Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Wie der Krieg den Alltag veränderte

100 Jahre 1. Weltkrieg Wie der Krieg den Alltag veränderte

Otto Dettmering (1899 - 1992), Pfarrersohn aus Niederwalgern, erlebte den Beginn des Ersten Weltkriegs als 15-Jähriger.

Voriger Artikel
Forscher erkunden die "Selfie"-Mode
Nächster Artikel
Brillen-Sammlerin hat den Durchblick

Soldaten Anfang August 1914 auf dem Weg zur Front.Archivfoto: dpa

Quelle: dpa

Marburg. Bis zum 31.Juli 1914 war der junge Otto Dettmering Internatsschüler auf Schloss Reichenberg im Odenwald; am Tag der Mobilmachung reiste er zurück nach Niederwalgern. „Als wir um Mitternacht in Frankfurt ankamen“, schreibt Dettmering in seinen Erinnerungen, „erlebten wir einen Freudentaumel auf den Straßen. Aus sämtlichen Lokalen ertönten vaterländische Lieder, die Menschen fielen sich siegestrunken in die Arme.“

Das deckt sich mit den Ereignissen in Marburg, wie aus der Oberhessischen Zeitung hervorgeht. In Marburg kam es in der Nacht zu „lärmenden Kundgebungen“ und „flotten Reden.“ Es muss wohl wild zugegangen sein, denn die „Oberhessische Zeitung“ mahnte, dass „bei dem Ernst der Zeiten eine würdige Haltungdes Volkes auch ein ernstes Erfordernis“ sei.

Pfarrersohn Dettmering erlebte in Niederwalgern, wie durch den Ortsdiener die Mobilmachung am Nachmittag des 1. August bekanntgegeben wurde. „Am Sonntag, 2. August“, heißt es in den Erinnerungen weiter, „rollten unaufhörlich ein Truppentransport nach dem anderen nach dem Westen. Die Eisenbahnwaggons waren mit grünen Zweigen reichlich geschmückt, und mit Kreide geschmückt war an den Wagenwändern zu lesen: ‚Weihnachten sind wir wieder bei Muttern‘ oder ‚Jeder Stoß ein Franzos, jeder Schuss ein Russ.‘ Otto Dettmering und seine Freunde saßen am Bahndamm beim Bahnübergang nach Roth und wünschten, so erinnerte er sich später, „den Soldaten baldige Heimkehr“.

Die Bahnstrecke war schon damals eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen in Deutschland. Ab dem Abend des 2. August, dem zweiten Mobilmachungstag, verkehrten fahrplanmäßige Personenzüge nur noch eingeschränkt, wie die „Oberhessische Zeitung“ schrieb. Die Eisenbahnverwaltung kündigte schon am 4. August an, dass der Personen- und Gepäcktransport bis auf weiteres nur noch mit Militärzügen erfolgen werde.

Kriegshilfe statt Schule

Otto Dettmering, damals 15 Jahre alt, eröffnete in jenen Tagen seinem Vater, er wolle sich freiwillig melden. Der lachte jedoch nur und verwies den Filius an seine Schulbücher. Bis zum Ende der Sommerferien stellte der aber seine Hilfe dem Bürgermeister zur Verfügung - und übernahm gleich eine „wichtige“ Aufgabe: In Walgern wurde auf Höhe der Brückenwaage eine Straßensperre errichtet, und Otto gehörte zu jenen, die fremde Fuhrwerke kontrollierten. In jenen ersten Kriegstagen gab es nämlich das Gerücht, dass die Franzosen ein Auto vollbeladen mit Gold nach Russland geschickt hätten.

In jenen Tagen der Mobilmachung gab es aber ernstere Sorgen. Die „akademische Vermittlungsstelle für Notstandsarbeiten“ forderte alle jungen Leute Marburgs auf, sich freiwillig zur Erntearbeit zu melden. Schüler wurden zwangsrekrutiert.

„Bald“, so schreibt Otto Dettmering, „trafen die ersten Siegesmeldungen ein, überall hatten die Deutschen die französische und belgische Grenze siegreich überschritten. Am 6. August, nach dem Fall der belgischen Stadt Lüttich, ertönten in Walgern zum ersten Mal die Siegesglocken.“

Der Weltkrieg war in vollem Gange.

von Till Conrad

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr