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Weltkrieg war massiver Einschnitt in den Alltag

Vortrag im Staatsarchiv Weltkrieg war massiver Einschnitt in den Alltag

Zwischen Euphorie und Angst: Einblicke in den Marburger Alltag im Ersten Weltkrieg gab Professor Otto Volk bei seinem Vortrag vor 80 Zuhörern im Landgrafensaal des Staatsarchivs.

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Professor Otto Volk bei seinem Vortrag im Landgrafensaal des Staatsarchivs.Foto: Ina Tannert

Marburg. Professor Otto Volk, Akademischer Oberrat am hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde, stellte sich nicht nur der Frage wie die Marburger die Ereignisse und massiven Lebenseinschnitte des Ersten Weltkrieges wahrnahmen, sondern auch, warum das Thema plötzlich ein solch breites Interesse in der Öffentlichkeit erhält.

„Der Erste Weltkrieg wurde bisher in der deutschen Gesellschaft geradezu vergessen“, betonte Volk. Ein Grund dafür liege in den aktuelleren und massiven Ereignissen des Zweiten Weltkrieges, der Ersteren überlagert und dieser im Vergleich als „nicht so schlimm“ empfunden wird.

Das verstärkte Interesse an dem Thema erklärt der Historiker durch den zeitlichen Abstand, es gibt keine Zeitzeugen mehr, der Quellenbestand ist abgeschlossen, „Daneben komme erst seit kurzem eine wissenschaftliche Betrachtungsweise, die sich, stärker regional- und landestypisch geprägt, mit der Verarbeitung der Schrecken des Ersten Weltkrieges auseinander setzt. Die fast gänzlich zensierten zeitgenössischen Medienberichte müssen zudem mit der „gebotenen Vorsicht“ interpretiert werden, öffentliche Schriften waren eher patriotisch, militärisch und nationalistisch geprägt.

Von den wenigen persönlichen Aussagen und Erfahrungsberichten aus der Heimat und von der Front lasse sich eher ableiten, wie die Menschen das Entsetzen und Leid des Krieges im Alltag erlebten.

Viele der zeitgenössischen Berichte schwanken zwischen Begeisterung und Jubelstürmen sowie Schrecken und Angst vor dem Krieg. Patriotismus, politische Begeisterung wie auch die Wahrnehmung einer Bedrohung von Außen herrschte vor, so Volk.

Bereits vor Kriegsbeginn gab es auch in Marburg pompöse Kriegerfeste und patriotische Kundgebungen, es wurde mit dem Bau von Kriegsdenkmälern begonnen, Zeitungen berichteten von zahlreichen militärischen Manövern, die anfangs noch ein breites Publikum anzogen.

„In den ersten Kriegstagen überschlugen sich die Ereignisse, aus einer ruhigen bürgerlichen Gesellschaft wurde eine hysterische Bevölkerung“, so der Historiker. Die Euphorie spiegelte sich auch in der Masse an Freiwilligen wieder. Die Gesamtzahl der Kriegsteilnehmer aus Marburg wird auf etwa 10000 geschätzt, Bataillone, Reservisten und Freiwillige, so Volk.

Er erläuterte, dass rund drei Viertel der Marburger Studenten zum Kriegsdienst eingezogen wurden oder freiwillig an die Front gingen. Von den rund 2000 Immatrikulierten befanden sich während der Kriegsjahre nie mehr als etwa 640 an der Universität.

Der Alltag der Bevölkerung änderte sich laut Professor Volk drastisch, Misstrauen gegen Fremde und panische Angst vor Spionen machte sich breit, schnell wurde zudem der kriegsbedingte Personalmangel spürbar. Um die fehlende Arbeitskraft auszugleichen, richtete die Universität Freiwilligendienste ein. Vermehrt fanden im akademisch geprägten Marburg Kriegsvorträge statt. Regelmäßig wurden öffentliche Sammlungen für sogenannte „Liebesgaben“, warme Kleidung und Werkzeug für die Front organisiert.

Im März 1916 entstand der Verein blinder Akademiker Deutschlands, der maßgeblich an der Gründung und Institutionalisierung der später benannten Blindenstudienanstalt beteiligt war. In den insgesamt 17 Lazaretten der Stadt wurden während der Kriegsjahre über 15500 Verwundete behandelt.

Etwa 1000 Angehörige der Universität kehrten nach Kriegsende nicht in die Heimat zurück. Von den an die Front gezogenen Marburger Jägern verloren fast 4000 ihr Leben, berichtete der Historiker.

von Ina Tannert

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