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Wie ein Marburger Friedberg rettete

Kranzniederlegung Wie ein Marburger Friedberg rettete

Am 29. März bewahrte der Marburger Heinrich Wölk als Kampfkommandant von Friedberg die Stadt vor dem Untergang. Er wurde innerhalb von wenigen Minuten zum Helden.

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Hans-Joachim Wölk (von links), Friedbergs Bürgermeister Michael Keller, Heinrich Löwer und ­Friedbergs stellvertretender Bürgermeister Peter Ziebarth legen einen Kranz am Grab von Heinrich Wölk nieder.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Eine Delegation der Stadt Friedberg unter Leitung von Bürgermeister Michael Keller (SPD) ehrte am Grab von Heinrich Wölk auf dem Marburger Hauptfriedhof den früheren Soldaten, dessen Zivilcourage zur sofortigen Kapitulation der Stadt führte, im Beisein von Vertretern der Stadt Marburg und von Familienmitgliedern.

„Er hat etwas getan, was für die jüngere Generation selbstverständlich klingen mag, was aber in den letzten Tag des Dritten Reiches lebensgefährlich war“, charakterisierte Keller die Verdienste von Wölk.

Heinrich Wölk kämpfte als Soldat in Litauen, an der Ostfront und in Frankreich. Dort wurde er verwundet und nach Friedberg verlegt. Als Wölk am 18. März 1945 mit dem Fahrrad in der Garnisonsstadt eintraf, konnte er nicht ahnen, welche dramatische Wende sein Leben nehmen sollte. Zehn Tage darauf nämlich, am 28. März, wurde Wölk zum Kampfkommandanten ernannt. Von heute auf morgen war Heinrich Wölk der höchstrangige militärische Befehlshaber in Friedberg. Sein Auftrag: „Kampf bis zum letzten Mann, bis zur letzten Patrone“, so der Führerbefehl in den letzten Kriegstagen.

Heinrich Wölk tat genau dies nicht. Am Morgen nach seiner Ernennung war die Entscheidung im Kampf um die Stadt so gut wie gefallen. Der amerikanische Offizier Smith fuhr am Vormittag mit dem Jeep in die befestigte Stadt, vorbei an deutschen Soldaten, auf dem Rücksitz einen deutschen Leutnant, der mitgefahren war, um die Sicherheit des Amerikaners zu gewährleisten. In der Burg von Friedberg traf Smith auf den Kampfkommandanten. Mit den Worten „Jungs, die Sache ist erledigt“ soll er ihn zur Kapitulation aufgefordert haben.

Offenbar sah Wölk die Lage genau so wie Smith, jedenfalls  sprach er offiziell die Kapitulation aus. Damit war die Situation aber nicht beendet. Ein SA-Offizier, der die Szenerie mitbekommen hatte, betrat den Raum mit entsicherter und gezogener Maschinenpistole, brüllte: „Wer hat hier kapituliert?“ und bedrohte Wölk mit seiner Waffe. „In diesen Minuten“, so sagt 70 Jahre später Friedbergs Bürgermeister Keller, „wurde Heinrich Wölk zum Helden“.

Tief bewegt von der Ehrung durch die Stadt Friedberg

Wölk weigerte sich nämlich auch in dieser für ihn lebensbedrohlichen Situation, die Kapitulation zurückzunehmen. Er sagte dem Offizier stattdessen, dass er schon das Kommando übernehmen müsse, ehe die Kapitulation zurückgenommen werde. Die Situation zog sich einige Minuten hin, ehe sie sich entspannte und die Kapitulationsurkunde später dann unterzeichnet wurde.

„Ohne das, was Hauptmann Wölk in jenen Minuten gemacht hatte, wäre Friedberg in Schutt und Asche gelegt worden“, ist sich Keller sicher. Im Übrigen sind neben Wölk auch der Amerikaner Smith und der deutsche  Leutnant, der ihn durch die Stadt zu Wölk begleitete, zu hochangesehenen Personen in Friedberg geworden.

Tief bewegt von der Ehrung durch die Stadt Friedberg sagte Hans-Joachim Wölk, Sohn von Heinrich Wölk und Stadtältester der Stadt Marburg, „Vernunft und Menschlichkeit drängten meinem Vater diese Entscheidung auf – ich bewundere ihn dafür“. Marburgs Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer dankte der Stadt Friedberg für die Aufarbeitung der Geschichte dieser Tage: „Versöhnung ist nur möglich, wenn die Handlungen von Menschen wie Heinrich Wölk bekannt werden.“

von Till Conrad 

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