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Wenn Jugendliche zu Mördern werden

Forschung Marburg Wenn Jugendliche zu Mördern werden

Der Marburger Kinderpsychiater Helmut Remschmidt hat über 30 Jahre jugendliche Mörder und Gewalttäter begleitet. Sein Fazit: Jugendliche dürfen nicht wie Erwachsene behandelt werden und müssen stärker an Schule und Arbeit gewöhnt werden.

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Wenn in Deutschland ein Mord geschieht, schauen alle hin. Das Schicksal der Täter wird oft nur oberflächlich beachtet. Der Marburger Forscher Helmut Remschmidt hat hingeschaut.

Quelle: Archiv

Marburg. Im Büro von Helmut Remschmidt ist der Teufel los. Medienvertreter aus ganz Deutschland geben sich die Klinke in die Hand. Eigentlich hat sich der ehemalige Leiter der Marburger Kinder- und Jugendpsychiatrie zur Ruhe gesetzt. Doch als emeritierter Professor kann er das wissenschaftliche Arbeiten nicht lassen. Resultat daraus ist ein nun veröffentlichtes Buch, in dem er die Forschungserkenntnisse aus seiner jahrzehntelangen Arbeit als Begutachter von jugendlichen Gewalttätern zusammengefasst hat.

In den fast 30 Jahren seiner Tätigkeit hat er 114 Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren begleitet, von denen mehr als die Hälfte getötet oder gemordet hatte. Die anderen Heranwachsenden haben zumindest schwere Gewalttaten verübt oder waren wegen versuchten Totschlags angeklagt. Seine zentralen Erkenntnisse und Schlussfolgerungen müssten die deutsche Politik und Justiz mindestens zum Nachdenken bringen.

Aus seiner Beobachtung von Einzeltätern bemüht sich Remschmidt um eine systematische Typisierung von Tätergruppen mit gemeinsamem Nenner: „Es gibt die psychisch kranken Täter. Dann gibt es die Affekttäter, die nach einer langen quälenden Vorbeziehung mit dem Opfer ausrasten; zum Beispiel sind die meisten Vatermörder erniedrigte Söhne“, so Remschmidt. Die Rückfallraten dieser Jugendlichen seien besser als die allgemeinen Rückfallraten der Jugendstrafanstalten. „Nicht wenige haben vor ihrem schlimmen Delikt gar nichts gemacht. Bei vielen führt eine Krankheit zur Tat, die man behandeln kann. Oder die Tat geschieht im Affekt, in einer einmaligen Situation.“

Riskante Faktoren: Alkohol und Gruppendynamik

Nachdenklich macht den Marburger Wissenschaftler vor allem ein dritter Täter-Typ: Als Impulstäter bezeichnet Remschmidt Straftäter, die Zufallsopfer attackieren würden.

Der 19-Jährige Onur R., der als Hauptverdächtiger im Fall der tödlichen Prügelattacke am Berliner Alexanderplatz gilt, würde in dieses Schema passen. Manche würden unter Einfluss von Alkohol und Drogen töten. Oft seien diese in Gruppen unterwegs, was Aggressivität und Risikobereitschaft noch verschärfe. Manche von Ihnen seien chronische Straftäter: „Da steht am Ende einer langen Gewaltspirale nach Diebstahl, Einbruch, Raub auch ein Mord oder Totschlag.“

Jeder Fall sei anders. Je mehr man kenne, desto breiter erschiene das Spektrum. Aber gemeinsame Merkmale der Impulstäter gibt es schon. Remschmidt fügt diese zu einem Prototyp zusammen: „Er ist 17 Jahre alt, stammt aus einer problematischen Familie. Der Vater ist Alkoholiker, die Mutter die ihn alleine erzieht, ist depressiv. Er hat die Hauptschule geschmissen und Bewerbungen erst gar nicht geschrieben. Seine Mutter hat jeden Einfluss auf ihn verloren. Er schläft bis 16 Uhr und geht dann mit einer Flasche Wodka und einem Messer bewaffnet auf die Straße und trifft sich dort mit seiner Clique“. Was wie ein altes Klischee wirkt, ist durch das gesammelte Datenmaterial zu belegen. Die Gesellschaft und der Staat, so der Wissenschaftler, würden häufig ihre Präventionspflicht vernachlässigen. Seiner Ansicht nach „müssen derartige junge Menschen von der Straße geholt werden“, um zu lernen ihren Tag zu strukturieren. Er hält es für eine Pflicht Ihnen beizubringen, „dass Anstrengung und Arbeit zufriedenstellen und das Selbstbewusstsein stärken“.

Staat muss die Jugendlichen in die Schulen holen

Da sich viele Jugendliche erkennbar nicht mehr aus eigenem Antrieb auf Förderungsangebote einlassen und diese nicht durchhalten könnten, sei „der Gesetzgeber gefragt, eine Verpflichtung an die Stelle der Freiwilligkeit zu setzen“.

Erfolgversprechend sei, stärker auf die Einhaltung der Schulpflicht zu achten. „Oft ist das der Einstieg in eine kriminelle Laufbahn, wenn Jugendliche der Schule fernbleiben und sich stattdessen über die Clique definieren, klauen gehen oder anfangen zu trinken.“

Dass Jugendliche im Verhältnis häufiger morden als Erwachsene - eine weitere Erkenntnis von Remschmidt. Das hänge auch mit der körperlichen Entwicklung zusammen: „Die Bereiche im Gehirn, die für die Risikokontrolle zuständig sind, reifen erst zwischen dem 25. und 27. Lebensjahr vollständig aus“.

Neben einer strengeren Aufsicht und Erziehung von Heranwachsenden fordert der Wissenschaftler deshalb auch die Justiz auf, Jugendliche nicht wie Erwachsene zu behandeln. „Innerhalb der gesetzlichen Möglichkeiten sollten alle Straftäter bis zum 21. Lebensjahr nach Jugendstrafrecht behandelt werden.“ Wenn Strafvollzug und Therapie eine Aufarbeitung der Tat ermöglichen würden, hätten die Jugendlichen eine zweite Chance und keine Hypothek fürs Leben verdient, so Remschmidt. Dafür spricht: Kein einziger Jugendlicher, den Remschmidt begutachtet hat, hat bisher nach Haft oder Therapie einen zweiten Mord begangen.

Helmut Remschmidts Erfahrungs- und Forschungsbericht: „Tötungs- und Gewaltdelikte junger Menschen“, ist im Springer-Verlag erschienen.

Im Blickpunkt: Der mit den Mördern spricht

Helmut Remschmidt ist ein deutscher Kinder- und Jugendpsychiater und ehemaliger Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Philipps-Universität. Er war Vorsitzender des Weltverbandes der Kinder- und Jugendpsychiater und ist bis heute einer der anerkanntesten Vertreter seines Fachs.

von Tim Gabel

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