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Wenn die Milch es nicht mehr macht

Milchpreise Wenn die Milch es nicht mehr macht

Aussteigen oder Weitermachen? Eine Frage, mit der sich heimische Landwirte nach drei Pleitejahren in Folge befassen. Kreisbauernverband und Landwirtschaftsamt werben für alternative Einkommenswege.

Geld aus Grassamen machen oder die selbsterzeugten Eier im Direktverkauf an die Kunden bringen: Zusätzliche Standbeine sollen Höfe in der Region vor dem Aus bewahren.

Quelle: Pixabay

Marburg. Ist es das Klammern an den berühmten letzten Strohhalm? Oder könnte es zumindest für manche Bauernhöfe eine echte Chance bedeuten? „Selbst wenn es nur einem landwirtschaftlichen Betrieb im Landkreis hilft, haben wir schon etwas gewonnen“, sagte Kreislandwirt Frank Staubitz gestern während einer Pressekonferenz beim Kreisbauernverband in Marburg. Dort stellten die landwirtschaftlichen Vereine und Interessensverbände aus der Region gemeinsam mit dem Fachbereich Ländlicher Raum ihr Fortbildungsprogramm vor, das sich in den kommenden Monaten auf alternative Einkommensquellen in der Landwirtschaft konzentriert.

Wozu dies nötig ist, erklärte Heinz-Hermann Nau-Bingel, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands. „Es ist das dritte Wirtschaftsjahr in Folge mit sinkenden Preisen, nach wie vor herrscht große Unsicherheit bei unseren Mitgliedern“, nahm er Bezug auf den Preisverfall bei der Milch, aber auch im Ackerbau. Bei den Vollerwerbsbetrieben gäben derzeit einige ihre Höfe auf, andere wechselten in die Nebenerwerbslandwirtschaft und wieder andere bemühten sich um eine Neuausrichtung. Und bei letzterem wolle der Kreisbauernverband nun behilflich sein. So lautet das Schlagwort der Stunde in der Landwirtschaft auch Diversifizierung - die Höfe sollen ihre Einkommensquellen ausweiten und sich mehrere Geschäftsfelder suchen. Diese Empfehlung kommt, nachdem es mit der Spezialisierung, die man den Bauern jahrelang gepredigt hat, nun doch für viele nicht geklappt hat. „Im Grunde wird es weitergehen mit dem Wachsen oder Weichen“, lenkte Dr. Helmut Otto, Leiter des Fachbereichs Ländlicher Raum beim Landkreis, ein.

50 Prozent des Bedarfs durch "Erzeugung vor Ort" gedeckt

„Aber manchen Höfen könnten alternative Einkommensquellen zu einem Fortbestand verhelfen.“ Was genau sich hinter dieser Formulierung verbirgt, verriet Margot Schneider vom Fachbereich Ländlicher Raum, die die bevorstehenden Schulungsveranstaltungen mit den landwirtschaftlichen Verbänden organisiert hat. Fachleute sollen dabei über Direktvermarktung und Automatenverkauf, Ferien auf dem Bauernhof, Kräuteranbau und Saatgutvermehrung oder auch über Pilzzucht im ehemaligen Kuhstall informieren. Wie geht es Schritt für Schritt, was passt zur Betriebsstruktur, welche Vermarktungsmöglichkeiten gibt es? Auf solche und weitere Fragen werden die Dozenten eingehen, kündigte Schneider an. Sie stellte dabei klar, dass zum Beispiel die Direktvermarktung eine Option sei, die nur für Höfe „mit mehr Personal als nur einem Betriebsleiter“ infrage komme.

Kreislandwirt Staubitz war hoffnungsvoll, dass die Saatgutvermehrung für Gras- und Kleesamen „etwa auch für benachteiligte Regionen wie das Hinterland“ funktionieren könne, „denn dafür braucht man keine besonders gute Böden, und die Einnahmen pro Hektar könnten gesteigert werden“. Auch im Kräuteranbau stecke Potenzial für die Region, „bislang gibt es das bei uns kaum, aber in anderen Gebieten ist es schon sehr verbreitet“. Staubitz wies zudem darauf hin, dass gerade einmal 50 Prozent des Bedarfs an Eiern im Landkreis durch die Erzeugung vor Ort gedeckt würden. „Durch Direktvermarktung könnten wir mehr erreichen, zumal die Leute bereit sind, für gute Eier etwas mehr zu bezahlen“, sagte Staubitz und sprach über Beispiele wie die Erzeugung in Bio-Qualität oder die Haltung im mobilen Hühner-Camper.

„Wir sind Unternehmer und keine Unterlasser“, befand Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbands, und machte Mut, die Optionen für die eigenen Höfe zu überprüfen. „Wichtig ist dabei, dass es zu einem selbst passt und dass die Familien den Weg gemeinsam gehen.“

Die erste Fortbildung in der neuen Reihe findet am Mittwoch, 26. Oktober, ab 20 Uhr im Gasthaus Nau in Wittelsberg statt. Dort sprechen Marie-Luise Brandau (Landesbetrieb Landwirtschaft) und Paul Neubaurer (Fachbereich Ländlicher Raum) über „Alternative Einkommensmöglichkeiten in der Landwirtschaft“ und informieren über Fördermöglichkeiten, Anforderungen, Wirtschaftlichkeit.

Das Fortbildungsprogramm „Ländliche Erwachsenenfortbildung 2016/2017“ gibt es als Broschüre beim Fachbereich Ländlicher Raum, Telefon 06421/405-60, E-Mail: FBLAER@marburg-biedenkopf.de sowie im Internet: www.marburg-biedenkopf.de/laendlicher-raum.

von Carina Becker-Werner

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