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Wenn die Medizin nicht die Lösung hat

Uni-Klinikum gründet Ethikkomitee Wenn die Medizin nicht die Lösung hat

Zwischen Leben und Tod: Im Kliniks-Alltag gibt es immer wieder Fälle, bei denen sich Ärzte, Pfleger und vor allem Angehörige von schwerstkranken Patienten mit ethischen Fragen befassen müssen. Ein Experten-Team hilft.

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Wenn Patienten nicht mehr erklären können, welche Therapie sie (nicht) haben wollen, können Angehörige in Gewissenskonflikte kommen. Das neue Ethikkomitee berät.

Quelle: Sven Hoppe / dpa

Marburg. Ernährt man einen Alzheimer-Patienten, der in seiner letzten Lebens-Phase nicht mehr richtig essen kann, künstlich? Wenn dies zwar medizinisch möglich ist, aber nicht hilft? Stellt man einem sterbenskranken Tumorpatienten, der erklärt hat, dass er keine lebensverlängernden Therapien mehr haben möchte, den Herzschrittmacher ab.

Der Schrittmacher hat nichts mit seiner Krebserkrankung zu tun und ist in diesem Sinne keine Therapie, verlängert aber seinen Leidensweg. Professor Gerd Richter, Arzt am UKGM und Vorsitzender der Ethikkommission, kennt viele Fälle, bei denen Angehörige von schwerkranken Patienten vor schwierigen Entscheidungen stehen. Sie wissen sehr genau, was sich ihr Familienmitglied grundsätzlich am Lebensende wünscht, sind sich aber im konkreten Fall nicht mehr sicher.

„Wir können den an Alzheimer erkrankten Vater oder die Mutter nicht verhungern lassen“, so laute eine Reaktion, wenn der Arzt darüber aufkläre, dass ein Schlauch im Bauch den Patienten auch nicht vor dem Verschlucken bewahre. Klare rechtliche Vorgaben gibt es, sagt Richter (Foto: Ntemiris).

Auch medizinisch seien die Problem oft eindeutig. „Medizinisch ist viel möglich. Die Frage ist, was lassen wir zu und was entspricht dem Willen des Patienten, wenn dieser sich nicht mehr äußern kann.“ Die Entscheidungsfindung sei in der Praxis häufig nicht einfach. Um Patienten, Angehörigen und dem Klinik-Personal in solchen Situationen beratend zu helfen, gibt es seit wenigen Tagen ein Ethikkomitee am Uni-Klinikum, das zur Rhön AG gehört. Die klinische Ethikberatung wird seit 1998 am Fachbereich Medizin der Philipps-Universität durchgeführt.

Ethikberatung sei also nicht neu in der Klinik, das Komitee stelle diese aber auf eine breite Basis, erklärt Richter. Insgesamt 19 Frauen und Männer aus verschiedenen Berufsfeldern gehören dem Gremium an. „Wichtig ist uns, dass nicht nur Ärzte, sondern zum Beispiel auch Sozialarbeiter, Juristen, Seelsorger oder auch Pfleger vertreten sind“, betont Richter. Die von der Geschäftsführung berufenen Mitglieder des Komitees haben sich ein Jahr lang in Medizinethik weitergebildet, kennen sich mit Themen wie Patientenverfügung oder Sterbebegleitung aus. Dennoch: Sie werden keine Entscheidungen treffen, sondern nur Lösungswege aufzeigen.

An das Komitee können sich Patienten, Angehörige oder das Personal wenden. Bereits gängige Praxis sei, dass Ethikberater regelmäßig bei intensivmedizinischen Visiten dabei sind. Wird das Gremium explizit um Rat gefragt, laden zwei Mitglieder des Ethikkomitees, die nicht mit dem jeweiligen Fall dienstlich zu tun haben, die Betroffenen zu einem Gespräch ein und gehen dabei nach einem strukturierten Leitfaden vor. Wichtig sei, den Arbeitsauftrag zu klären. Die Sicht des Patienten ist quasi der rote Faden in dem Gespräch.

Ethikkomitee stellt sich der Öffentlichkeit vor

Zu welchem Lebensentwurf passt welcher Lösungsweg? So könne man einem gläubigen Zeugen Jehovas nunmal aus Respekt vor seiner Lebensentscheidung nicht aufzwingen, im Notfall eine Bluttransfusion zu akzeptieren. Richter fügt aber hinzu, dass solche schwierigen Fälle selten vorkommen. Neben den Beratungen werden zirka 60 „Familienkonferenzen“ im Jahr bei den schwierigsten Fällen durchgeführt. In den meisten Fällen geht es um ältere Patienten, aber auch um das Wohl von Frühgeborenen mit Fehlbildungen.

Die Entscheidungsfindung soll dabei transparent sein. „Wir betreiben kenntnisreiches Konfliktmanagement im rechtlichen Rahmen“, so Richter. Die Mitglieder sind nicht weisungsgebunden und nur ihrem Gewissen verpflichtet. „Sonst wäre das eine Sache, die ich nicht machen würde“, stellt Richter klar. Und kein Mitglied habe qua Amt eine Ethikexpertise, sagt er. Sprich: Die Stimme eines Chefarztes zähle nicht mehr als die eines Pflegers.

Das Ethikkomitee stellt sich am Mittwoch, 22. Juli, von 15.30 bis 17 Uhr, der Öffentlichkeit vor. Die Veranstaltung findet im Auditorium des Klinikums auf den Lahnbergen, Ebene -1, Eingang Ost, statt. Professor Gerd Richter wird einen Vortrag zum Thema „Helfen Patienverfügungen wirklich?“ halten und dazu mit dem Publikum diskutieren.

von Anna Ntemiris

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