Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 13 ° Regen

Navigation:
Wie ein Flüchtling zum Freund wird

Integration Wie ein Flüchtling zum Freund wird

Der syrische Flüchtling Mohammad und Anne-dore Döring aus Cappel haben in den vergangenen Monaten eine tiefe Freundschaft aufgebaut. Nun warten beide auf das Ende des Asylverfahrens.

Voriger Artikel
Ein „Sprachrohr für die Menschen der Region“
Nächster Artikel
Hilfestellung für Nachwuchsforscher

Mohammad liest Annedore Döring aus einer Broschüre vor. „Seine Fortschritte sind unglaublich“, sagt die Cappelerin.

Quelle: Yanik Schick

Cappel. Für einen Moment funkelt es in den Augen von Annedore Döring. Sie lächelt, blickt kurz auf den Boden und wirkt dabei fast wie ein Teenager, der zum ersten Mal verliebt ist. Dann erzählt sie die Geschichte, wie sie den jungen Mann, der aufmerksam neben ihr auf der Couch sitzt, kennengelernt hat.

„Ich hatte die Aufgabe, Listen für die Sprachkurse zu führen“, sagt Döring, die sich ehrenamtlich bei der Flüchtlingshilfe im Cappeler Erstaufnahmelager engagiert.

„Da sind ganz viele Menschen gekommen, bis zu 180 pro Tag. Aber seinen Namen habe ich mir gemerkt“, sagt sie und deutet auf Mohammad. Warum gerade er?

„Mohammad war ganz engagiert, er hat gesagt, er will unbedingt Deutsch lernen und einen Job finden. Das hat mich beeindruckt.“

Was beide damals, bei ihrer ersten Begegnung vor mittlerweile fast drei Monaten, wohl nicht wussten: Sie sollte der Beginn einer ebenso ungewöhnlichen wie tiefen Freundschaft werden.

Rückblick: Im Sommer begab sich der Syrer Mohammad, als ältester unter insgesamt sechs Geschwistern, ganz allein in den Flüchtlingsstrom nach Mitteleuropa. „Kampfflugzeuge sind am Himmel, es fliegen viele Bomben“, beschreibt er auf Englisch den Alltag in seiner Heimat. Er sorgt sich um seine Verwandten, mit seiner Schwester schreibt er durchgehend - auch während dem Gespräch mit der OP. Früher, so erzählt Mohammad, hatte seine Familie zwei Häuser. Eins davon in Raqqa, das inzwischen vom IS eingenommen wurde. Somit leben die Eltern und ihre weiteren fünf Kinder nun in Tal Abjad, einer Kleinstadt direkt an der türkischen Grenze. Auf einen kleinen gelben Klebeblock hat Mohammad all das detailliert aufgezeichnet und die Kräfteverhältnisse von IS, PKK und Assad-Truppen veranschaulicht.

„Wenn ich nicht geflohen wäre, hätte mich die PKK vielleicht als Soldat rekrutiert, vielleicht wäre ich auch vom IS umgebracht worden. Ich weiß es nicht.“ 17 Tage dauerte seine Flucht über Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich. Um nach Griechenland zu kommen, war er fast einen Tag lang mit rund 50 Personen auf einem kleinen Schlauchboot über das Mittelmeer getrieben. Weite Strecken lief er, die letzte Etappe führte mit dem Zug von Wien nach Frankfurt.

„Ich wollte nach Deutschland, die Sprache hat mich schon immer fasziniert“, erklärt Mohammad. Von Frankfurt brachten ihn die Behörden nach Gießen und später nach Cappel. Dort habe er sich „endlich wieder sicher gefühlt“.

Die Begegnung mit Annedore Döring glich für Mohammad einem „Geschenk am Ende des langen Leidenswegs“. Für ihn sei es die Chance in ein neues, hoffnungsvolles Leben. „Ich bin ihr sehr dankbar“, sagt er. „Sie hilft mir dabei, Deutsch zu lernen.“

In Syrien hat Mohammad ein Studium als Arabisch-Lehrer abgeschlossen - nur arbeiten durfte er nie, weil alle Schulen geschlossen seien. Annedore Döring ist Lehrerin für Englisch und Kunst, spricht aber auch Französisch und ein wenig Persisch. Die Freude an der Sprache verbindet beide. Mohammad hat ein Online-Programm auf seinem Handy, mit dem er täglich die neue Sprache übt. „Es ist schwieriger als Arabisch, aber ich will Deutschland auch ‚Danke‘ sagen, indem ich die Sprache lerne.“

Anhörung im Asylverfahren nächste Woche geplant

Während seines bislang zweieinhalbmonatigen Aufenthalts in Cappel kommunizierten beide regelmäßig über das soziale Netzwerk Facebook und das Smartphone-Chatprogramm WhatsApp. Sie hatten die Idee, gemeinsam eine Wörterliste mit den wichtigsten Begriffen und Übersetzungen für die Flüchtlinge zu erstellen. Doch vor zwei Wochen wurde dieser Plan durchkreuzt, als Mitarbeiter des Bundesamts für Migration den Flüchtling ohne Vorankündigung in ein kleines Asylbewerberheim im Wetteraukreis verlegten. Für das 200 Jahre alte Backsteingebäude, eine alte Schule, haben beide nur Ironie übrig, es sei ein „Wellness-Hotel“. Neun Syrer sind dort auf engstem Raum untergebracht, jeder hat nur ein Bett und einen kleinen Spind zur Verfügung. Einkaufen muss jeder selbst, obwohl der nächste Supermarkt fünf Kilometer entfernt ist. „Es ist da schrecklich“, sagt Mohammad.

Annedore Döring hat ihn in der Wetterau besucht und für ein Wochenende zu sich nach Cappel geholt, weil sie die Zustände für „unzumutbar“ hält. Am Montag soll Mohammad nach Friedberg kommen. Dort ist vermutlich die zweite Anhörung in seinem Asylverfahren geplant, Genaueres wissen aber weder der Syrer selbst noch seine Begleiterin. Mohammad sagt, er wolle endlich frei sein, wolle arbeiten und auch seine Familie später nach Deutschland holen. „Ich glaube an eine gute Zukunft.“ Nun funkelt es in seinen Augen.

von Yanik Schick

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr