Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Wie kam es zu "einmaligem Fall"?

Vortrag über NSU-Prozess Wie kam es zu "einmaligem Fall"?

Der freie Journalist Robert Andreasch beobachtete den NSU-Prozess seit demersten Tag. Am Montagabend berichtete er vom bisherigen Prozessverlauf.

Voriger Artikel
"Sie treibt es mit jedem"
Nächster Artikel
Besucher haben ein Herz für die Flutopfer

Der Angeklagte Holger G. verbirgt beim Betreten des Oberlandesgerichtes München sein Gesicht hinter einer Akte.Archivfoto

Quelle: Andreas Gebert

Marburg. Am Montagabend drängten sich auf Einladung der Professoren Hauke Brettel und Christoph Safferling im Savignyhaus, dem Sitz der rechtswissenschaftlichen Fakultät, gut 100 Leute vor einem Raum, der nicht einmal für die Hälfte annähernd reichen würde. Ein Vortrag über den NSU-Prozess hatte derart viele Interessierte angelockt, dass die Veranstalter kurzerhand entschieden, in das 500 Meter weiter gelegene Hörsaalgebäude der Universität umzuziehen. Viele der Interessierten waren Studenten der Rechtswissenschaften, aber auch Studenten anderer Fachbereiche und Externe sind gekommen.

Was zieht so viele Zuhörer an diesem Mordprozess an? Vermutlich erhofften sich einige von Ihnen zu verstehen, wie die Ermittlungsbehörden derart ineffektiv handeln konnten und die Taten überhaupt erst geschehen konnten.

Robert Andreasch ist Experte für die Neonazi-Szene in Süddeutschland und akkreditierter Journalist im NSU-Prozess. Unter anderem verfasste er Artikel für die „Zeit“ und den „Spiegel“. Für ihn ist struktureller Rassismus der Schlüssel zum Verständnis dieses einmaligen Falles. Andreasch zeigte in seinem Vortrag Beispiele für den Rassismus in den Ermittlungsbehörden, in den Medien und in der Gesellschaft auf. „In der Gesellschaft regte sich kaum etwas nach den Morden“, sagt Andreasch, „als ob in Nürnberg regelmäßig Attentate verübt würden“. Auch die Medien schienen blind gewesen zu sein und hätten die Morde kaum oder gar nicht aufgegriffen. Alleine die Bezeichnung als „Dönerbudenmorde“ seien Ausdruck des „subtilen Rassismus“, der in der Gesellschaft herrsche.

Harte Kritk an deutscher Justiz

Harte Kritik übte Andreasch auch an der deutschen Justiz. So wies er auf schwerwiegende Ermittlungsfehler der zuständigen Behörden hin. Diese Ermittlungsfehler seien vor allem auf den vorherrschenden Rassismus in den Behörden zurückzuführen, meint Andreasch. Während deutsche Verdächtige unbescholten geblieben seien, seien insbesondere Verdächtige mit Migrationshintergrund ins Visier der Ermittlungen geraten. „Teilweise führten diese Ermittlungen sogar bis in die Herkunftsdörfer einzelner Opfer in der Türkei“, erklärte der Journalist.

Dieses Verhalten der Ermittlungsbehörden führte zu weiteren Ressentiments gegen Migranten in der Bevölkerung, da sich viele in ihrem Bild von kriminalitätsanfälligen „Ausländer-Milieus“ bestätigt sahen.

Andreasch gab in seinem Vortrag auch Einblicke in den Prozessalltag. Bis dato hat er noch keinen einzigen der über 100 Prozesstage verpasst. So beschrieb er, wie sich viele der Zeugen - von Ex-Verfassungsschützern bis zu Neonazis - wenig Mühe zu geben scheinen, die Mordserie aufzuklären.

"Gesellschaft kann daraus lernen"

Etwa eine Stunde redete Andreasch, bis er Fragen der Zuhörer beantwortete. Einer von ihnen fragte, ob die Justiz auf dem rechten Auge blind sei, was Andreasch nur teilweise bejahte.

Viele interessierten sich aber auch für persönliche Eindrücke des Journalisten. Als sehr engagiert beschrieb Andreasch die Verteidiger im NSU-Prozess. Weiter beschrieb er die Kälte, mit der die Hauptangeklagte Beate Zschäpe nahezu wortlos dem Prozess gefolgt sei. Lediglich ein einziges Mal habe sie im Gerichtssaal gesprochen, so Andreasch, und das auch nur, weil ihre Verteidiger gerade nicht im Saal gewesen seien.

Welche Funktion dieser Prozess überhaupt habe, war eine der weiteren Fragen. Vor allem die historische Funktion der Aufklärung könne dieser Prozess erfüllen, findet Andreasch. „Die Gesellschaft kann daraus lernen“, meint er.

von Yves Bellinghausen

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr