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Wer ist glaubwürdig?

Vergewaltigungsprozess Wer ist glaubwürdig?

Der Prozess gegen einen mutmaßlichen Vergewaltiger geht in die entscheidende Phase. Mit Spannung werden die möglicherweise entscheidenden Gutachten erwartet.

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Gerichtshammer, Gesetzgebung, Rechtsprechung, Richter, Hammer, Gericht, Urteil

Stadtallendorf. Bereits zum Prozessauftakt hatte Staatsanwältin Annemarie Petri gegenüber dieser Zeitung von einer „problematischen Beweissituation“ gesprochen. Diese Einschätzung hat auch nach dem vierten Verhandlungstag noch Bestand. Nach wie vor gibt es keine stichhaltigen Beweise, die dem Angeklagten eindeutig die Anklagevorwürfe der sexuellen Nötigung nachweisen würden. Er soll seine Ex-Verlobte im Herbst 2010 zweimal vergewaltigt und sie nach dem Ende der Beziehung bedroht haben (die OP berichtete), weist die Anschuldigungen aber von sich.

Opfer vertraute sichPflegemutter an

Trotz der fehlenden Beweise kamen im Laufe des vierten Prozesstags Zeugen zu Wort, die den 27-jährigen früheren Stadtallendorfer belasteten. Eine wichtige Aussage machte die Pflegemutter, bei der die vermeintlich Geschädigte vor zehn Jahren vom Jugendamt untergebracht worden war. Die Pädagogin hatte damals einen guten Draht zu der jungen Frau aufgebaut und stand auch nach deren Auszug noch mit ihr in Kontakt. „Nach ein paar Jahren kam sie zu mir und sagte, dass die Beziehung mit dem Angeklagten ein Albtraum gewesen sei und er sie vergewaltigt habe“, berichtete die Pflegemutter.

In diesem Zusammenhang erzählte sie davon, dass die heute 26-Jährige zuvor beinahe schon einmal einer sexuellen Nötigung zum Opfer gefallen wäre - und zwar auf einer Abschlussfahrt mit ihrer Schulklasse. In Prag hätten ein oder mehrere Mitglieder eines Sportteams versucht, sie auf dem Hotelzimmer zu vergewaltigen. Die junge Frau, so sagte ihre zwischenzeitliche Pflegemutter, habe sich allerdings erfolgreich wehren können.

Schon der Angeklagte hatte während seiner Vernehmung von solch einem Ereignis gesprochen. Nur betonte der 27-Jährige, ein einzelner Mann habe sie in dem Hotelzimmer vergewaltigen wollen. Er nannte sogar einen Namen. Seine damalige Lebensgefährtin habe ihm von diesem Vorfall erzählt, erklärte der Angeklagte gegenüber Richter Gernot Christ. Das Seltsame: vor Gericht darauf angesprochen, verneinte die Frau, dass es in Prag zu sexuellen Übergriffen gekommen sei.

Am vierten Prozesstag sagten fernerhin die Eltern des mutmaßlichen Opfers aus. Das Jugendamt hatte dem Ehepaar 2005 die Obhut für die damals 17-Jährige entzogen. Sie hatte behauptet, zu Hause geschlagen worden zu sein. Bis heute haben die Eltern für diesen Vorwurf kein Verständnis. Sie bestreiten, ihrer Tochter jemals Gewalt angetan zu haben. Der Vater präsentierte sich vor Gericht wortkarg, fast genervt, die Mutter aufgewühlt und weinerlich. Weil es offenbar nie wieder einen engen Kontakt zu ihrer Tochter gegeben hat, konnten sie zu den Vorwürfen der Anklage kaum etwas sagen.

Augenzeugin bestätigt Vorwurf der Nötigung

Dagegen bestätigte eine 21-jährige Zeugin aus Gießen den Anklagevorwurf der Nötigung. Sie sei im September 2011 am Marburger Bahnhof zufällig Zeugin geworden, wie der Angeklagte seine frühere Lebensgefährtin bedrängt und bedroht habe. „Die Frau hat sich belästigt gefühlt und wollte nicht mit ihm sprechen, aber er hat das nicht akzeptiert. Als sie dann gerufen hat, dass sie die Polizei rufen werde, bin ich aufmerksam geworden und dazwischen gegangen.“

Bis zu 15 Jahre Haft drohen dem 27-Jährigen, wenn ihn die Erste Strafkammer wegen sexueller Nötigung verurteilen sollte. Ausschlaggebend könnten die Einschätzungen der Gutachter werden, die am 16. Oktober zu Wort kommen sollen. Sie bewerten die Glaubwürdigkeit von Opfer und Angeklagtenmsowie die Schuldfähigkeit des Letzteren. Darauf sollen noch am selben Tag die Plädoyers folgen. Den Urteilsspruch der Ersten Strafkammer wird der Vorsitzende Richter Christ voraussichtlich am 19. Oktober verkünden.

von Yanik Schick

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