Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 2 ° Regen

Navigation:
Wie umgehen mit der Angst vor dem Leiden?

Sterbehilfe Wie umgehen mit der Angst vor dem Leiden?

„Der Umgang mit Palliativpatienten besonders  bei Suizidwünschen – neue Rechtslage und Einzelfälle“ ist der Titel eines ­Vortrags am Montag im Gemeindehaus St. Peter und Paul, Biegenstraße 18.

Voriger Artikel
Feuerwehr löscht Container-Brand
Nächster Artikel
Konkurrenz bei der Kinderbetreuung

Dr. Thomas Sitte mit einem seiner Patienten.

Quelle: Klaus Becker

Marburg. Ab 19.30 Uhr lädt der Förderverein des ambulanten Malteser Hospiz- und Palliativ-Pflegedienstes Marburg zu dem Vortrag mit Dr. Thomas ­Sitte ein.

Er ist Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Palliativstiftung. Sitte, selbst entschiedener Gegner jedweder Lebensverkürzung, sagte in einem OP-Gespräch: „Suizidwünsche kommen bei Palliativpatienten viel häufiger vor, als man denkt. Man sieht sie aber nur, wenn man dafür offen ist.“ Gut ein Viertel der Palliativpatienten hätten Suizidwünsche, glaubt Sitte: Die Patienten hätten Angst davor, dass sie leiden müssen, dass sie gegen ihren Willen am Leben erhalten werden. Damit müssten sich Angehörige auseinandersetzen.

Experte: Deutsches Gesetz das liberalste der Welt

Die deutsche Suizidgesetzgebung ist die liberalste der Welt, sagt Sitte. Seit Dezember ist lediglich die geschäftsmäßige Beihilfe zur Selbsttötung verboten – allerdings auch jene, die von gemeinnützigen Vereinen angeboten wird. Die Beihilfe zur Selbsttötung von Einzelpersonen bleibt erlaubt. Jeder Patient kann, wenn er das will, sich eine Privatperson suchen, die bei der Selbsttötung hilft.

Insofern spricht sich Sitte dafür aus, dass das geschäftsmäßige Angebot für die Selbsttötung oder die Tötung auf Verlangen verboten wird. Die Erfahrung zeige, dass dort, wo solche Angebote erlaubt sind, die Zahl der Suizide unter Palliativpatienten steigt. „Und das kann nicht Ziel unserer Gesellschaft sein“, sagt Sitte.

Ihm ist es ein Anliegen, mit vielen Beispielen aus der Praxis über Chancen und Möglichkeiten guter Palliativmedizin aufzuklären, aber auch Angehörige auf den Umgang mit einem schweren Thema wie dem Suizidwunsch am Lebensende vorzubereiten.

Nach dem Vortrag besteht die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Der Eintritt ist frei.

von Till Conrad

Über das Recht zu sterben

Sterbehilfe ist auch nach der Annahme der neuen Regelung im November 2015 noch immer ein hochkontrovers diskutiertes Thema. Die Diskussionsrunde beleuchtete die Thematik aus verschiedenen Blickwinkeln.
Unter dem Motto „Die Zukunft der Sterbehilfe aus dem Blickwinkel verschiedener Wissenschaftler“ vertraten auf Einladung der Fachschaft Jura sieben Podiumsmitglieder ihren Standpunkt, den sie zum Teil anhand von Fallbeispielen verdeutlichten. Moderator Dr. Carsten Paul, Richter am Landgericht Marburg, erörterte zunächst die aktuelle Rechtslage, welche die geschäftsmäßige Sterbehilfe unter Strafe stellt.

„Die alte Gesetzeslage hatte sich gesellschaftlich gut eingependelt, die hätte man nicht ändern dürfen“, sagte SPD-Bundestagsabgeordneter Sören Bartol. Georg Freund, Professor für Strafrecht an der Uni Marburg, stimmte ihm weitgehend zu.

Als „Katastrophe“ bezeichnete Freund den Paragraphen 217: „Er löst keine Probleme, er schafft neue.“ Er befürchte, „dass Ärzte aus Angst vor dem Strafrecht viele Dinge nicht mehr tun, die absolut legal sind“.

Dr. Elke Neuwohner befasste sich mit Sterbebegleitung und stellte die Sicht der Ärzte in den Vordergrund. „Ich meine, dass es dafür interdisziplinäre Teams geben sollte, die uns Ärzten helfen, in schwierigen Situationen Entscheidungen auf verschiedene Schultern zu verteilen.“

„Entscheidung liegt alleine beim Patienten“

Von der ethischen Perspektive betrachtete der Marburger Theologe Professor Friedemann Voigt die Sterbedebatte. „Ich halte die medizinische Fachkompetenz für die Einschätzung eines Suizidwunsches für notwendig“, erklärte Voigt und fügte hinzu: „Die Entscheidung für das ob und wie der Behandlung liegt letztendlich alleine beim Patienten.“ Dr. Gerd Richter, Mitglied der Ethikkommission der Universitätsklinik, stellte klinische Ethikberatung als „Hilfe zum gemeinsamen Entscheidungsvermögen“ vor. Dabei handele es sich um eine Beratung, die den Patienten sowie seine Angehörigen unterstützen soll. „Die Beratung hilft, demokratische Werte in ethisches Handeln umzuwandeln“, erklärte der Mediziner.
Aus Zürich angereist war Professor Felix Uhlmann, der die Rechtslage in der Schweiz vorstellte. Regelungsbedarf in Deutschland sehe er bei der Rechtsunsicherheit, sagte der Professor für Staats- und Verwaltungsrecht und Recht­setzungslehre. „Es gibt grundsätzlich ein Recht auf Suizid, es gibt nicht ein Gesetz, das ­
besagt, dass der Staat das ermöglichen muss“, äußerte Uhlmann.

Dass an diesem Thema großes Interesse besteht, wurde auch anhand des voll besetzten Hörsaals sichtbar, in dem die Podiumsdiskussion stattfand. Neben vielen Studenten waren Zuschauer jeden Alters vertreten.

von Rike Werner

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr