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Wenn er nachts nicht mehr sägt

Schnarchen Wenn er nachts nicht mehr sägt

Sanftes Stupsen, ein gehauchtes: "Schatz, du schnarchst." Das war der Anfang. Heute boxt sie.Oft in die Rippen. Nächtliches Schnarchen belastet aber nicht nur so manche Partnerschaft, sondern auch die Gesundheit.

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Marburg. Hubert Krahl sägt ganze Wälder ab. Nachts. Dann, wenn alle anderen schlafen. Obwohl, streng genommen schläft keiner - außer ihm. Denn Hubert Krahl schnarcht. So laut, dass seine Frau schon aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausgezogen ist. Krahl ist 55 Jahre alt, männlich und leicht übergewichtig. Der Prototyp eines Schnarchers - und nebenbei völlig frei erfunden. Das Schnarch-Problem in den Schlafzimmern des Landkreises ist aber real, wie Jochen A. Werner, Leiter der Marburger Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde weiß.

Zu ihm kommen häufig Paare, die sich gemeinsam durch die Nacht kämpfen. Der eine schnarchend, der andere schlagend, stupsend, Ohrstöp­sel suchend. „Der größte Irrtum ist, dass nur Männer schnarchen“, erklärt Werner. Sie tun es tendenziell nur häufiger. Rund 60 Prozent der Männer gehören zu notorischen Schnarchern. Die Faustregel besagt: Je älter und je höher der Body-Mass-Index, desto höher auch die Schnarch-Wahrscheinlichkeit. Der Wunsch der meisten Ratsuchenden: Nachtruhe und erholsamen Schlaf. Ein hohes Ziel. Es gibt keine Anti-Schnarch-Pille, mit der das Problem mir nichts, dir nichts aus den Schlafzimmern verschwindet. Vielmehr bedarf es einer genauen Schlaf und Schnarch-Analyse.

Werner unterscheidet zwei Patiententypen, die bei ihm Rat suchen. Diejenigen, die von ihren Partnern in die Klinik zitiert werden. Die nachts zwar laut, grundsätzlich aber gut schlafen. Und diejenigen, für die das Schnarchen zu einer großen Belastung wird. Die morgens aufwachen und das Gefühl haben, gerädert, abgekämpft, übermüdet zu sein. Genau bei dieser Patienten-Gruppe, so Werner, sei die Gefahr, an einer Folgeerkrankung zu leiden, besonders hoch. Denn Schnarchen könne manchmal auch zu einer mangelnden Sauerstoffsättigung im Blut führen. Dann, wenn die Atmung manchmal über längere Zeitspannen aussetzt, fast schon japsend wieder nach Luft geschnappt wird. Müdigkeit und Abgeschlagenheit können Folgen der mangelnden Sauerstoffsättigung sein. Genau wie Depressionen, ein schlechtes Allgemeinbefinden und Gefäßkrankheiten.

Bevor die Betroffenen Rat in der HNO-Klinik suchen, haben sie meist schon einen Experimente-Marathon hinter sich.„Wer das Gefühl hat, ein Nasenpflaster kann helfen, der soll es versuchen“, so der Mediziner. Er kennt aber auch Fälle, in denen mit größeren Geschützen aufgefahren wurde. Genauer gesagt: mit Tennisbällen. Einfach in den Rückenbereich des Schlafanzuges genäht - schon schläft der Schnarcher nur noch in Bauchlage. Kann helfen - muss aber nicht. Für Werner steht die richtige Diagnostik an oberster Stelle - meist in enger Zusammenarbeit mit dem Schlaflabor. Es werden Schlaf- und Schnarchgewohnheiten analysiert, einhergehend mit einer Untersuchung der Nase, des Rachens und des Kehlkopfes. Schließlich ist das Schnarchen nur ein Symptom, die Ursache liegt woanders.

Manchem helfe es schon, die Schlafposition durch Lagerungshilfen zu verändern, einen geregelten Schlaf-Wach-Rhythmus einzuhalten oder spätabends auf ein opulentes Essen oder Alkohol zu verzichten. Oftmals bringe die Gewichtsreduktion eine Verbesserung, so Werner. Bei Menschen mit Übergewicht erschlafft das Gewebe im Gaumenbereich. Das typische Schnarchgeräusch kann einfacher entstehen. Manchmal purzeln die Kilos, nicht aber die Werte auf der Dezibel-Skala. Dann muss über weitere Schritte nachgedacht werden. Eine Biss-Schiene, mit deren Hilfe der Unterkiefer stabilisiert wird, kann bei einigen Patienten aus­reichen. „Aber das hilft nicht bei jedem“, weiß der HNO-Arzt. Es ist wie ein Puzzlespiel. Jeder Patient ist anders, zu jedem passt eine andere Therapieform.

Eine weitere Alternative: die Atemmaske. Hierbei wird ein leichter Überdruck im Mundbereich erzeugt. Die Atemwege bleiben frei. „Dieser Schritt muss mit dem Partner durchgesprochen werden. Eine Maske, die man sich jeden Abend anlegen muss, kann zur Belastung werden“, gibt Professor Jochen A. Werner zu bedenken.

Es gibt aber auch die Fälle, bei denen auch die konservativen Methoden nicht helfen. Dann muss über einen chirurgischen Eingriff nachgedacht werden. Durch eine Gaumenstraffung beispielsweise. Hierbei wird das Gaumengewebe durch Vernarbung gefestigt. Der Griff zum Operationsbesteck - die wirklich äußerste Methode. „Der Partner, der auf einen solchen Eingriff drängt, muss wissen, dass es sich dabei um eine Operation handelt. Und die ist immer mit Risiken behaftet“, macht Werner deutlich.

Er ermutigt regelmäßige Schnarcher, sich frühzeitig fachkundigen Rat zu suchen. Damit die Nächte ruhiger sind und das Erwachen neben dem schlaflosen Partner konfliktfreier wird.

von Marie Lisa Schulz

Hintergrund

Mit einem Schnarcher von 93 Dezibel schaffte es der Schwede Kare Walkert ins Guinessbuch der Rekorde. Das entspricht dem Lärmpegel einer stark befahrenen Autobahn.

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