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Wie spielende Kinder im Sandkasten

Ex-Investmentbanker zu Gast Wie spielende Kinder im Sandkasten

Rainer Voss tourt mit dem Film „Master of Universe“ durch Deutschland und die Schweiz. Jetzt war er im Cineplex zu Gast.

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Simone Ott leitete im Cineplex die Diskussion mit Rainer Voss. Foto: Matthias Ahlmer

Marburg. Es ist einer von sechs Filmen der Reihe für Nachhaltigkeit und Globales Lernen des „Globalen Schulkinos“, das Unterrichtsergänzungen für Schulen und Vereine in der Region Mittelhessen anbietet. Unter der Leitung von Simone Ott gab es anschließend eine Diskussion mit den Protagonisten Rainer Voss und den knapp 90 Jugendlichen.

Voss gewährt in der Dokumentation von Marc Bauer einen Einblick in die Welt des Finanzmarktsystems. Mit ruhiger Stimme führt er den Zuschauer durch seine Karriere, die vor 30 Jahren als Mitarbeiter einer kleinen bayerischen Sparkasse begann und als Investmentbanker mit einem siebenstelligen Jahresverdienst endete.

Er berichtet von One-Nighter und Two-Nighter, also Arbeitssituationen, die von den Angestellten erwarten, bis zu zwei Nächte am Schreibtisch zu verbringen. „Um Fünf in der Früh wird man von der Putzfrau geweckt, dann geht’s weiter.“ Die Unternehmen verlangen ihren Angestellten alles ab, bedingungslose Loyalität, keine kritische Stimme. „Man muss funktionieren. Das Gehalt ist die Liebe, die einem für die Arbeit entgegengebracht wird.“ Ab einem gewissen Betrag hat man so viel, dass man es nicht mehr ausgeben kann, aber „man bleibt unersättlich.“ Diese Mentalität spiegelt sich auch in dem Verhalten der Banken wieder. „Wir sind in einer Phase der Überwucherung die krankhaft ist. Wie Krebs.“

Voss stellt damit das Finanzsystem an den Pranger, welches zu seiner Anfangszeit erst „auf Augenhöhe mit der Realwirtschaft gebracht werden musste. Jetzt eilt sie der Realwirtschaft voraus.“ Er wird allerdings auch nicht müde, die Rolle der Banker, und damit auch seine eigene, zu relativieren. Viele Sätze enden mit: „Das ist dort vollkommen normal.“ Fast schon ergriffen erzählt er von der Anfangszeit des Finanzmarktkapitalismus in der er als junger, aufgeschlossener Banker schnell durchstarten konnte. Naiv, wie Kinder im Sandkasten, die mit Förmchen spielen haben sie sich damals gefühlt, „es konnte einfach nichts kaputt gehen“. Der große Wandel unserer Zeit, die Globalisierung, wirbelte dieses überschaubare Feld allerdings auf. Die Vernetzungen und Zusammenhänge sind für keinen mehr transparent. „Ich weiß nicht bis in die letzte Verästelung, wie diese Industrie funktioniert. Das weiß niemand.“

Zu Beginn der Diskussion stellt Voss klar, er sei „kein Systemkritiker“ und überhaupt ein Freund des Kapitalismus und der Banken. Er sei „immer noch derselbe, nur das System hat sich geändert.“

Wunsch nach Förderung alternativer Finanzkonzepte

Die Aufteilung von „Gut und Böse“ lehne er prinzipiell ab. Ebenso sieht er alle Beteiligten, Banken, Politiker und Privatanleger in der Schuld. Niemand mit „gesundem Menschenverstand“ kann erwarten, dass der Wunsch nach „leistungsfreien Einkommen“ keine Konsequenzen habe. Viel eher wünscht er sich eine humanere Note im Bankengeschäft und die Förderung von alternativen Finanzkonzepten. Für die Eurozone gibt er keine positive Prognose ab, nach Griechenland, Portugal und Spanien sei „Frankreich als nächstes dran.“ Er denke zwar, dass „der Euro in fünf Jahren noch existiert. Allerdings nicht mit derselben Mitgliederzahl wie heute.“

Es ist eine harte Bilanz die er zieht, aber woher kommt sein Sinneswandel? Zum einem sei er „ziemlich wütend, wie sich die Dinge entwickelt haben“, zum anderen wolle er nicht von seinen Kindern die Frage gestellt bekommen: „Papa, warum hast du nichts dagegen gemacht?“ Seinen Job hat er gekündigt und tourt nun mit dem Film durch Deutschland, die Schweiz und Holland. Finanzielle Sorgen muss sich Rainer Voss bei seinem neuen Projekt sicherlich nicht mehr machen, immerhin habe er damals „100000 Euro im Monat gemacht.“

von Matthias Ahlmer

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