Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Wenn der Hund absäuft, ist Regenzeit

Jahresbericht MiRO-Kinderheim Wenn der Hund absäuft, ist Regenzeit

Seit sechs Jahren wird das MiRO-Kinderheim in Kenia aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf unterstützt. Mehrmals im Jahr überzeugen sich OP-Redakteurin Nadine Weigel und andere Vereinsmitglieder vom Wohlbefinden der Kinder.

Voriger Artikel
Toleranz geht durch den Magen
Nächster Artikel
Jägertunnel: Angreifer weiter auf der Flucht

Im MiRO-Heim finden Kinder ein Zuhause. Einige verloren ihre Eltern, andere wurden ausgesetzt, haben gehungert und gelitten. OP-Redakteurin Nadine Weigel vergewisserte sich im April, dass es den Kindern gut geht.

Quelle: Dr. Stefan Blaser

Utange. Lachend watet Isaac durch die braune Brühe im Garten. Das Wasser steht dem Neunjährigen bis über die Knie. Beherzt schnappt er sich Heimhund Tiger, drückt ihn an sich und trägt ihn auf trockenes Gelände. Gut, dass wir die Hundehütte auf Stelzen gebaut haben, denke ich, sonst wäre der arme Hund abgesoffen.

April 2016, bei 30 Grad schüttet es wie aus Eimern. Regenzeit in Kenia. Während der Norden Kenias immer wieder von Dürren heimgesucht wird und die Lebensmittelpreise in die Höhe treibt, regnet es hier an der Küste kurz, aber heftig. Ich bin auf Spontanbesuch im Kinderheim in Utange, einem kleinen Vorort der Küstenstadt Mombasa. Unangemeldet stand ich vor wenigen Tagen vor der Tür und habe so für eine echte Überraschung gesorgt. Doch bis auf einen kaputten Schrank und ein marodes Klo scheint alles in Ordnung. Es sind gerade Ferien und die Kinder sind froh über Abwechslung aus Deutschland.

Seit sechs Jahren komme ich mindestens einmal im Jahr unangemeldet vorbei, um mich vom Wohlergehen der Kinder zu überzeugen. 35 Kinder im Alter von wenigen Monaten bis 16 Jahren leben derzeit im Heim, sieben weitere Kinder sind in Pflegefamilien untergebracht. Für diese Kinder ist das MiRO-Heim die letzte Hoffnung. Viele von ihnen haben ihre Eltern verloren oder sind ausgesetzt worden. Einige der Babys – wie der heute einjährige David – sind als Säuglinge einfach auf den Müll geworfen worden. Sie sind misshandelt und missbraucht worden. Die meisten von ihnen haben gehungert.

Vom Jugendamt gebracht finden diese Kinder im MiRO-Heim ein Zuhause. Finanziert wird es vorwiegend von Spenden aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf. Die Miete des Hauses wird bezahlt, das Gehalt der Hausmütter, des Kochs und des Sicherheitsmannes. Auch die medizinische Versorgung, das Essen und das Schulgeld wird übernommen.

Die Sonne knallt vom Himmel, die Moskitos freuen sich über das Hochwasser, von dem das Kinderheim noch ziemlich verschont geblieben ist. Anders die Nachbarhäuser: Dort steht die braune Brühe kniehoch in den Räumen. Ich schnappe mir mit den Kindern ein paar Eimer und scheppe die Brühe aus dem Garten auf die Straße. Glück gehabt.  

Obwohl das MiRO-Haus trocken bleibt, gibt das Gebäude immer wieder Anlass zur Sorge. „Da wir noch zur Miete wohnen, sind wir dem Gutdünken und der Willkür der Vermieterin ausgeliefert. Wir leben in ständiger Angst, aus dem Haus raus zu müssen“, sorgt sich Dr. Vera Fleig. Die Vorsitzende des Help-for-MiRO-Vereins war zusammen mit ihrem Lebensgefährten Dr. Stefan Blaser in diesem Jahr gleich drei Mal vor Ort: Im Februar und im Juli. Auch Ende November waren sie dort und erlebten, wie die Kinder gemeinsam Geburtstag feierten, da bei den meisten Kindern das Geburtsdatum unbekannt ist.

Während ihrer Aufenthalte kauften die beiden Ärzte einen Kühlschrank, ließen die Wasserleitungen reparieren und das Bad im Erdgeschoss renovieren. Die Duschschläuche und -köpfe mussten komplett erneuert werden, der Toilettensitz wurde ausgetauscht, Rohre wurden grundgereinigt. „Bei so vielen Kindern auf so engem Raum ist der Verschleiß natürlich hoch“, erklärt Fleig, die während ihrer Aufenthalte auch stets die Buchhaltung überprüft und viel Zeit mit Behördengängen verbringt. „Es prallen immer wieder kulturelle Gegensätze aufeinander. Wir sind sehr deutsch, was die Buchhaltung angeht, und dafür hat so manche kenianische Verwaltung wenig Verständnis“, erklärt sie augenzwinkernd.   

