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Wieso Medikamente nicht immer wirken

Forschung Marburg Wieso Medikamente nicht immer wirken

Behandlungen mit Psychopharmaka können nur dann ihr volles Potenzial entfalten, wenn das Verhalten der Patienten und ihrer Umgebung positiv stimuliert werden. Das ist das Ergebnis einer Studie unter Marburger Leitung.

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Ein herzförmiger Stein inmitten einer Steinmauer: Ein stabiles Umfeld trägt mit dazu bei, dass psychische Erkrankungen geheilt werden. Das zeigt eine wissenschaftliche Studie unter Leitung von Professor Winfried Rief.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Jeder fünfte Deutsche hat schon einmal Psychopharmaka verschrieben bekommen. Doch nur bei jedem dritten Patienten mit psychischen Erkrankungen wirken diese Medikamente. Wieso es in so vielen Fällen zu einem Misserfolg kommt, das hat ein Team von Forschern unter Leitung des Marburger Psychologie-Professors Winfried Rief erkundet.

Das interdisziplinäre Forschungsteam aus klinischen Psychologen, Psychobiologen, Neurowissenschaftlern und Psychiatern (siehe Artikel unten) hat in einer Zusammenschau von mehr als 150 wissenschaftlichen Arbeiten aus den vergangenen fünf Jahren neueste wissenschaftliche Erkenntnisse miteinander kombiniert. Vor allem die neuen Möglichkeiten der Bildgebung des Gehirns hätten zu diesen neuen Forschungsergebnissen beigetragen, ebenso wie die Entdeckung der Rolle der Neuroplastizität des Gehirns, also dessen Fähigkeit, sich gezielt weiterzuentwickeln und auch neue Nervenverbindungen aufzubauen (siehe HINTERGRUND).

„Psychopharmaka lindern die Symptome bei Störungen wie Depression oder Schizophrenie häufig, aber sie tun es nicht immer“, erläutert Professor Rief. Es gebe immer stärkere Hinweise darauf, dass eine ganze Reihe von Umgebungs-Bedingungen die Wirksamkeit dieser Medikamente günstig oder ungünstig beeinflussen, erläutert Professor Rief. So zeigten Studien zur Wirkung von Psychopharmaka, dass Reaktionen auf die Einnahme von Placebos - also Tabletten ohne Wirkstoffe - oft sehr effektiv seien. „Manchmal wirken sie ebenso gut wie Medikamente“, berichtet Rief.

Detailliertere Analysen der Reaktionen auf Placebos zeigten zudem, dass die Erwartungen der Patienten an die Behandlung, ihre bisherigen Erfahrungen mit dem Medikament und ihre therapeutische Beziehung einen entscheidenden Einfluss auf die Wirkung der Placebos hätten.

Interaktion ist wichtig

Die bisher übliche Annahme zur Wirkweise von Psychopharmaka muss anscheinend teilweise einer Neubewertung unterzogen werden. Das erklärte Rief im Gespräch mit der OP am Beispiel der Antidepressiva, die bei Depressionen als Medikamente eingesetzt werden. So gebe es bei diesen Medikamenten eine Untergruppe, die mithilfe einer Erhöhung der Konzentration des Hormons Serotonin zu einer Erhöhung des Wohlbefindens beitragen solle. Denn man sei bisher davon ausgegangen, dass eine Störung in der Serotonin-Übertragung im Stoffwechsel für Depressionen mitverantwortlich sei. Studien hätten aber nun gezeigt, dass zwar in den meisten Fällen nach kurzer Zeit nach der Einnahme der Medikamente die Serotonin-Konzentration erhöht sei, es den Patienten aber trotzdem nicht besser gehe.

Grundsätzlich könne man aber schon sagen, dass Psychopharmaka häufig einen geeigneten Nährboden für die Weiterentwicklung des Gehirns böten, fasst Rief die neueren Forschungsergebnisse zusammen. Aber es seien nicht allein die Medikamente, die einen Behandlungserfolg garantieren würden, sondern insgesamt die Interaktion zwischen den Medikamenten, den Patienten und deren Umwelt. Neu sei die wissenschaftliche Erkenntnis, dass die Patienten schon beim Beginn einer medikamentösen Therapie versuchen sollten, möglichst positive Sozialerfahrungen zu sammeln und gleichzeitig körperlich aktiv zu sein.

Einflüsse der Umwelt

In neueren Tierstudien konnten Erfolge in den Behandlungsverläufen mit Psychopharmaka auch auf unterschiedliche Umwelteinflüsse zurückgeführt werden. Positive Umwelten mit einer Vielzahl von sozialen Kontakten zu Artgenossen verbesserten den Behandlungsverlauf erheblich.

Schädliche Einflüsse wie eine karg gestaltete Umgebung oder wenig Sozialkontakte hätten sich hingegen als kontraproduktiv erwiesen. „Dies bedeutet, dass ungünstige Umgebungseinflüsse die Medikamentenwirkung nicht nur abschwächen, sondern das Medikament sogar zur schädlichen Droge machen können“, sagt Winfried Rief. „Keine medikamentöse Behandlung wäre hier die bessere Alternative.“

Eine positive therapeutische Beziehung könne zudem dazu beitragen, mögliche Ängste vor dem Scheitern eine Therapie zu entkräften.

„Unsere Zusammenschau einschlägiger Studien zeigt, dass Psychopharmaka nicht für jeden Betroffenen die Therapie erster Wahl sind“, bilanziert Winfried Rief. „Für manche Patienten wäre es nach einer gründlichen Kosten-Nutzen-Abwägung besser, wenn sie eine Placebo-Medikation oder eine aktiv-abwartende Begleitung erhielten“. so der Marburger Psychotherapie-Professor.

Forscher untersuchen auch Placebo-Wirkungen

Die Ergebnisse der Zusammenschau von mehr als 150 wissenschaftlichen Arbeiten werden in der Fachzeitschrift „Neuroscience and Biobehavorial Reviews“ veröffentlicht.

Ziel der Forschergruppe unter der Leitung von Professor Winfried Rief war es, in Sachen „Behandlungserfolg von Psychopharmaka“ verschiedene Forschungsstränge zusammenzubringen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Gemeinsam betrachtet wurden wissenschaftliche Arbeiten zur Neuroplastizität von Psychopharmaka, zu Placebo-Mechanismen und zur Neurobiologie von Umwelt- und Umfeldeinflüssen.

Die Expertise der Neurowissenschaftler in der Forschergruppe liegt vor allem auf den Gebieten der Bildgebung des Gehirns und der Entstehung von Schmerz. Weitere Forscher haben ihr Spezialgebiet auf der Untersuchung des Immunsystems und der Identifizierung der Mechanismen von Placebos. Der dritte Schwerpunkt ist das Themenfeld „Psychische Erkrankungen und Psycho­therapie“.

Seit 2013 läuft eine zweite Förderphase

In der Forschergruppe arbeitet die Arbeitsgruppe des Marburger Psychologen Professor Rief zusammen mit Kollegen aus Essen, Hamburg und München. Gegründet wurde die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Gruppe im Jahr 2010, mit dem Ziel, die neuronalen und psychischen Wirkmechanismen von Placebos – also Medikamenten ohne eine konkrete pharmakologische Wirkung – bei unterschiedlichen Krankheitsbildern nachzuweisen. In den ersten drei Jahren der Förderphase wurde das Projekt mit 2,8 Millionen Euro finanziert. Seit 2013 läuft eine zweite Förderphase, für die es von der DFG 2,3 Millionen Euro gibt. Ziel ist es jetzt, die am Placebo-Effekt beteiligten Mechanismen systematisch auf klinische Anwendungsfelder zu übertragen, um die Behandlung noch effektiver zu machen.

In Marburg arbeitete das Team von Rief beispielsweise am Marburger Uni-Klinikum in einem konkreten Forschungsprojekt mit den Herzchirurgen unter Leitung von Professor Rainer Moosdorf zusammen. Dabei wurde die psychologische Begleitung bei schweren chirur­gischen Eingriffen am Herzen wie dem Einsatz von Bypässen getestet. Gezielt wurde dabei mit den Patienten über positive persönliche Zukunftsvisionen nach einer solchen Operation geredet. Die psychologische Betreuung zielte darauf ab, den positiven Effekt und die Chancen der OP in den Vordergrund zu rücken. Das Ergebnis des Forschungsprojektes ist vielversprechend: Die Patienten, bei denen ein positives psychisches Umfeld vorbereitet wurde, waren sechs Monate nach einer Herz-Operation gesundheitlich deutlich stabiler, berichtet Rief. Wichtig sei dabei jedoch eine fokussierte und professionelle psychologische Begleitung der Patienten.

von Manfred Hitzeroth

  • Hintergrund: Der Begriff Neuroplastizität bezeichnet die Eigenart von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich zwecks Optimierung laufender Prozesse in ihrer Anatomie und Funktion zu verändern.
  • Lange Zeit hatte man vermutet, dass das menschliche Gehirn ein nahezu unveränderbares Organ mit starr festgelegten Funktionen ist. Die Grundlagen für die Entdeckung der Anpassungsfähigkeit des Gehirns und von Nervenzellen bildete die Forschungsarbeit des Psychologen Donald Olding Hebb.
  • Menschen sind einer sich ständig ändernden Umwelt ausgesetzt. Das verlangt eine hohe Anpassungsfähigkeit, die bei jedem unterschiedlich ausgeprägt ist.
  • Grundvoraussetzung für die Anpassungsleistung ist die Fähigkeit des Gehirns, sich kontinuierlich durch neue Reize zu verändern, also zu lernen – die Neuroplastizität. Eine hohe Neuroplastizität ist eine wichtige Voraussetzung für psychische Gesundheit. Forscher vermuten, dass eine verminderte Neuroplastizität dazu beitragen kann, dass psychische Störungen wie Depressionen entstehen und chronisch werden.
  • Zur Person: Professor Winfried Rief (56, Foto: Hitzeroth)ist seit 2000 Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Uni Marburg und leitet dort die von ihm aufgebaute Hochschulambulanz für Psychotherapie. Von
    1979 bis 1984 studierte Rief Psychologie an der Uni Trier. Seine Promotion erfolgte 1987 an der Universität Konstanz und seine Habilitation 1994 an der Uni Salzburg. Nach einer Zwischenstation in Rottweil war Rief von 1989 bis 2000 Leitender Psychologe an der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Rosen­eck in Prien am Chiemsee. Rief ist Psychologischer Psychotherapeut und Supervisor. Langjährige Erfahrung hat er in Kliniken in den Bereichen Schmerz, Essstörungen, Angststörungen gesammelt. Veröffentlichungen legte er zu körperlichen Beschwerden, Placebo- und Nocebo-Effekten sowie der Optimierung von klinischen Studien vor. Rief war 2004 Gastprofessor an der Harvard Medical School Boston.
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