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Wenn das Baby nicht aufhört zu schreien

Medizinisches Phänomen Wenn das Baby nicht aufhört zu schreien

Gebrüll ohne Ende: Eltern, die ein Schreibaby haben, leiden oft unter massivem Stress. Eine Anlaufstelle für sie ist die Baby- und Kleinkindambulanz in Marburg.

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Dass Kleinkinder mal weinen, so wie dieser 14 Monate alte Junge, ist etwas ganz Normales. Von unstillbaren, dauerhaften Schrei- und Unruheattacken sind etwa acht Prozent betroffen.

Quelle: Peter Endig

Marburg. „Man stellt sich das immer so toll vor mit zwei Kindern: Man fährt zum Spielplatz, ein Kind spielt im Sandkasten, das andere schläft im Kinderwagen“, erzählt Angelika Müller aus Dautphe (Name geändert). Doch als sie im April 2007 ihr zweites Kind zur Welt bringt, läuft vieles anders, als sie es sich vorgestellt hat. „Die Kleine war sehr unruhig. Das fiel schon den Schwestern im Krankenhaus, in dem ich entbunden habe, auf.“ Bis zu sechs Stunden schreit ihr Baby ununterbrochen in der Nacht. „Sie hat auch tagsüber so gut wie nie geschlafen, nur im Tragetuch. Sobald ich sie abgelegt habe, fing sie wieder an zu schreien“, erinnert sie sich.

Trotz der Hilfe ihres Ehemannes fühlt sich die Mutter einer bereits Zweijährigen überfordert.

Sie zieht sich immer mehr zurück. „Ich wollte nicht mehr rausgehen, ich wollte mich einfach nur noch ausruhen. Ich war in einem erschöpften Dauerzustand.“ In ihrem Umfeld haben nur wenige Verständnis für ihre Situation. „Viele konnten meine Situation einfach nicht verstehen und sprachen immer von ‚Anfangsschwierigkeiten‘.“

Essen und Duschen werden zum "Abenteuer"

Dass hinter den Schreiattacken mehr als „Anfangsschwierigkeiten“ stecken, vermutet nach drei Monaten auch eine Physiotherapeutin. Sie stellt bei der Kleinen eine Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung, das sogenannte „KiSS-Syndrom“, fest. Daraufhin sucht sie einen Kinderarzt auf, der versucht, die damit einhergehenden Blockaden und Verspannungen der Kopfgelenke bei dem Baby durch „Einrenken“ zu lösen. „Da habe ich sie zum ersten Mal lächeln gesehen“, erinnert sich die Mutter. Die Schreiattacken werden zunächst seltener - hören aber nicht auf.

„Manchmal, wenn es mir zu viel wurde, habe ich einfach das Zimmer verlassen, so verzweifelt war ich“, berichtet Angelika. Ganz alltägliche Dinge wie Essen oder Duschen sind ein „Abenteuer“: „Ich habe die Kleine vor der Dusche abgelegt, mich schnell gewaschen, und abgetrocknet. Schon beim Föhnen musste ich sie wieder auf dem Arm halten.“

Geschichten wie diese kennen die Mitarbeiter der Baby- und Kleinkindambulanz der Vitos Klinik Lahnhöhe nur zu gut. „Es gibt Mütter, die wochenlang nicht mehr warm gegessen haben, selten duschen oder nur dann zur Toilette gehen, wenn es wirklich gar nicht mehr geht, weil sie ihr Kind nicht ablegen können, weil es dann wieder anfängt zu schreien“, berichtet Sabine Döhmen (kleines Foto: Korte), fachliche Leiterin der Ambulanz.

Als Diplom-Psychologin betreut sie schon seit mehreren Jahren Mütter und Väter von Babys, die viel schreien und schwer zu beruhigen sind. Von unstillbaren, dauerhaften Schrei- und Unruheattacken, sogenannten „Regulationsstörungen“, sind in den ersten drei Lebensmonaten 16 bis 29 Prozent aller Säuglinge betroffen. Bei etwa acht Prozent besteht das Verhalten über den dritten Monat hinaus. „Um herauszufinden, ob es sich tatsächlich um ein Schreibaby handelt, wird häufig eine objektive Regel, die sogenannte ‚Wessel-Regel‘ angewandt“, weiß sie (siehe Infokasten). Wichtiger für sie und ihre Kollegen sei jedoch, was die Eltern subjektiv erleben.

Wut und Trauer sind normal

„Ein schreiendes Baby, das sich nicht trösten lässt, ist immer eine Belastung - egal wie kurz oder lang die Schreiphasen sind. Dass die Eltern dann wütend oder traurig werden, ist etwas ganz normales. Aber es beeinträchtigt auf Dauer die Eltern-Kind-Beziehung“, weiß sie. Dem versuchen die Therapeuten in der Ambulanz entgegenzuwirken.

Die meisten Eltern, die zu ihnen kommen, haben bereits einige Stationen hinter sich: Sie waren bei der Hebamme, beim Kinderarzt oder beim Physiotherapeuten. „Konkrete Tipps für Beruhigungsstrategien brauchen sie meistens nicht mehr.“ Manche Unruheattacken seien zudem nicht alleine durch körperliche Ursachen zu erklären.

Nach einem ersten, ausführlichen Diagnostik-Gespräch wird den Eltern in der Ambulanz gegebenenfalls eine psychotherapeutische Behandlung angeboten. „Wir werden häufig gefragt: Was? Ihr therapiert Babys? Aber unser Patient ist nicht primär das Kind, auch nicht die Eltern, sondern die Beziehung zwischen beiden“, stellt Döhmen klar. Um herauszufinden, wie es darum bestellt ist, beobachten sie die Interaktion zwischen Eltern und Kind zum Beispiel beim Füttern oder Spielen.

Falsche Interpretation ist gefährlich

„Es gibt Eltern, die die Signale ihres Kindes ungewollt falsch interpretieren oder zu spät darauf reagieren“, hat Döhmen festgestellt. „Manche Eltern verhindern zum Beispiel, ohne es zu merken, die Selbstregulationsfähigkeit des Kindes, indem sie ihm verbieten, einen Schnuller oder ihren Daumen in den Mund zu stecken.“ Dadurch verhindern sie aber, dass das Kind sich selbst beruhigt.

„Es gibt auch Dinge, die sich in die Beziehung zwischen Eltern und Kind einschleichen und sie negativ beeinflussen“, ist Döhmen überzeugt und nennt akute Trauerfälle, Probleme in der Partnerschaft, schwere Geburten, psychische Erkrankungen im Rahmen der Schwangerschaft oder der Geburt als Beispiele. Auch frühere Erfahrungen können eine Rolle spielen. „Es kann sein, dass in dem Baby unbewusst jemand aus der Vergangenheit gesehen wird, der einen abgelehnt oder schlecht behandelt hat.

Dadurch werden Verhaltensweisen des Kindes, die ganz normal sind, falsch interpretiert“, erklärt Döhmen und berichtet von einer Mutter, die in ihrer Kindheit Gewalterfahrungen gemacht hat und das Strampeln ihres Babys auf dem Wickeltisch gegen ihren Bauch deshalb als Angriff empfand. Sie wandte sich ab, das Kind fühlte sich abgelehnt und schrie. Indem das Verhalten und die Emotionen des Kindes anders wahrgenommen und neue Verhaltensweisen ausprobiert wurden, konnte schon vielen Eltern geholfen werden.

von Ruth Korte

 
Hintergrund

Übermäßiges Schreien wird meist über die Dauer definiert. Als Standardkriterium wird die Dreierregel angewandt, die 1954 vom amerikanischen Kinderarzt Morris Wessel formuliert wurde. Laut der daher auch häufig genannten „Wessel-Regel“ handelt es sich dann um ein Schreibaby, wenn die Schrei- und Unruheanfälle über mehr als drei Stunden pro Tag, an mehr als drei Tagen pro Woche, über mehr als drei Wochen andauern. Entscheidend ist, dass das extrem unruhige, ansonsten aber gesunde Kind während der Schrei-Attacken nicht zu beruhigen ist und sich keine Ursache als Auslöser feststellen lässt.

Quelle: www.navigator-medizin.de

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