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Wie Behring tausende Soldaten rettete

Serie Erster Weltkrieg Wie Behring tausende Soldaten rettete

Tetanus kennen die meisten Menschen heute nur noch, weil sie dagegen geimpft worden sind. Im Ersten Weltkrieg war der Wundstarrkrampf gefürchtet, vor allem bei Soldaten.

Marburg. Die Krankheit beginnt ähnlich wie eine Grippe, doch sie verläuft äußerst qualvoll und meist tödlich. Die Muskeln verkrampfen sich, das Gesicht verzieht sich zu einem entstellenden Grinsen. Dann überspannt sich der Rücken bogenförmig, der Patient wird immer wieder von Krämpfen geschüttelt und erstickt schließlich.

Wer vor 100 Jahren im Kampf verwundet wurde, starb oft nicht an der Verwundung selbst. „Es kam zu Wundinfektionen, und eine der gefürchtetsten war Wundstarrkrampf“, berichtet die Medizinhistorikerin Dr. Ulrike Enke. In Friedenszeiten sei die vom Bakterium Clostridium tetani ausgelöste Erkrankung hingegen beim Menschen nicht häufig gewesen - deshalb habe auch die Immunisierung keine große Rolle gespielt.

Über die Dosierung des Mittels wusste man wenig

Das Jahr 1914 ändert alles: Als der Weltkrieg über Europa hereinbricht, wird Tetanus zu einer großen Gefahr. So besinnt sich das deutsche Kriegsministerium auf einen Marburger, der ein führender Experte bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten ist: Emil von Behring (1854-1917).

Der ehemalige Stabsarzt aus Westpreußen hatte bereits 1890 gemeinsam mit dem Japaner Shibasaburo Kitasato nachgewiesen, dass Tiere gegen Diphtherie und Tetanus immun werden, wenn man ihnen ein Serum aus dem Blut infizierter Tiere spritzt. Schon vor dem Krieg hat er einen Impfstoff gegen Diphtherie entwickelt. Als der Krieg beginnt, ist Behring patriotischer Kriegsbefürworter - wie viele Wissenschaftler und Intellektuelle seiner Zeit.

Das Kriegsministerium beauftragt die Behring-Werke in Marbach mit der Herstellung eines Serums gegen Tetanus.

Dazu wurden damals Pferde mit der Krankheit infiziert, erklärt die Medizinhistorikerin Dr. Kornelia Grundmann. Die Tiere erkranken, werden aber wieder gesund - und tragen dann Antikörper in sich. Aus ihrem Blut kann man so ein Mittel herstellen, das die von den Bakterien produzierten Giftstoffe bekämpft - und somit Leben rettet.

Ein solches Serum stellt Behring bereits seit 1896 her, doch nun muss es verstärkt werden. Über die Dosierung des Mittels weiß man zu dieser Zeit nur wenig. Das Kriegsministerium bittet deshalb Behring um Hilfe. So wird der Nobelpreisträger zum „Retter der Soldaten“ und erhält das Eiserne Kreuz.

Die passive Immunisierung durch das Serum wirkt jedoch nur einige Wochen, erklärt Grundmann - im Unterschied zu einer aktiven Immunisierung durch einen Impfstoff mit abgeschwächten Erregern. Weil die Soldaten reihenweise geimpft wurden, benötigte das Militär große Mengen des Serums.

Für die Behring-Werke ist der Krieg deshalb eine Zeit massiver Expansion: Vor dem Krieg arbeiteten dort 20 Menschen mit 24 Pferden, 1917 sind es schon 200 Menschen und 79 Pferde. Die Behring-Werke produzieren täglich literweise Serum, auch andere Unternehmen stellen das Mittel her. Trotzdem fordert das Kriegsministerium immer wieder, Behring müsse schneller liefern.

„Es wurde vergessen, dass Lebewesen das Mittel herstellen - und das dauert Wochen“, sagt Enke, die den Nachlass Behrings durchforstet hat. Dort finden sich bitterböse Briefe des cholerischen Forschers. Denn im Kriegsministerium und in der kaufmännischen Abteilung der Behring-Werke in Bremen trifft er auf Unverständnis.

Gesunde Pferde wurden auch im Krieg benötigt

Behrings Problem: Er braucht junge, gesunde Pferde. Doch die sind schwer zu bekommen, weil Pferde auch im Krieg eingesetzt werden, für Transporte und bei der Kavallerie. „Man weiß da nicht recht, ob Tiere, wie zum Beispiel das lendenlahme, sofort dem Schinder auszuliefern sind, oder ob man erst einen Behandlungsversuch unternehmen soll“, beklagt der Forscher Ende November 1914 in einem Brief an seinen Geschäftsführer Dr. William Söder in Bremen.

Tierpfleger und Tierärzte werden ebenfalls für den Kriegsdienst eingezogen. Trotz aller Probleme wird das Heilserum ein großer Erfolg - die Sterblichkeit durch Tetanus sinkt dramatisch.

Hat Behring also den Kriegsverlauf beeinflusst, weil weniger Soldaten starben? Darüber können auch die Expertinnen Grundmann und Enke nur spekulieren - bislang gebe es keine Forschungen zu diesem Thema. Kriegsentscheidend war Behrings Wirken jedenfalls nicht, denn am Ende stand die Niederlage für das Deutsche Kaiserreich.

Der Nobelpreisträger selbst erlebte das nicht mehr - er starb am 31. März 1917 an einer Lungenentzündung. Viele verwundete Soldaten allerdings überlebten den Krieg, oft trotz Amputationen. Sie mussten versorgt und wieder in den Arbeitsprozess eingegliedert werden. „Das hätte es ohne Behring nicht gegeben“, ist Enke sicher.

Heute denkt beim Namen Behring kaum jemand an die Bezeichnung „Retter der Soldaten“. Doch Impfungen gegen Diphtherie und Tetanus sind heute Standard, und so hat der Marburger Forscher auch tausenden Zivilisten das Leben gerettet.

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