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Wie Baumriesen die Zeitalter überdauern

Naturdenkmäler Wie Baumriesen die Zeitalter überdauern

Sie ragen bis zu 40 Meter in die Höhe. Und überdauern Jahrhunderte. Es sind Bäume, die Ehrfurcht einflößen. Für die Serie „Unser Wald“ ging die OP auf Baumreise im Landkreis und widmet den Naturdenkmälern einen Zweiteiler. Heute: Teil 1.

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Die zwei gegenüberstehenden dicken Eichen vor dem Geiersberg in Bellnhausen lassen Menschen durch ihre gewaltigen Ausmaße ganz klein aussehen.

Quelle: Nadine Weigel

Bellnhausen. Was für ein Baum! Die dicke Eiche vor dem Geiersberg bei Bellnhausen ist nicht zu übersehen, wenn man über einen Feldweg unweit der Ortslage durch die Gemarkung läuft oder fährt. Sie mag zwischen 450 und 500 Jahren alt sein – niemand kann die Jahresringe zählen, so bleibt es bei einer Schätzung. „Die schafft noch ein paar Hundert Jahre“, sagt Lutz Hofheinz, Leiter des Forstamts Kirchhain, und lehnt sich gegen den mächtigen Stamm.

Es ist ein Tag im späten Oktober, die Sonne steht schon tief und taucht die dicke Eiche nebst ihrem gegenüberstehenden, einem nur wenig schmächtigeren Exemplar ihrer Gattung, in sanftes Licht. Jemand hat eine Schnur mit bunten tibetischen Gebetsfahnen von der einen Eiche zur anderen gespannt, die Tücher wehen im Herbstwind.

Bäume sind Zeugen der Zeitgeschichte

Wenn diese Bäume reden könnten – was hätten sie alles zu erzählen? Geschichten über Unwetter, dürre Sommer, bitterkalte Winter, über lachende und weinende Menschen. „Er muss wahrscheinlich schon mit ansehen, wie eine große Lahn-Flut die Bubenmühle dahinraffte, wie kaiserliche und schwedische Truppen während des Dreißigjährigen Kriegs bei Bellnhausen lagerten“, schreibt Heimatkundler Heinz Rabenau in den „Bellnhäuser Dorfgeschichten“. Auch die kriegerischen Auseinandersetzungen der Dorfschaften Roth und Bellnhausen über den Feldfrevel in der Gemarkung „Goldbach“ dürften der Eiche nicht entgangen sein, hält Rabenau fest und verweist darauf, dass es für die Eiche auch lustigere Zeiten gab.

So sollen anfangs des 20. Jahrhunderts die Burschen aus Roth unter den gewaltigen Ästen einen Tanzplatz eingerichtet haben. „Zu Beginn der 1970er-Jahre wurde es dann noch einmal lebensbedrohlich für die Eiche, denn die neue Bundesstraße sollte hier vorbeiführen“, schreibt Rabenau. Was für ein Glück, dass daraus nichts wurde, wird jeder sagen, der sich einmal diesen Baum anschaut.

Klar, es gibt ein paar morsche Äste und auch ein paar Stellen, wo die gute alte Eiche wohl ein bisschen fault. „Nichts Lebensbedrohliches“, sagt Fachmann Lutz Hofheinz, „die überlebt uns alle“.

Keine offiziellen Ausweisungen seit den 1990ern

Das Alter der Eiche lässt sich nun nicht exakt bestimmen, aber ausmessen kann man sie. Hofheinz legt das Band an: 6,70 Meter Umfang, rund 2,15 Meter Durchmesser, errechnet er. „Damit muss diese Eiche definitiv einer der dicksten Bäume in der Region sein.“ Geschätzt bringt sie es auf 20 Meter Höhe. Doch am meisten lernen über die Eiche vor dem Geiersberg kann man nicht durchs Ausmessen, sondern „wenn man einmal auf der nahestehenden Bank Platz nimmt, etwas rastet und dem Wind zuhört, wie er durch ihre alten knorrigen Äste rauscht“, empfiehlt Heinz Rabenau.

Die Eiche bei Bellnhausen – sie ist ein bemerkenswertes Naturdenkmal und etwas ganz Besonderes. Doch ist sie kein „Naturdenkmal“ im amtlichen Sinne. Es gibt viele gewaltige und bemerkenswerte alte Bäume im Landkreis, die diese Klassifizierung nie erhalten haben. In den 1980er-Jahren gab es eine regelrechte Schwemme – mehr als 100 Bäume mit besonderen Eigenschaften und Merkmalen wurden vom Landkreis zu Naturdenkmälern ernannt und stehen seither unter besonderem Schutz. Sie dürfen nur gefällt werden, wenn von ihnen eine akute Gefahr ausgeht, wie Bernd Cegledi, Verwaltungssachbearbeiter beim Landkreis Marburg-Biedenkopf, erklärt. Er ist für die Verwaltung der Naturdenkmäler zuständig und weiß, dass ab den 1990ern keine neuen Ausweisungen mehr hinzukamen, obwohl es eine Liste von Vorschlägen gibt, die fortlaufend erweitert wird.

Die fetten Jahre waren nach den 1980ern vorbei, die öffentlichen Kassen wurden zunehmend leerer, und freiwillige Aufgaben wie die Ausweisung von Naturdenkmälern müssen seither hinten anstehen. Denn dieser Schritt kann erhebliche Kosten nach sich ziehen. So geht die Erhaltungspflicht an den Landkreis über, sobald ein Baum zum Naturdenkmal wird. Wenn dann ein Baumchirurg benötigt wird, fallen schnell Beträge von vielen Tausend Euro an für einen Eingriff oder eine Abstützung von Ästen – und das kann zu einem enormen Kostenfaktor werden.

Buche nahe Burgholz ist geschätzt 230 Jahre alt

Regulär steht für die Baumdenkmäler verhältnismäßig wenig Geld zur Verfügung. Jahrelang waren es maximal 20.000 Euro im Jahr, die der Landkreis im Haushalt einplante für die Baumveteranen, inzwischen sind es 30.000 Euro. „Da kann man nicht allzu viel mit erreichen“, sagt Bernd Cegledi.

Zurück in den Wald. Nahe Burgholz zeigt Revierförster Martin Gilbert eine Buche, wie es sie nur selten gibt. „140 bis 160 Jahre, älter werden sie sonst eher nicht“, erklärt er und schätzt das stattliche Exemplar auf 230 Jahre. Großgeworden sein muss sie in einer Zeit, in der der Wald vorwiegend für die Viehwirtschaft genutzt wurde und die meisten jungen Bäume daher nicht groß wurden, berichtet Forstamtsleiter Hofheinz. Schweine, Kühe und auch Schafe wurden in den Wald getrieben und fraßen sich dort satt an den jungen Bäumchen. Irgendwie blieb die dicke Buche verschont – und hatte dann nach schätzungsweise einigen Jahrzehnten ein so stattliches Format, dass man entschied, sie stehenzulassen, immer und immer wieder, 230 Jahre lang. Obwohl sie von regelmäßigem Wuchs ist und gutes Holz abgeben würde. „Doch sie produzierte auch viele Früchte und Nahrung fürs Vieh – außerdem stellte sie schon früher aufgrund ihrer Größe einen guten Orientierungspunkt dar“, mutmaßt Hofheinz, warum die Buche die Zeitalter überdauert hat. Sie bringt es auf einen Umfang von 3,85 Metern, einen Durchmesser von 1,22 Metern und fast 40 Meter Höhe, wie Förster Gilbert ermittelt. Damit schaffte sie es schon in das Buch „Alte liebenswerte Bäume in Hessen“, geschrieben von Landesforstmeister Hans Joachim Fröhlich.

Mancher Baumveteran bringt es auf den Wert eines Kleinwagens

Für die Forstbehörde ist es von Vorteil, wenn gewaltige alte Bäume nicht zum „Naturdenkmal“ ernannt werden. „Natürlich finden wir solche Bäume großartig und wollen sie gern erhalten“, sagt Lutz Hofheinz, „aber sobald sie krank werden, fällen und verwerten wir sie“. Denn solche Exemplare sind wertvoll. „Dieser Baum würde eine Lastwagenladung voller Holz bringen“, sagt Förster Gilbert.

Die großen Baumveteranen als Wertanlage. Manch einer von ihnen bringt es auf den Wert eines Kleinwagens. Beispielsweise eine Lärche mitten im Wald in der Nähe von Rauschenberg. Mit ihren geschätzt 200 Jahren ist sie im Vergleich zu den anderen Baumveteranen fast jung, aber für ihre Art hat sie ein stattliches Alter erreicht – und beachtliche Ausmaße. Sie bringt es auf eine Höhe von fast 40 Metern, einem Umfang von fast drei Metern und einen Durchmesser von knapp einem Meter. Lärchen sind im heimischen Wald eine der eher seltenen Arten, sie machen laut Hofheinz rund fünf Prozent des Bestands im hiesigen Staatswald aus. „Diese Lärche ist ein gutes Beispiel dafür, was ein Baum kann, wenn man ihn wachsen lässt“, befindet er, und Förster Gilbert schätzt den Wert des Holzes auf mindestens 6000 Euro aufgrund des geraden und weitreichend astfreien Stamms. So wird Lärchenholz für die Herstellung von Fenstern, Treppen und Möbeln verwendet.

Lust auf mehr Baumgeschichten? Es gibt einen zweiten Teil über unsere Baumreise – er erscheint diese Woche, solange die Bäume noch ihr buntes Herbstlaub tragen. Darin geht es unter anderem um eine Eiche, die das Herz jeden Försters höher schlage lässt, und um Douglasien, die noch Seltenheitswert haben im heimischen Wald, aber als Baum der Zukunft gelten.

von Carina Becker

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