Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 16 ° Regen

Navigation:
Widerstand gegen neue Windkraftpläne

Lichter Küppel Widerstand gegen neue Windkraftpläne

Das Windkraft-Aus auf dem „Lichter Küppel“ sorgt in der Kommunalpolitik für Aufsehen. Die SPD hält eine Prüfung alternativer Standorte für „nicht sinnvoll“.

Voriger Artikel
Aus Verbandschef wird Geschäftsführer
Nächster Artikel
„Bewahrt euch die Neugier!“

Die für mehrere Monate aufgestellte Windmessanlage auf dem Lichter Küppel lieferte den Stadtwerken Daten – doch das Projekt ist nun am Naturschutz gescheitert.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die Sozialdemokraten bremsen die Pläne von Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne), andere Windkraftstandorte zu prüfen: „Es bringt nichts, jetzt gleich den nächsten Standort ins Visier zu nehmen“, sagt Steffen Rink, SPD-Fraktionschef auf OP-Anfrage. „Es war ja immer vorgesehen die Planungen abzubrechen, wenn es Ausschlussgründe gibt.“

Mit der Existenz der Rotmilane sei ein solcher gegeben. „Die Nester dort lassen darauf schließen, dass diese Vögel überall auf den Lahnbergen brüten – daher brauchen wir dort auch nicht mehr nach Möglichkeiten suchen“, sagt Rink, der im Besonderen gegen Gedankenspiele auf der Bürgelner Gleiche ist, denn diese sei „tatsächlich stadtbildprägend“. Er fände die Entwicklung „persönlich schade“, doch die geplante Bürgerbefragung sei „nun obsolet“.

Trauer beim Koalitionspartner: „Äußerst bedauerlich ist diese Entwicklung, nicht nur, weil schon ein Haufen Geld in die Planung geflossen ist. Der Standort ist schlicht der beste, wirtschaftlichste von allen gewesen“, sagt Uwe Volz (Grüne), Umweltpolitiker. Jedoch müsse man sich an Regeln halten, der Klimaschutz dürfe nicht gegen den Naturschutz „ausgespielt werden“. Volz hofft, dass es doch noch eine Chance für die Windkraft etwa am Görzhäuser Hof oder Marburg-Nord gibt. „Für die Energiewende sollte auch Marburg seinen Beitrag leisten, wenn wir Standortmöglichkeiten haben“, sagt er.

Jubel herrscht hingegen bei den Ortsvorstehern der von einem Bau am meisten betroffenen Stadtteile. „Diese Nachricht überrascht mich völlig“, sagt Dr. Horst Wiegand (SPD) aus Ginseldorf, Mitglied im Umweltausschuss. Er, der das Projekt seit Monaten kritisiert, sei nun „sehr zufrieden“, dass die Windparkpläne nicht verwirklicht werden. Der Natur- und Vogelschutz sei für ihn stets das vorrangige Gegenargument gewesen – „viel wichtiger als möglicher Schattenwurf oder Lärmbelästigung“ durch die Windräder.

Vogelkundler zeigt sich erleichtert

„Das ist sehr erfreulich“, ergänzt der Moischter Ortsvorsteher Horst Mania (CDU). Der von den Stadtwerken bevorzugte Standort habe im Stadtteil „für viel Aufregung“ gesorgt. Der Marburger Vogelkundler Dr. Martin Kraft reagierte erfreut auf die Nachricht. Er sei schon „aus grundsätzlichen Erwägungen“ gegen den Standort auf den Lahnbergen gewesen, der genau zwischen zwei großen EU-Vogelschutzgebieten liege. Kraft sorgte während der monatelangen Debatten mit Berechnungen zum drohenden Vogelsterben für Aufsehen.

CDU-Politiker freuen sich über die Entwicklung, kritisieren aber Kahle für dessen Energiewende-Politik. „Es ist kein Geheimnis, dass wir den Lichten Küppel ohnehin als ungeeigneten Standort gesehen haben“, sagt Wieland Stötzel, CDU-Fraktionsvorsitzender im Stadtparlament. Gerade der Naturschutz sei „ein sehr sensibler Bereich – und die Anlagen sollten ja mitten im Wald gebaut werden.“ Eben wegen dieser Bedenken habe man immer auf ein Gutachten gepocht – „und das ist nun das Resultat, dass wir in der Vergangenheit schon immer befürchtet haben“.

Bürgermeister Kahle müsse „sich jetzt ankreiden lassen, dass das Voranbringen seines Prestigeprojektes gescheitert ist“, sagt Mathias Range, CDU-Parteichef. Die Konsequenz müsse sein, „den Wahn, überall Windkraftanlagen bauen zu wollen, jetzt zu stoppen“. Auch die Bürgerbefragung müsse „natürlich nicht mehr durchgeführt werden“, sagt Range. Diese wäre ohnehin „rausgeschmissenes Geld gewesen“, pflichtet ihm Stötzel bei. Aus seiner Sicht „wollten die Grünen mit aller Macht durchdrücken, was selbst die Roten insgeheim nicht wollten“.

FDP kritisiert die Rodung von Flächen

Wenn nun nach alternativen Standorten gesucht werde, „dann bitte in der richtigen Reihenfolge“. Sollte es dann eine erneute Befragung geben, sollten die Standorte zunächst ausgiebig geprüft werden. Die Marburger Linke bedauert die Entwicklung. „Über diese Sache bin ich nicht erfreut, wir brauchen Windräder in der Stadt. Das Sankt-Florian-Prinzip, für die Energiewende, aber gegen geeignete Standorte zu sein, ist inakzeptabel“, sagt Henning Köster. An Windräder „kann man sich so gewöhnen wie auch an Strommasten“.

„Meine Freude hält sich überhaupt nicht in Grenzen, ich begrüße diese Entscheidung sehr“, sagt Hermann Uchtmann (Marburger Bürgerliste). Eine Bürgerbefragung „braucht es jetzt nicht mehr“.

„Das ist eine absolut interessante Neuigkeit“, sagt Christoph Ditschler (FDP). „Schade allerdings, dass Kahle vor der ‚Haustür‘ des Rotmilans schon lange gerodet hat“, ergänzt er. Diese vorsorgliche Rodung einer Baumfläche für die Windkraftpläne sei aus Umweltschutzgründen „bedauerlich“ und habe die Stadt zudem Geld gekostet. Jetzt müsse auch gefragt werden, ob das archäologische Gutachten überhaupt weitergeführt werden müsse.

von Björn Wisker, Peter Gassner und Manfred Hitzeroth

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr