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Widerstand gegen Windräder

Erneuerbare Energien Widerstand gegen Windräder

In Michelbach formiert sich Protest gegen den geplanten Bau von vier bis sechs Windrädern im Wald rund um den Görzhäuser Hof. Anführer der Bewegung will Thomas Riedel sein.

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Thomas Riedel deutet auf einen der bis zu sechs Standorte für Windräder rund um den Görzhäuser Hof, im Waldgebiet zwischen Michelbach und Marbach.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Thomas Riedel steht im Matsch auf dem Waldweg. Der Familienvater lässt seinen Blick schweifen, die Augen wandern vom Eigenheim oben in Michelbach-Nord über das alte Dorf in Richtung Mars-Gelände. Der GSK-Manager deutet mit seinem Finger auf den Bergkamm, das Waldgebiet, das den Pharmastandort Görzhäuser Hof umgibt. „Dort Türme in Form von Windrädern hinzubauen, ist ein Fehler“, sagt der 52-Jährige.

Seit 1998 lebt er mit Frau und Töchtern in Michelbach, 1999 zogen sie in das Einfamilienhaus. Hinter dem Berg, an dessen Hang Dutzende Apfelbäume wachsen, ragen bereits die Rotorblätter der Wehrdaer Windräder hervor - Anlagen, die weitaus niedriger sind wie die in Richtung Vogelheerd geplanten. „Die lassen nicht mal eine Ahnung davon zu, was es heißt, von Windrädern umzingelt zu sein.“

Vom Bergkamm auf rund 300 Metern über dem Meeresspiegel sollen, so die Planungen der Firmen Krug Energy und UKA Meißen, die Anlagen 236 Meter in die Höhe wachsen (bis zu 165 Meter Nabenhöhe, 69,3 Meter Blattlänge). Riedel sagt, er sei kein genereller Gegner von alternativen Energien, an seinem Haus setzt er selbst auf Solarkraft. Aber in Bezug auf die Windkraftpläne zwischen Michelbach und Marbach, „vermisse ich eine Politik mit Augenmaß, Politik am Menschen“.

"Keine Not, Türme zwischen Bewohner einer Stadt zu bauen"

Im Gegensatz zu vielen anderen, fast menschenleeren Flächen im Bundesland sei das Gebiet rund um Michelbach relativ dicht besiedelt, es gebe „keine Not, solche Türme zwischen die Bewohner einer Stadt zu bauen“. Man riskiere mit einer Bau-Genehmigung einen Wertverfall der Immobilien samt Einschränkung der Lebensqualität für die Stadtteil-Bewohner - er nennt Stichworte wie Dauergeräusche, Schlagschatten, mögliche Auswirkungen auf die Tierwelt. „Es steht tatsächlich zu befüchten und ist eine berechtigte Sorge, dass die Immobilienwerte sinken werden“, sagt Stephan Muth, Stadtverordneter und örtlicher CDU-Vorsitzender.

Die Sicht auf die geplanten Anlagen sei für Bewohner von Michelbach-Nord mehr ein Thema als für Bewohner des alten Dorfs. „Ich bin wirklich überrascht, dass es im Stadtteil angesichts dieses ja oft heiklen Themas so lange total ruhig war“, sagt Muth. Es habe schließlich in der Vergangenheit bereits Informationsveranstaltungen gegeben, aber Kritik, gar eine Anti-Windkraft-Stimmung habe es im Ort seit Planungsstart nie gegeben.

Errichtet werden sollen vier Windräder der ebenfalls am Görzhäuser Hof ansässigen Firma Siemens, wohl das Modell SWT3.15-142. Laut Produktinformation handele es sich bei diesen Anlagen, von denen die profitabelste über ein Genossenschaftsmodell auch Michelbacher zu Mitverdienern machen soll, um die „ideale Option an Standorten mit schwachem Windaufkommen“.

Krug Energie hat zwei Gutachten erstellen lassen

Thomas Riedel ergänzt, dass die 236 Meter hohen Windräder den Marburger Rücken überlappen und von der Kernstadt aus über Schloss und Oberstadt sichtbar würden, was den Tourismus bedrohe. „Langfristige Auswirkungen“ seien in diesem Bereich zu befüchten, weshalb er auch auf Unterstützung von Denkmalschützern hofft. „Anderswo ist es doch undenkbar, dass das Markenzeichen einer Stadt so aufs Spiel gesetzt wird.“ Es scheine „fast alles erlaubt, um die Energiewende ­voranzutreiben“.

Im Vorfeld der Genehmigung hat das Unternehmen Krug Energie, das den Anlagenbau in Kürze beim Regierungspräsidium genehmigen lassen will, nach Angaben zwei Gutachten eingeholt, „weil wir wissen, dass der Naturschutz wichtig und ein heißes Eisen ist“, sagt Hans-Hermann Zacharias von Krug Energie im Hinblick auf wachsende Kritik.

Riedel stört allerdings grundsätzlich die mangelnde Transparenz rund um das Bauprojekt. Der Informationsfluss, der seitens des Ortsbeirats und den Investoren bei den Bewohnern ankomme, sei „gering bis nicht vorhanden“.

Viele Einwohner haben von Bürgerversammlung nichts gewusst

Von der jüngsten Bürgerversammlung - zu der die OP nicht eingeladen war - hätten viele erst gar nichts erfahren, von einigen im Stadtteil aufgehangenen Zetteln habe kaum jemand Notiz genommen. „Wenn man es mit der propagierten Öffentlichkeitsarbeit wirklich ernst meint, wären Handzettel eine adäquate Möglichkeit gewesen. Dann hätte man jeden Haushalt erreicht.“

Auch über eine Einladung über Social-Media-Kanäle wie Face­book hätte man für eine Beteiligung weit jenseits der tatsächlichen anwesenden 70, 80 Besucher sorgen können. Auch Muth kritisiert die Einladung zur Info-Veranstaltung, fühlt sich an den zögerlichen Informationsfluss zum „Lichter Küppel“ in Moischt erinnert. Riedel will nun eine Mailingliste zum Austausch mit anderen Bewohnern erstellen (siehe Textende), um die Nachbarschaft über Neuigkeiten zu informieren.

Im Hinblick auf die breite Zustimmung zur Änderung des Flächennutzungsplans - im Herbst machten die Stadtverordneten prinzipiell den Weg für die Errichtung von Windrädern in Marburg frei (OP ­berichtete) - „verliere ich den Glauben an unsere Kommunalpolitiker“. Auf den inhaltlich korrekten Verweis des Magistrats, dass das Regierungspräsidium Gießen die Zuständigkeit, die Entscheidungshoheit rund um den Teilregionalplan Mittelhessen hat, reagiert er sarkastisch: „Glückwunsch, dann sind wir lokal ja fein raus.“ Seltsam sei jedoch, dass die Kommunalpolitiker der Änderung dennoch zustimmten. „Man hätte ja immerhin ein Zeichen setzen können, aber das wollte man offenbar nicht.“

Der Stadtverordnete Muth verweist indes auf die mehrfach geäußerte Skepsis zum Windräderbau seitens seiner Fraktion. Dennoch: „Für einen Stopp der Pläne in Michelbach dürfte es jetzt zu spät sein.“

  • Mailingliste: Windkraft@michelbach.de

von Björn Wisker

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