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Wenn aus Reden Gewaltakte werden

Forschung Marburg Wenn aus Reden Gewaltakte werden

Wie schlägt aggressive Internet-Rhetorik in Gewalt um? Diese Frage erforscht ein Team von Wissenschaftlern unter der Koordination von Professorin Ursula Birsl.

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In Heidenau (Sachsen) gab es im Herbst 2015 deutschlandweit beachtete Randale vor Flüchtlingsheimen. Archivfotos (2): dpa

Quelle: Arno Burgi

Marburg. Die derzeitige Welle rechter Gewalt erinnert die Marburger Politikwissenschaftlerin Professorin Ursula Birsl an die Auseinandersetzungen Anfang der 90er-Jahre, als damals Asylantenwohnheime angezündet wurden. „Heutzutage wird das beschleunigt wegen der Mobilisierung über das Internet“, hat Birsl beobachtet. Vor allem die Möglichkeit zur direkten und schnellen Kommunikation trage dazu entscheidend bei.

Noch einen Unterschied zur Gewalteskalation gegen Asylsuchende und „vermeintlich Fremde“ vor mehr als 20 Jahren hat Birsl ausgemacht. Im Gegensatz zu damals sei zwar das organisierte rechtsextreme Spektrum tendenziell eher geschrumpft. Dafür gebe es aber eine neue Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung, die weit über das extrem rechte Spektrum hinausgehe.

Den Anstoß zu dem im März dieses Jahres gestarteten Forschungsverbund gab die Debatte um Flucht und Asyl, die an die Fluchtbewegung vor zwei Jahren anschloss. Schon damals befürchteten die Wissenschaftler einen massiven Anstieg menschenfeindlicher Gewalt. Und die Frage war, wie im salafistischen Spektrum reagiert werden würde.

Soziale Medien wie Instagram, Facebook oder Twitter seien zunehmend zu einem Ort aggressiver Austragung gesellschaftlicher sowie politischer Konflikte geworden, konstatiert Projektleiterin Ursula Birsl. „Sowohl extrem rechte, als auch salafistisch-dschihadistische Akteure nutzen soziale Netzwerke für ihre Propaganda und rufen zur Gewalt auf“, meint sie. In einem vom Bundesforschungsministerium geförderten Forschungsvorhaben (siehe Hintergrund) unter Leitung der Marburger Politologin wollen Wissenschaftler von fünf Hochschulen jetzt genauer hinschauen. Sie möchten detailliert nachverfolgen, ob und wenn ja, wie sich die gewaltförmigen Diskurse in den sozialen Medien ganz konkret auf Ereignisse in der realen Welt auswirken. Dazu haben sie sich zum einen besonders auffällige Fallbeispiele aus der jüngsten Vergangenheit ausgesucht wie beispielsweise die rechtsterroristischen Angriffe in Freital (Sachsen) auf eine Asylbewerberunterkunft und das Parteibüro der Linken im Herbst 2015 sowie die Sex-Übergriffe in der Silvesternacht 2015 am Hauptbahnhof in Köln.

„Wir schauen uns gezielt die Kommunikation in den sozialen Medien vor diesen Ereignissen an“, erläutert die Forscherin. Die Wissenschaftler haben eine spezielle Software zur Verfügung, anhand derer sie die Chat-Verläufe erheben.

Bei der Erhebung und Auswertung dieser Materialien haben sie das erklärte Ziel, hohe datenschutzrechtliche Standards anzulegen.

Für ihre Analysen können die Forscher nur auf öffentlich zugängliches Datenmaterial zurückgreifen. In geschlossene Gruppen kommen sie aus rechtlichen Gründen nicht hinein. „Wir müssen aber davon ausgehen, dass zentrale Kommunikation, in der es gezielt um Gewalt-Planung geht, nicht öffentlich verläuft. Den Forschungsmöglichkeiten sind aber grundrechtliche Grenzen gesetzt, und das ist zu akzeptieren“, sagt Birsl.

Trotzdem haben sie noch umfangreiches Datenmaterial zur Verfügung. „Wir wollen schauen, ob wir in den Diskursen einen Radikalisierungsprozess erkennen können und ob die Debatten aggressiver verlaufen“, sagt Birsl. Andererseits hoffen die Forscher auch darauf, Diskurse zu entdecken, in denen Gegner einer Gewalt-Dynamik das Wort ergreifen.

Parallel zur Internet-Auswertung sollen exemplarisch lokale Orte in der realen Welt betrachtet werden, an denen es zu Gewalthandlungen kam. Gleichzeitig geraten aber auch Orte in den Fokus, in denen Gewalt ausgeblieben ist.

Geplant ist jedoch nicht nur eine Rückschau auf Ereignisse: Beim Start eines Pilotprojekts der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Sachsen-Anhalt zur Integration von Einwanderern aus islamischen Ländern wollen die Forscher im Netz und parallel in der realen Welt in Echtzeit verfolgen, wie darauf reagiert wird.

In einem Teilprojekt geht es speziell darum, inwieweit rechte Gewalt und die dahinterstehende Ideologie strukturell mit der Vorgehensweise der Salafisten vergleichbar ist. Erste Befunde zeigen laut Birsl, dass es auf der Ebene der Ideologie viele Gemeinsamkeiten gebe.

von Manfred Hitzeroth

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