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Weltpolitik ist eben kein Fußball-Spiel

US-Wahl Weltpolitik ist eben kein Fußball-Spiel

Obama bleibt Präsident. Mittlerweile eine alte Nachricht. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch konnte das aber noch niemand vorhersehen. Und so wurde weltweit mitgefiebert. Auch im Landkreis. Hat Polit-Public-Viewing Zukunft?

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Marburg. Mitt Romney-Anhänger haben es an diesem Abend schwer. Sein Konterfei hängt auf dem Herren-Klo. Darunter der Spruch: Yes, you can. Aber Romney hat es immerhin aufs stille Örtchen geschafft. Ein Bild von Obama sucht man hier vergebens. Dafür ist sein Name in aller Munde. Wer die Wahl gewinnen solle? Klar, Obama. Von wem man eine bessere Europa­politik erwarte? Obama. Wer Amerika in eine wirtschaftlich sichere Zukunft leiten könne? Obama, wer sonst? Hier, in der Geschäftsstelle der SPD Marburg, ist man sich einig. Obama ist der Mann für Amerika. Und basta. Darum sind sie gekommen. Um seinen Sieg zu feiern. Über eine mögliche Niederlage spricht niemand. „Wird schon nicht passieren“, murmelt einer, während er in seinen Brownie beißt. „Darf einfach nicht passieren“, sagt sein Blick.

Nach dem Fußballspiel verschwinden die Gäste

Noch steckt Public-Viewing bei politischen Großereignissen wie der US-Wahl in den Kinderschuhen. Die Mitglieder der Jusos Marburg haben das Experiment gewagt. Stilecht. Mit Popcorn, Brownies und Koffein im Überfluss. „Wir wollten ein Format schaffen, das alle anspricht“, erklärt die 22-jähri­ge Maria Helmis. So recht weiß sie noch nicht, was der Abend bringt. Spannung? Klar. Interessante Gespräche? Sicher. Vielleicht auch ein paar neue Gesichter.

Eines dieser neuen Gesichter gehört zu dem 20-jährigen David. Eine Mischung aus Zwang und Interesse hat ihn in die SPD-Geschäftsstelle getrieben. Noch hat der Student keine Wohnung in Marburg gefunden, schläft entweder bei Freunden oder pendelt mit dem Zug nach Hause. Und genau diese Freunde wollten die Wahl sehen. Und zwar in der Gemeinschaft. David hat sich unter all den Fremden einen Platz gesucht und gesichert. Gleich zu Beginn. Hier sitzt er. Hier geht er nicht weg. Über Stunden. Sein Blick ist konzentriert. Er spricht wenig. „Ich würde mir wünschen, dass Obama die Chance bekommt, seine Wahlversprechen einzulösen und Guantanamo auflöst“, sagt er. Neben ihm sitzt Ingrid Zuber. Die 53-Jährige ist über Umwege in der Geschäftsstelle der SPD gelandet. Zuvor saß sie in einer Bar, in der ebenfalls die Wahl übertragen wurden. Doch Ingrid Zuber blieb allein. Auch der bestellte Hot Dog konnte nicht helfen, die Stimmung ein bisschen „amerikanischer“, ein bisschen euphorischer werden zu lassen.

Mit Koffein und Hot Dogs durch die Nacht

„Beim BVB-Spiel war hier noch die Hölle los, jetzt ist alles leer“, klagt sie, bevor sie sich zu Fuß auf den Weg in die Biegenstraße macht. Sie ist um eine Erkenntnis reicher: Die US-Wahl interessiert die meisten, mobilisiert jedoch die wenigsten. Wer will sich schon die Nacht um die Ohren schlagen für eine Wahl weit, weit weg? Ingrid Zuber will. Weil Amerika für sie eben nicht „weit, weit weg“ ist. Sondern eine bedeutende politische und wirtschaftliche Macht.

„Vor vier Jahren hat mich die Wahl sehr berührt. Mit Obama hatte ein neues Zeitalter ange­fangen.“ Sie weiß: Die Faszination von damals ist nüchternen Erwartungen gewichen. Ob der Präsident nun schwarz oder weiß ist – „Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass unser Außenminister schwul ist und wir eine Kanzlerin haben?“, fragt Zuber. Zeiten ändern sich eben. Erwartungen an einen Präsidenten auch.

Ein Uhr. Neue Wahlergebnisse trudeln ein. Ingrid Zuber und Student David sitzen schweigend nebeneinander. Verfärbt sich ein Staat rot, republikanisch, atmen sie scharf ein. Wird er blau, demokratisch, atmen sie erleichtert aus. Rot, einatmen. Blau, ausatmen. Das von Politexperten angekündigte Kopf-an-Kopf-Rennen hat begonnen. Es wird nicht geklatscht, nicht geflucht, nicht gejubelt. Emotionen werden durch den knisternden Griff in die Chipstüte überspielt. Irgendwie ist schon früh klar: Einen Autokorso wird es hier nicht geben. Fahnen schwenken auch nicht.
Die Minuten schleichen dahin. Die ersten gehen. Sie verzichten auf einen kleinen Wissensvorsprung. Entscheiden sich für den Schlaf. Es sind meist nur noch Studenten, die vor der Großbildleinwand sitzen. Solche, die morgen Seminar Seminar sein lassen können. Schwänzen für die Politik. Oder solche wie Maria Helmis, die eine Uni-Besprechung mit der Erlaubnis des Profs verschlafen darf.

Mittlerweile ist es halb zwei: Neue Ergebnisse werden verkündet. Rot, einatmen. Blau, ausatmen. Die alte Leier. Und irgendwann hört man auch ein schüchternes Aufjubeln. Der leise Versuche, die große Politbühne auch mit großen Emo­tionen zu füllen. Ein paar Straßen weiter spuckt die Kaffeemaschine die nächste Kanne aus. Warten auf Ergebnisse. Warten auf Koffein. Politikstudentin Sabine Stockheim und sieben ihrer Mitbewohner haben sich vor dem Fernseher versammelt. Kurz haben sie überlegt, das Wohnzimmer blau zu dekorieren – sich dann doch lieber nur für die Zubereitung von Hot Dogs entschieden. Auch sie warten auf Ergebnisse. Auf das Ende dieser langen Wahlnacht. Um halb sechs morgens schaltet die 22-Jährige den Fernseher aus und stellt die wohl alles entscheidende Frage: „Würden wir solch einen Aufwand auch bei der Bundestagswahl betreiben?“ Ihre Antwort kommt spontan: Anschauen ja. Mehr aber auch nicht. Politik ist eben kein Fußball.

von Marie Lisa Schulz

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