist es das dritte Wochenende in Marburg - die ersten beiden, das weiß sie, waren von Problemen geprägt. Die angehende Lehrerin hat Rum in der Hand und holt eine Flasche Gin aus der Jackentasche, eine WG-Party in der Barfüßerstraße ist das Ziel. „Ich fände eine Sperrstunde voll daneben, hoffentlich passiert das nicht, man will doch was erleben“, sagt sie. Das setzt sie mit ihrer Clique in die Tat um: Bei der WG-Party tauchen offenbar Gäste auf, die wirklich niemand der Bewohner kennt. Alkohol gibt‘s trotzdem für jeden. Die Badewanne ist randvoll mit Schnaps und Bier. Drei Etagen tiefer laufen vier Polizisten die Straße entlang, die Ordnungshüter sprechen im Laufe der Nacht manch Störenfried direkt an: Feiern ist okay, aber bitte ruhiger.

Feier-Typen: enthemmt oder enttäuscht

3 Uhr, Reitgasse: An der Gedenkstätte am Kilian gilt offenbar ein Gesetz. Das besagt, dass Männer die Abgebrühten, die Coolen markieren, kesse Sprüche klopfen: „Selbst schuld“, „manche vertragen eben keinen Alkohol“, „warum wird um diese Typen nur so ne Welle gemacht“. Die meisten Frauen scheinen die Tragweite des Dramas hingegen erkannt zu haben, grätschen die Großmäuler verbal ab. „Hey, da ist jemand gestorben, so etwas Respektloses sagt man nicht“, „Tu nicht so, du hättest Riesenangst gehabt“. Die Stimmung in den Bars und Klubs ist indes auf dem Siedepunkt - oder schon darüber hinaus. Es wird leerer. Wohin geht es als nächstes? Erstmal austreten - von einigen Hausfassaden rinnt Urin auf das Kopfsteinpflaster. Immer mehr zersplittertes Glas liegt herum.

4 Uhr, Wasserscheide: Rülpsen ist der Ton der Nacht. Manche Gespräche hören sich zwar an wie solche, die nur Betrunkene führen können, entpuppen sich aber als ernstgemeinte Debatten. Eine Gruppe, die gerade Möbel durch die Neustadt schleppt, unterhält sich etwa über das Knochenwachstum von Tieren. Mit Verve klären sie einander auf wie das jetzt so ist mit dem Wachsen: geschieht das tags oder nachts? Das könnte den drei apathischen Gestalten, die vor einer Bar hocken, nicht egaler sein. Ihr Themen sind ADHS und Psychiatrien, während sie sich einen Joint zum Kiffen bauen. Letzte Woche seien sie wegen den Drogen aus einer Kneipe geflogen - ein Skandal, so der Konsens des Trios.

5 Uhr, Marktplatz: Unterwegs sind nur noch zwei Gruppen - die Aufgedrehten und die Traurigen. Die einen loten euphorisch die letzten Feiermöglichkeiten aus, die anderen werden grundsätzlich. Der Alkohol potenziert den Weltschmerz, die Trennung vom Partner kommt ins Gedächtnis, Emotionen. In der Aulgasse mischen sich Vertreter beider Gruppen: Marie (21), seit kurzem Single, schluchzt, verspricht „keine Brasilianer mehr aufzureißen, um über meinen Ex wegzukommen“. Freundin Sarah (22) tröstet, redet ihr gut zu. Kaum schließt Marie hinter sich die Haustüre, zückt Sarah draußen das Handy: „Wo seid ihr, ich hab Bock auf Party?!“

6 Uhr, Lahntor: Die Ausdauerndsten torkeln durch die Gassen. Mancher tritt zielsicher in einen der Scherbenhaufen, andere umkurven Erbrochenes. Das Wochenend-Ende - „ein Hoch auf uns, auf jetzt und ewig“.

Resümee der Polizei: Ein paar Ruhestörungen - etwa am Renthof - wurden registriert. In der Reitgasse gab es eine Anzeige wegen Körperverletzung. „Es war recht ruhig, es ist nichts Gravierendes passiert“, sagt Martin Ahlich am Montag auf OP-Anfrage.

von Björn Wisker

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