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Wenn das Baby behindert ist

Stiftung Prijateli hilft in Bulgarien Wenn das Baby behindert ist

Auch ein behindertes Kind kann ein glücklicher Mensch werden und das Leben seiner Eltern bereichern. Das ist die Botschaft, die Prijateli und Terratech auf die Geburtsstationen tragen wollen. Doch die Finanzierung ist jetzt geplatzt.

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In Deutschland wird die Babyklappe nur noch selten genutzt. In Bulgarien wird Eltern behinderter Kinder in der Regel empfohlen, ihre Kinder abzugeben. Das wollen Dr. Gangolf Seitz (TerraTech), Dr. Rumen Velev (Sofia), Virjinia Schwarten (Prijateli), Prof. Dr. Nadia Polnareva (Sofia), Hans Ordnung (Prijateli), Landrätin Kirsten Fründt, Michael Krahl (Prijateli), Prof. Dr. Helmut Remschmidt, Dr. Siegmund Köhler (UKGM) ändern.

Quelle: Kerstinheim

Marburg. Orte, an denen Kinder geboren werden, sind in der Regel Orte des Glücks. Die Menschen, die auf Geburtsstationen arbeiten, sind entsprechend gut darauf vorbereitet, frischgebackenen Eltern in ihrem Glück beizustehen. Aber was ist, wenn das Neugeborene wider Erwarten krank ist oder behindert?

Eltern schwer behinderter Kinder brauchen Menschen an ihrer Seite, die ihnen Mut machen. Die erklären können, wie ein Leben mit einem behinderten Kind gelingen kann und welche Hilfsangebote es gibt. Deshalb will die deutsch-bulgarische Stiftung Prijateli mit dem Verein Terratech Krankenschwestern, Frauenärzte und Hebammen auf diese schwierigen Situationen vorbereiten. Das ist besonders in Bulgarien eine große Aufgabe. „In Bulgarien werden behinderte Kinder immer noch nach kommunistischer Tradition in staatliche Einrichtungen gegeben. Mit unserem Projekt wollen wir die Entwicklung befördern, dass behinderte Kinder in die Gesellschaft zurückkehren“, sagt Gangolf Seitz, der Vorsitzende des Vereins Terratech.

Hans Ordnung ist Leiter des Marburger Kerstinheims, in dem geistig behinderte Kinder vorübergehend oder auch dauerhaft leben. Er weiß aus seinem Beruf, wie wichtig der Kontakt der Kinder zu ihren Eltern ist. Aus seiner Arbeit für Prijateli weiß er darüberhinaus, wie schlecht die Zustände in den bulgarischen Kinderheimen sind. Deshalb beschäftigt die Stiftung seit Mai 2013 eine „Lotsin“ in Sofia. Sie versucht, den Eltern behinderter Kinder nahezubringen, dass sie ihre Kinder nicht abgeben müssen. „Die Ärzte empfehlen den Eltern, ihre behinderten Kinder gleich in der Klinik abzugeben. Ich bin inzwischen überzeugt, dass sie den Eltern damit helfen wollen. Dass sie glauben, dass die Eltern damit nicht fertig werden“, sagt Ordnung. In der Tat gebe es in Bulgarien weniger Unterstützung für Eltern, die ein behindertes Kind haben. Ziel sei deshalb nicht unbedingt, dass die behinderten Kinder bei ihren Eltern leben. Aber sie sollten in Kontakt bleiben, weil die Trennung von Eltern und Kindern für beide Seiten traumatische Folgen haben könne.

Aufklärungsbedarf in der Diagnostik

Siegmund Köhler, der Leiter der Marburger Geburtshilfe am Uniklinikum, ist einer der Experten, die an dem Projekt beteiligt sind. Neben der Unterstützung der Eltern nach der Geburt sieht er bei der pränatalen Diagnostik Aufklärungsbedarf: „In Bulgarien werden Schwangerschaften abgebrochen, weil das Kind eine Gaumenspalte hat“, sagt Köhler. Dabei könnte das nach der Geburt problemlos behandelt werden. Bei der pränatalen Diagnostik sieht der Experte aber auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf Baustellen. Um Schwangerschaftsabbrüche und Probleme nach der Geburt zu verhindern, will er niedergelassene Frauenärzte motivieren, bei Problemschwangerschaften schneller Beratung und Unterstützung zu vermitteln. Wenn Drogen im Spiel sind, die Mütter sehr jung oder die noch ungeborenen Kinder krank sind, sei Hilfe vor der Geburt besser als danach, sagt Köhler.

Prijateli und Terratech versuchen aus diesen Gründen die Ärzte direkt anzusprechen. Im Mai 2015, so der Plan, sollte in Sofia ein Symposium stattfinden. Dabei sollten deutsche und bulgarische Experten gemeinsam ein Schulungskonzept für die Ärzte entwickeln.

„Aktion Mensch“ versagt Finanzierung

Obwohl „Aktion Mensch“ die Vorstudie und erste Reisen der Organisatoren finanziert hat, gab es jetzt eine Absage, wie Gangolf Seitz der OP sagte. Vergangene Woche habe die Organisation mitgeteilt, dass sie das Symposium und das Fortbildungsprojekt nun doch nicht unterstützen werde.

Die Enttäuschung ist groß: „Wir waren wegen der finanzierten Vorstudie voller Optimismus und dachten, dass die endgültige Finanzierungszusage nur noch Formsache ist“, sagt Seitz weiter. Dass das Projekt ohne „Aktion Mensch“ finanziert werden kann, sei unwahrscheinlich.

Hintergrund
Die bulgarische Stiftung Prijateli wurde von den Marburgern Virjinia Raynova-Schwarten, Michael Krahl und Hans Ordnung gegründet. Prijateli unterstützt vor allem Kinder in bulgarischen Heimen. Gleichzeitig versucht die Stiftung das Konzept der Pflegefamilien in Bulgarien zu verbreiten. So soll eine Alternative zu den schlecht ausgestatteten Heimen entstehen. In Sofia betreibt die Stiftung ein Büro, in dem Pflegefamilien in Rechts- und Erziehungsfragen beraten werden. Es gibt Kurse für Paare, die ein Pflegekind aufnehmen wollen. Die Stiftung wirbt in Behörden und der Öffentlichkeit für das Konzept der Pflegefamilien, das aufgrund vorher misslungener Versuche einen schlechten Ruf hat.

von Thomas Strothjohann

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