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Wer unterrichtet Hessens i-Männchen?

Lehrermangel Wer unterrichtet Hessens i-Männchen?

Lehrermangel an Grundschulen macht sich in ganz Hessen bemerkbar. Besonders betroffen ist das Rhein-Main-Gebiet, doch auch im Landkreis ist es manchmal schwierig, Vertretungen zu organisieren.

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Grundschüler warten mit ihren Ranzen auf die Einschulung. An hessischen Schulen fehlt es derzeit vor allem an Lehrern, die für den Unterricht der Jüngsten ausgebildet sind.

Quelle: Archiv

Marburg. Mit Kundgebungen in ganz Hessen hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im November auf die Problematik aufmerksam gemacht: Der Mangel an Grundschullehrkräften sei die Folge einer ungerechten Bezahlung (die OP berichtete).

Inzwischen gilt in Hessen für Lehrerinnen und Lehrer fast aller Schulformen A13. Die Ausnahme bilden Grundschullehrkräfte: Sie werden weiterhin nach A12 besoldet - obwohl sie, wie die GEW betont, die bundesweit höchste Unterrichtsverpflichtung hätten und im Zuge der Inklusion mit zusätzlichen Anforderungen konfrontiert seien. „Mit einem Grundschullehrer-Gehalt kann man in Frankfurt nicht mehr wohnen und leben“, hatte Hille Kopp-Ruthner vom Vorstand des GEW-Kreisverbandes Marburg-Biedenkopf während einer Kundgebung in Marburg deutlich gemacht.

Dass das Rhein-Main-Gebiet vom Lehrermangel an Grundschulen besonders betroffen ist, teilt Stefan Löwer, Pressesprecher des Hessischen Kultusministeriums, auf OP-Anfrage mit. „Hier stehen wir vor der Herausforderung, unbefristete Stellen zu besetzen“, erklärt Löwer. In anderen Schulamtsbezirken - so auch in Marburg-Biedenkopf - sei es hingegen leichter, Lehrkräfte für unbefristete Einstellungen zu gewinnen. „Die Mangelsituation zeigt sich dann aber bei der Besetzung von befristeten Vertretungsverträgen, für die die Akquise von Lehrkräften schwierig ist“, so Löwer.

Wenn es um Vertretungen für eine Dauer von unter sechs Wochen geht, liegt es an den einzelnen Schulen, Personal zu finden. Längerfristige Vertretungen ab sechs Wochen organisieren die staatlichen Schulämter. Eine Patentlösung für den Umgang mit dem Grundschullehrermangel insbesondere bei den Vertretungsstellen gibt es für die Schulen und Schulämter aber offensichtlich nicht. „Es müssten mehr Grundschullehrkräfte zur Verfügung stehen“, fasst Arno Bernhardt, Leiter des Staatlichen Schulamts Marburg, die Lage zusammen. Er gibt zu bedenken: „Bis sich das reguliert, dauert es.“ Deshalb komme es darauf an, kurzfristig Besserung zu bewirken: beispielsweise, indem teilzeitbeschäftigte Lehrkräfte ihr Unterrichtspensum aufstockten. „Das passiert immer nur in sehr enger Abstimmung mit den Schulleitungen“, erläutert Bernhardt.

Schuldienstbewerber dürfen sofort loslegen

Als hilfreich stuft der Schulamtsleiter einen Erlass des Kultusministeriums vom 11. November ein. Demnach müssen Schuldienstbewerber nun nicht mehr auf den Erhalt ihrer Zeugnisse über das bestandene zweite Staatsexamen warten, um in den hessischen Schuldienst übernommen zu werden. Anstelle des Examenszeugnisses reicht eine vorläufige Bescheinigung über die Note der zweiten Staatsprüfung aus, um „aktiv gesetzt“ werden. Bisher genügte eine vorläufige Bescheinigung nur für Bewerbungszwecke, nicht aber für den direkten Diensteintritt im regulären Verfahren.

Und bis zur Ausstellung der Examenszeugnisse kann wertvolle Zeit verstreichen. Stefan Löwer: „Mit dem Erlass vom 11. November wurde für das Lehramt an Grundschulen ein Lehrkräftemangel festgestellt und somit die seitherige Verfahrensweise geändert.“ Dieser Schritt diene auch dazu, frisch ausgebildeten Lehrkräften frühzeitig eine Perspektive zu bieten.

Bernhardt begrüßt den Erlass, bezeichnet ihn als „sehr, sehr große Hilfe“. Dadurch werde bereits im November Sicherheit für neue Lehrkräfte geschaffen - „man signalisiert: es ist eine Stelle für euch da“, sagt der Schulamtsleiter. Positiv wertet Bernhardt auch, dass sich das Stellenvolumen des Schulamtsbezirks Marburg-Biedenkopf kürzlich erhöht hat: 16 zusätzliche Stellen sind dem Bezirk zugewiesen worden - nicht nur im Grundschulbereich. „Das hilft uns weiter“, unterstreicht Bernhardt.

Eine unbefristete Stelle statt eines Vertretungsjobs: Das ist wohl die Hoffnung aller Schuldienstbewerber. Zumal in Hessen, das zu den Bundesländern gehört, wo ein großer Teil der Lehrerschaft verbeamtet ist - anders als zum Beispiel in Berlin.

Statistisch gesehen gibt es in den alten Bundesländern 2016 sogar insgesamt ein Überangebot an Grundschullehrkräften: Laut Kultusministerkonferenz kommen in diesem Jahr auf 2800 zu besetzende Grundschullehrerstellen 3500 Bewerber. Doch sind solche allgemeinen Zahlen nicht beliebig auf einzelne Regionen übertragbar. Und offensichtlich taugen sie schon gar nicht dazu, die tatsächliche Personalsituation an hessischen Grundschulen zu erfassen - zumal ein Lehrkräftemangel durch das Kultusministerium ja inzwischen festgestellt wurde.

Auf seiner Website teilt das Kultusministerium mit, dass „dringend Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer zur unbefristeten Einstellung und für befristete Vertretungsverträge“ gesucht würden. Ebenso heißt es aber auch: „Die Einstellungschancen unterliegen starken Unterschieden.“ Im „zentralen Rhein-Main-Gebiet“ seien die Einstellungschancen höher als in den übrigen Regionen Hessens.

von Björn-Uwe Klein

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