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Wie viel Wasser kann das Wunderland entbehren?

Protest Wie viel Wasser kann das Wunderland entbehren?

Es geht um die Bewahrung von zehn Naturschutzgebieten, Mooren und vielen Naturschönheiten. Ein Paradies schwebt in Gefahr, wenn sich ein Wasserliefervertrag so auswirkt, wie die Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“ es befürchtet.

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Ein Motiv, das an "Alice im Wunderland" erinnert: Frauenhaarmoos und Torfmoos in einem Moor im Burgwald.

Quelle: Nadine Weigel

Münchhausen. 350 Hektar Naturschutzgebiete, dazu etwa 50 Hektar schützenswerte Moor- und Feuchtbiotope und 20 Pflanzenarten, die hessenweit nur im Burgwald vorkommen - wie der Sumpfschlangenwurz, auch Sumpf-Calla genannt, mit seiner schönen weiße Blüte, der seltene Bärlapp, Farne und Moose. Der Burgwald ist ein besonderes Gebiet, dessen Pflege und Schutz sich die Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“ seit Jahrzehnten zur Aufgabe macht.

In seiner Arbeit sieht sich der Verein aktuell vor einer Herausforderung - die Naturschützer befürchten, dass Wasser aus dem Burgwald demnächst auf Kosten der heimischen Natur nach Frankfurt fließt.

Ein Vertrag zwischen OVAG und ZMW - Oberhessische Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft und Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke - sieht vor, für eine Laufzeit von 29 Jahren mindestens zwei Millionen Kubikmeter bis maximal fünf Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr ins Rhein-Main-Gebiet zu liefern. Zum Hintergrund erklärt ZMW-Geschäftsführer Wolfgang Kummer, dass von den Förderrechten von 24,5 Millionen Kubikmetern bislang nur etwa 16 Millionen Kubikmeter pro Jahr in Anspruch genommen würden. Das Wasser stammt vorwiegend aus den Grundwasservorkommen im Raum Kirchhain und Stadtallendorf sowie teilweise aus dem Burgwald.

Neuer Fernleitungsverbund soll entstehen

„Das bedeutet, dass insgesamt knapp 1600 Kilometer Leitungsnetz von einer immer kleineren Kundenanzahl zu tragen sind“, sagt Kummer und führt den Verlust von zehn Bundeswehr-Kasernen im Verbandsgebiet an, den Bevölkerungsverlust aufgrund von demografischem Wandel und die Landflucht aus dem mittelhessischen Raum in die Metropolregionen.

Durch die Wasserlieferung in den Frankfurter Raum, die per Kooperationsvertrag zwischen OVAG und ZMW besiegelt wurde, erfolge die „Wasserversorgung der abwandernden Bevölkerung nach“, erklärt der ZMW-Geschäftsführer und spricht von einem Leitungsverbund, der vom südhessischen Viernheim bis nach Neustadt entstehen soll - zur „Verbesserung der Versorgungssicherheit aller diesem Verbund angeschlossenen Ortsnetze“. Erstmals entstehe somit in Hessen ein Fernleitungsverbund, wie er etwa in Bayern, Baden-Württemberg oder Niedersachsen bereits vorhanden sei.

„Es handelt sich um ein Projekt, bei dem der Aspekt der Naturraumsicherung im Burgwald mit keinem Wort Erwähnung findet - und das, obwohl das Wasserwerk des ZMW im Wohratal Burgwaldwasser aus dem Untergrund fördert, von dem niemand sagen kann, ob es in Trockenperioden den wunderschönen Nass- und Feuchtbiotopen der Region bis hin zur Austrocknung fehlen wird“, ärgert sich Dr. Anne Archinal, Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“.

Die Fördergenehmigung fürs Wasserwerk Wohratal kenne keine biotopabhängigen Einschränkungen, beklagt die Biologin und kündigt an, dass die Aktionsgemeinschaft beim hessischen Umweltministerium gegen die Wasserlieferungen protestieren wird. „Es kann und darf nicht sein, dass die Hessenwasser GmbH, die mit ihren eigenen Gewinnungsanlagen im hessischen Ried anscheinend in Schwierigkeiten steckt, der lachende Dritte bei diesem Wasserhandels-Dreiecksgeschäft ist,bei dem es für alle drei Gesellschaften wohl um erhebliche finanzielle Vorteile geht“, kritisiert sie die Geschäfte der beteiligten Wasserversorgungsunternehmen, zu denen als Vertragspartner der OVAG auch noch die Hessenwasser GmbH gehört.

Archinal wirft dem ZMW vor, dass er sich weigert, sich den für ganz Hessen geltenden Kriterien der umweltschonenden Grundwassergewinnung zu unterwerfen und verweist auf einen neuen Wasserrechtsantrag, den der ZMW für das Wasserwerk Wohratal noch 2013 stellen müsse - das bestehende Wasserrecht werde 2014 erlöschen. „Wiederholt sind wir beim ZMW vorstellig geworden, um mit ihm gemeinsam die ökologische Absicherung der Biotope des Burgwaldes fachlich zu erarbeiten. Doch anstatt es als Chance zu begreifen, dass im Vogelsberg schon gut funktionierende, umweltschützende System mit in die Beantragung einzubauen, verweigert die Geschäftsführung des ZMW die Kooperation mit dem Naturschutz.“ In einer Veranstaltung „mit handverlesenen Gästen“ im November 2012 habe der Verband ein „fachlich unzureichendes und vor allem an wirtschaftlichen Vorteilen orientiertes Konzept vorgestellt“, sagt Archinal und beklagt, dass all dies „mit dem Segen der Wasser- und Naturschutzbehörden des zuständigen Regierungspräsidiums Gießen geschieht“.

Da die Wasserlieferung unter „Ausklammern der Naturschutzverbände und der Öffentlichkeit“ beschlossen wurde, fordert die Aktionsgemeinschaft die Genehmigungsbehörden auf, dem ZMW das Einhalten aller Kriterien der umweltschonenden Grundwassergewinnung vorzuschreiben, damit der ZMW seine Antragsunterlagen für das Wasserwerk Wohratal entsprechend korrigiert. Dafür wollen sich die Naturschützer nächste Woche im Umweltministerium einsetzen.

„Das war kein Runder Tisch, sondern Schulklasse“

ZMW-Geschäftsführer Wolfgang Kummer macht sich indes keine Sorgen darüber, dass die Natur im Burgwald Schaden nehmen könnte durch die Wasserlieferung. Er führt eine Untersuchung aus den 1970er Jahren an, während derer nachgewiesen worden sei, dass zwischen dem Grundwasser und dem Oberflächenwasser im Burgwald keine Verbindung bestehe. Die Förderaktivitäten des Verbands wirkten sich also nicht auf die Oberflächengewässer aus. Diese Untersuchungen seien aktuell durch ein Messverfahren bestätigt worden. „Die Festlegung von Trinkwasserschutzgebieten läuft im Falle des Wasserwerks Wohratal in erster Linie eigentlich auf den Schutz der Lehmdeckschichten hinaus, die die Trennung von Grund- und Oberflächenwasser gewährleisten“, sagt Kummer und ergänzt, dass kurzzeitige Starkpumpversuche gezeigt hätten, dass die Wasserförderung keine Auswirkungen beim Oberflächenwasser entstehen lassen.

Dr. Anne Archinal wundert sich über diese Darstellung. „Da bleiben viele Fragen offen“, sagt sie und erläutert beispielsweise, dass bei einem Starkpumpversuch viele Faktoren berücksichtigt werden müssten, etwa ob eine Nass- oder Trockenperiode herrscht. „Wir wollen ja gar nicht, dass kein Wasser gefördert wird, wir wollen nur sichergehen, dass es zu Trockenzeiten nicht zu viel Wasser ist und dass bestimmte Pegel nicht unterschritten werden.“ Die Aktionsgemeinschaft will auf Augenhöhe verhandeln mit dem ZMW.

Zu diesem Anliegen sagt Geschäftsführer Kummer: „Der ZMW hat einen offenen Runden Tisch eingerichtet, zu dem alle umweltinteressierten Verbände sowie alle im Gewinnungsgebiet wohnenden Anrainer eingeladen sind, ihre Bedenken, Vorstellungen und Verbesserungen einzubringen. Die dazu anwesenden Hydrologen, Hydrogeologen und Biologen, die durchweg international in diesen Fragen führend sind, werden hierzu erläutern und - falls begründet - Abhilfe schaffen.“

Anne Archinal wundert sich abermals: „Da haben wir teilgenommen, aber das war kein Runder Tisch, das war wie in einer Schulklasse - einer trug vor und die anderen hörten zu. Unsere Bedenken wurden dort nicht wirklich gehört.“

von Carina Becker

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