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Wenn Soldaten nicht töten wollen

Serie "Ausgedient" Wenn Soldaten nicht töten wollen

Solange in Deutschland Wehrpflichtige eingezogen wurden, verweigerten jährlich Tausende den Kriegsdienst. Seit fünf Jahren ist die Wehrpflicht ausgesetzt. Doch Kriegsdienstverweigerer gibt es weiterhin.

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Aussichten

Das Schießtraining macht vielen Soldaten erst bewusst, dass sie in ihrem Beruf prinzipiell auch töten müssen.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Als Sven Pape nach dem Abitur im Juli 2005 zur Bundeswehr ging, war er sicher, das Richtige zu tun. „Ich suchte einen Beruf, wo man möglichst viel Verantwortung übernehmen kann. Ich wollte etwas Sinnvolles für das Gemeinwesen tun“, erzählt er. Dafür habe er auch in Kauf genommen, dass er als Soldat verwundet oder getötet werden könnte. „Aber das Risiko, andere zu töten, hat für mich damals keine Rolle gespielt“, sagt er.

Pape absolvierte seine Grundausbildung und die Lehrgänge an der Offiziersschule, in einem schloss er sogar als Bester ab. Und er studierte Geschichte an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg. Scheinbar eine mustergültige Bundeswehr-Karriere – wenn sich nicht seine Haltung zum Soldatenberuf geändert hätte. „Ich kann es für mich persönlich nicht verantworten, Menschen zu töten oder das zu befehlen“, sagt Pape heute.

Wie ihm geht es jedes Jahr Hunderten Soldatinnen und Soldaten. „Wir reden meist von jungen Menschen“, sagt Jasmin Schwarz, Referentin der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK) in Bonn, die Soldaten berät, wenn sie den Kriegsdienst verweigern wollen.

„Sie haben einmal in ihrem Leben eine Fehlentscheidung getroffen und leiden darunter.“ Denn ein Bundeswehr-Soldat kann nicht einfach so kündigen. In der sechsmonatigen Probezeit können Soldaten die Freiwilligenarmee zwar ohne Angabe von Gründen wieder verlassen.

Wer aber länger bei der Bundeswehr ist, muss den Kriegsdienst aus Gewissensgründen verweigern. Behörden und Gerichte entscheiden darüber, ob sie die Verweigerung anerkennen.

Viele verdrängen den Gewissenskonflikt zunächst

Die meisten Betroffenen gehen nicht an die Öffentlichkeit – Sven Pape, der über seinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung einen Blog geschrieben hat, ist eine Ausnahme. Ob auch Soldaten aus Mittelhessen unter den Verweigerern sind, ist daher nicht bekannt. „In den letzten zwei Jahren gab es keine solchen Fälle bei der Division Schnelle Kräfte“, sagt DSK-Pressesprecher Major Kieron Kleinert (Stadtallendorf) auf OP-Anfrage.

Doch wie kommt es, dass sich Menschen erst für den Soldatenberuf entscheiden – und dann feststellen, dass er im Widerspruch zu ihrem Weltbild steht? „Die Auslöser für eine Gewissensumkehr können vielfältig sein“, sagt Expertin Jasmin Schwarz. „Manche Menschen werden erstmals hautnah mit dem Tod konfrontiert, wenn die Eltern oder Großeltern sterben. Oder ihr Wertesystem ändert sich, wenn sie Eltern werden.“

Sven Pape sagt, bei ihm habe während seiner Zeit an der Universität und einem Auslandssemester ein langer Reflexionsprozess begonnen. Er sei aus Überzeugung Vegetarier geworden – „und ich bin dazu gekommen, dass es nicht akzeptabel ist, Menschen zu töten.“ Sieben Jahre nach seinem Eintritt in die Truppe stellte er den Antrag auf Kriegsdienstverweigerung.

Viele würden ihren Gewissenskonflikt erst einmal wegschieben, weiß Schwarz aus Beratungsgesprächen. Obwohl sie eigentlich wüssten, dass sie bei der Bundeswehr in erster Linie Soldaten sind und zu schießen haben, würden sie sich einreden, hauptsächlich Hubschrauber zu fliegen oder als Arzt zu arbeiten.

„Das ändert sich, wenn sie auf echt aussehende Pappfiguren schießen und ihnen gesagt wird, wo sie hinschießen sollen und was dann passiert.“ Eine Soldatin, berichtet Schwarz, habe beim Schießtraining Schweiß- und Tränenausbrüche bekommen – dennoch aber ihre Gewissensnot zunächst verdrängt.

Verweigerer müssen 
alles zurückzahlen

Wenn sich die Betroffenen dem Konflikt stellen, ist der Leidensdruck oft groß. In der Beratung der EAK geht es daher nicht nur um den Ablauf des Verfahrens, die Gewissensgründe und die Vermittlung kompetenter Fachanwälte. „Wir gucken auch, was braucht der Mensch“, sagt Schwarz. „Hat er gesundheitliche Probleme, wie zum Beispiel Schlafstörungen oder Rückenschmerzen? Braucht er seelsorgerische Begleitung?“

Belastend ist für viele Kriegsdienstverweigerer auch das Unverständnis, das ihnen entgegenschlägt. „Meine Freunde haben gesagt: Wir glauben dir das alles“, erzählt Sven Pape. „Aber es gab auch viele Personen, die ‚Sozialschmarotzer‘ gesagt haben.“ Dahinter steckt die Annahme, junge Menschen wollten die Vorteile genießen, die ihnen eine Ausbildung bei der Bundeswehr bietet, hätten aber keine Lust, Soldat zu werden.

Ein Vorwurf, den Jasmin Schwarz leicht entkräften kann: „Kriegsdienstverweigerer zahlen jeden Cent zurück, den die Bundeswehr in ihre Ausbildung gesteckt hat. Sie bekommen keine Wiedereingliederungshilfen. Sie sind von heute auf morgen auf Hartz IV angewiesen und haben noch hohe Schulden.“

Die Bundeswehr hat aus nachvollziehbaren Gründen ein Interesse daran, qualifiziertes Personal zu halten. Offiziell entscheidet das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (Bafza) unabhängig davon. Laut der Internetseite der Behörde, auf die Sprecher Peter Schloßmacher verweist, wird ein Antrag auf Kriegsdienstverweigerung nach klaren Kriterien bewilligt: wenn er vollständig ist, die dargelegten Beweggründe zur Begründung der Verweigerung geeignet sind und keine Zweifel an der Wahrheit der Angaben bestehen.

Fast alle müssen vor Gericht ziehen

Schwarz und Pape meinen jedoch beobachtet zu haben, dass gerade gut ausgebildete Offiziere Schwierigkeiten haben, als Kriegsdienstverweigerer anerkannt zu werden. „Ich berate oft Sanitätsoffiziere“, berichtet Schwarz. „Sie können sich gut ausdrücken und sind sehr reflektiert. Wenn ich die Begründung lese, ist für mich ganz klar, dass es eine Gewissensentscheidung ist. Aber fast alle müssen vor Gericht ziehen.“ Das hat auch Pape erlebt: „Ich habe Widerspruch eingelegt, aber der wurde abgelehnt, ohne auf die Argumentation oder meine Beweggründe einzugehen.“ Auch vor Gericht kam er mit seiner Verweigerung nicht durch.

Die Ablehnung des Antrags sei für Betroffene extrem belastend, sagt Schwarz. „Sie müssen zum Dienst, auch wenn sie vom Waffendienst freigestellt sind. Sie werden täglich damit konfrontiert, dass sie es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Viele werden dadurch krank.“

So war es auch bei Pape. „Aufgrund des ungelösten Gewissenskonflikts ging es mir so schlecht, dass ich ärztlich behandelt werden musste.“ Deswegen wurde ein Dienstunfähigkeitsverfahren eingeleitet. So wurde Pape zum 3. Oktober 2014 aus der Bundeswehr entlassen – nicht als Verweigerer, sondern „ehrenhaft“. Aus heutiger Sicht war sein Abschied von der Truppe für ihn unausweichlich: „Man macht sich etwas vor, wenn man in der Armee ist und eines der Kernelemente ablehnt.“

von Stefan Dietrich

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