Während meines Aufenthaltes starten wir ein Großprojekt, das den Vorplatz vom Haus in eine Schlammlandschaft verwandelt. Unter ohrenbetäubendem Lärm sind zwei Bauarbeiter täglich damit beschäftigt, mithilfe einer – in meinen Augen vorsintflutlichen Maschine – nach Wasser zu bohren. Barfuß stapfen die beiden Arbeiter durch den dicken gelben Matsch, der aus den Tiefen der Erde herausgeholt wird.

Immer wieder waren die von den Wasserwerken vorgelegten Rechnungen horrend hoch. Deshalb beschloss Heimleiterin Josephine mit der Hauseigentümerin, ein Bohrloch zu graben und so ein autarkes Wassersystem fürs Heim herzustellen. Nach gut vier Wochen kontinuierlichen Bohrens mit der dieselbetriebenen Konstruktion stießen die Arbeiter tatsächlich auf Grundwasser. „Die Freude über eine eigene Wasserversorgung war groß, doch dann bekamen die Kinder Durchfall“, erinnert sich Fleig. Untersuchungen zeigten, dass die Keimbelastung im Wasserbohrloch zu hoch ist, um es als Trinkwasser zu nutzen. „Deshalb haben wir nun einen Kompromiss: Das Trinkwasser wird per Tanklaster angeliefert, das Wasser aus dem Bohrloch wird zum Duschen, für die Toilettenspülung und zum Waschen genutzt.

„Auch wenn wir bisher viel erreicht haben, gibt es immer wieder frustrierende Momente“, erklärt Vera Fleig. Zum Beispiel gestaltet sich der anvisierte Kauf eines eigenen Grundstücks als müßig. „Die Mühlen mahlen sehr langsam hier“, moniert sie, ist sich aber sicher: „Nichtsdestotrotz werden wir weiterhin daran arbeiten, dass die Kinder irgendwann ein eigenes Grundstück haben, wo sie in Sicherheit aufwachsen und Lebensmittel anbauen können.“

 
Unterstützung: Estador spendet 3000 Euro

Der 2014 von Dr. Vera Fleig und Nadine Weigel gegründete Verein Help-for-MiRO ist auf regelmäßige Spenden angewiesen, um die laufenden Kosten des Kinderheims zu decken. Bereits zum wiederholten Mal spendete die Marburger Immobilienagentur Estador. „Wir sind froh, dieses Projekt noch einmal unterstützen zu können“, betont Inhaber und Geschäftsführer Waldemar Wiora, der das Kinderheim schon einmal besuchte. Das in Cappel ansässige Unternehmen, das deutschlandweit Immobilienprojekte vermittelt, spendete diesmal 3000 Euro an das Kinderhilfsprojekt. Damit hat Estador das Kinderheim insgesamt bereits mit 16.000 Euro unterstützt. „Ohne Estador wäre die Hilfe, die wir leisten, nicht möglich“, erklärt Nadine Weigel. Es bestünde sonst kaum die Möglichkeit, Babys aufzupeppeln, da Babynahrung so teuer ist. Auch die Reparaturen am Haus (siehe Reportage) seien ohne die Zuwendung des Marburger Familienunternehmens nicht möglich gewesen. Die Immobilienagentur vermittelt rund 100 Projekte in ganz Deutschland: von Denkmalschutz- über ­Pflege- bis Neubauimmobilien. Zustande gekommen ist der Betrag durch die tolle Leistung der Estador-Mitarbeiter, denn pro verkauftem Objekt geht ein gewisser Anteil an das Kinderhilfsprojekt. „Das gesamte 30-köpfige Estador-Team freut sich sehr, dass wir den Kindern damit helfen können“, so Mandana  Warsideh, zuständig für das Vertriebsmanagement der Estador GmbH.

Mandana Warsideh (von links) Waldemar Wiora, Stefan Fiacco und Berthold Wiora übergaben Nadine Weigel (Mitte) vor kurzem den Scheck über 3000 Euro. Foto: Miriam Prüßner

 
Hintergrund
Seit 2010 unterstützen OP-Redakteurin Nadine Weigel und Ärztin Dr. Vera Fleig das Mighty Redeemer Orphanage (MiRO-Kinderheim) in Kenia. 2014 gründeten sie den gemeinnützigen Verein Help for Miro, der Spenden sammelt. Die finanzielle Hilfe zahlreicher Menschen aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf garantiert die Versorgung von mittlerweile 35 Kindern im Alter von wenigen Wochen bis 16 Jahren. Mithilfe von 2900 Euro im Monat werden das Haus, drei Hausmütter, ein Koch, ein Wachmann bezahlt sowie die medizinische Versorgung und die Schulausbildung finanziert. 100 Prozent der Spenden kommen direkt den Kindern zugute. Fleig und Weigel sind 2016 insgesamt vier Mal unangemeldet und auf eigene Kosten nach Kenia geflogen, um sich vom Wohlbefinden der Kinder zu überzeugen. Mehr Infos zum Projekt gibt es auf der Homepage: www.help-for-miro.de

von Nadine Weigel

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr