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Wie man die lähmende Angst besiegt

Interview mit Trauma-Experte Wie man die lähmende Angst besiegt

Im OP-Interview verrät der Trauma-Experte Georg Pieper, wie er auf den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin reagiert hat und wie man Ängste in etwas Positives umwandeln kann.

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Diplom-Psychologe Georg Pieper in seinem Institut für Traumabewältigung in Friebertshausen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die Angst vor Terror ist seit den Anschlägen in Paris, Nizza und zuletzt Berlin realer geworden, beobachtet der Trauma-Psychologe Georg Pieper aus Friebertshausen. Die Kriegsrhetorik mancher Politiker befeuere den Schrecken zusätzlich. Hinzu kommen die steigende Angst vor rechter Gewalt und die Sorgen vieler Menschen davor, nicht mehr mitzukommen und abgehängt zu werden.

In seinem am Montag erschienen Buch „Die neuen Ängste. Und wie wir sie besiegen können“ beschreibt Pieper Angst als neuen ständigen Begleiter, der sich bereits in der Lebensgestaltung vieler Menschen niederschlägt. Pieper erklärt, Ängste könne man nur schwer intellektuell steuern - die Reaktionen darauf schon. Und die Konsequenzen, die Menschen daraus ziehen, gingen zur Zeit immer stärker auseinander. Dies drohe die Gesellschaft zu spalten.

Pieper zeigt aber auch Strategien auf, um zu verhindern, dass die Angst das Denken beherrscht. Dazu gehöre es, die eigene Krisenkompetenz zu stärken und sich eine „kluge Mediennutzung“ anzugewöhnen. Darunter versteht Pieper etwa bei Anschlägen, statt nebenbei die Live-Berichterstattung zu verfolgen, besser auf fundierte und gut recherchierte Nachrichten zu warten und diese konzentriert zu verfolgen. Es klinge zwar etwas „old school“, aber für die Psyche sei es „nach einem belastenden Ereignis sinnvoller“, eine Zeitung zu lesen als sich in die sozialen Netzwerke zu begeben. Ein eigenes Kapitel seines Buchs widmet Pieper der Fragestellung, wie Eltern Kindern in Zeiten des Terrors ein Gefühl von Sicherheit geben und Medienkompetenz vermitteln können.

OP:  Sie berichten in ihrem Buch, wie Sie den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt erlebt haben. Wie haben Sie reagiert?

Georg Pieper: Ich habe, wie viele Menschen, sehr entsetzt reagiert und entgegen meiner eigenen Ratschläge die Berichte im Fernsehen und in den sozialen Medien verfolgt. Ich spürte eine wachsende innere Anspannung, Gefühle von Trauer, Wut und Ohnmacht. Als ich mich bei vorschnellen pauschalisierenden Gedanken ertappte, dass ein Asylsuchender die Tat begangen haben sollte, sagte ich mir: Stop! Dann habe ich das Internet ausgeschaltet und die Vernunft eingeschaltet. Und mir bewusst gemacht, ja, es ist etwas schlimmes passiert. Aber unsere Welt ist dadurch nicht wesentlich unsicherer geworden, auch wenn sich das im Moment so anfühlt. Einerseits war ich erschrocken darüber, wie ich auf das Attentat auf den Breitscheidplatz reagierte, immerhin beschäftige ich mich seit fast 30 Jahren mit Traumaverarbeitung. Andererseits bin ich ja Gott sei Dank auch noch Mensch geblieben und habe mich dafür ganz typisch verhalten. Man muss in dieser Situation eben aufpassen, dass man der Angst nicht erliegt. Der unreflektierte Umgang mit ihr führt nämlich eher zu einer Steigerung der Ängste und dazu, dass man die falschen Konsequenzen zieht. Im Buch beschreibe ich, was wir tun können, um uns nicht durch die neuen Ängste lenken und lähmen zu lassen, wie wir sie besiegen und aktiv werden können.

OP:  Sind diese Ängste denn wirklich neu, oder kommen Sie nur näher an uns heran?

Pieper : Das Gefühl der Angst ist nichts Neues. Die Weltlage, in der wir leben, ist schon lange für viele undurchschaubar geworden, was zu einem Gefühl der Grundunsicherheit führt. Die vielen Anschläge auf der Welt hat man auch früher registriert, aber sie waren weiter weg. Die Angst vor dem Terror trifft uns nun auch in Deutschland persönlich und sie ist weiter verbreitet, als ich gedacht habe. Eine große Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch unser Umgang mit den Medien. Mittlerweile kann man solche Anschläge live verfolgen, das verstärkt unsere Angst sehr. Zusätzlich reden wir uns häufig ganz nah an solche Szenarien ran mit Gedanken wie „ich hatte auch eigentlich vor, auf diesen Weihnachtsmarkt zu fahren“ und heizen damit unsere Emotionen an.

OP: Wie kann man diese Ängste in etwas Positives umwandeln?

Pieper: Oft wird uns erst bewusst, was wir an der Freiheit haben, wenn sie bedroht ist. Wir müssen für die Demokratie einstehen und etwas dafür tun, um unsere freiheitlichen Errungenschaften und Werte zu verteidigen - gegen islamistische Gewalt wie auch gegen rechtsradikale Gewalt. Dabei kann viel Kraft entstehen, Lebensfreude, Hoffnung und Optimismus. Ein Beispiel dafür ist die im Buch beschriebene Tanzgruppe, die nach den Anschlägen von Brüssel die gelähmte Stadt wieder zurückerobert hat.

OP: Sie wollten in Ihrem Buch „als Psychologe wertfrei beschreiben“, was sie wahrnehmen und keine „politischen Statements“ abgeben. Haben Sie sich dran gehalten?

Pieper: Das Buch berührt politische Themen, aber ich gebe keine politischen Statements. Ich lasse Menschen zu Wort kommen, die ihre Ängste vor Terror und Islamismus ausdrücken. Dabei hat sich häufig die Frage ergeben: Wie viel Integration schaffen wir? Wir sind zum Beispiel bei dem Thema der Behandlung von traumatisierten Flüchtlingen ganz klar mit unseren Kapazitätsgrenzen konfrontiert. Diese Menschen haben schreckliche Dinge gesehen. Sie haben Gewalt erlebt, manche sind selbst gewalttätig geworden. Diese Traumata können erfahrene Traumatherapeuten behandeln. Wenn man sie nicht behandelt, können sie zu einem dauerhaften Problem für den Patienten werden und damit auch für die Gesellschaft.

OP: Brauchen wir denn dann nicht einfach mehr Psychotherapeuten?

Pieper: Wir brauchen mehr Therapeuten, und dafür wird auch schon etwas getan. Aber damit löst man die grundsätzliche Problematik nicht. Wir müssen davon ausgehen, dass etwa ein Drittel der Flüchtlinge schwer traumatisiert ist. Wenn wir unsere Kapazitätsgrenzen ignorieren, dann schaffen wir uns ein Riesenproblem. Ein Negativbeispiel sind die Vororte französischer Großstädte, die Banlieues, in denen überwiegend abgehängte Migranten leben. Man muss es realistisch sehen, dass es wenig Sinn macht, über unsere Möglichkeiten hinaus traumatisierte Menschen aufzunehmen.

OP:  Was kann denn jeder einzelne von uns tun, um traumatisierten Menschen zu helfen?

Pieper: Zunächst einmal, ihnen positiv begegnen. Es sind sehr viele Menschen dabei, die unsere Gesellschaft bereichern können. Sie müssen spüren, dass wir an ihnen interessiert sind und ihnen wohlwollend entgegentreten. Die Mehrheit der Deutschen ist dazu wohl in der Lage, aber auch hier nur bis zu einer gewissen Grenze. Das ist wieder keine politische Aussage von mir, sondern das, was ich von vielen Menschen höre. Das trauen sich viele Menschen nicht auszudrücken, weil sie fürchten, in eine politische Ecke gestellt zu werden. Ich habe eine andere Befürchtung: Wenn wir die neuen Ängste nicht ernst nehmen, dann werden die rechten Kräfte weiter stärker werden, weil sie einfache Lösungen für die Ängste propagieren.

von Philipp Lauer

Das Buch: "Die neuen Ängste"
Georg Pieper: „Die neuen Ängste. Und wie wir sie besiegen können“, Knaus Verlag, 256 Seiten, 19,99.
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