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Einer von hier: Uwe Ellger Weiter, weiter, immer weiter

Ganze 21 Länder in 365 Tagen. Uwe Ellger radelte gemeinsam mit seiner Partnerin von München nach Singapur. Das ist nur eine von zahllosen Reisen, von denen der 62-Jährige berichten kann. Auf seiner Reise durch das Leben hat er auch Caldern gestreift.

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Uwe Ellger hat die Welt gesehen. Der ehemalige Tierarzt aus Caldern ist von München nach Singapur geradelt.

Quelle: Privatfoto

Marburg. Als er zum ersten Mal einem Hamster eine Niere entfernte, trafen ihn zwei Erkenntnisse: er würde eine Lupen-Brille und eine Auszeit von seinem bisherigen Leben als Tierarzt brauchen. Wenn die Angst vor der Trauer um solch ein kleines Tier manchen Menschen Hunderte Euro wert sein sollten, dann muss dieses Land reich sein. Reich an Sorgenfreiheit. Vielleicht war es die Sehnsucht nach Demut, vielleicht der Wunsch, die eigenen Grenzen zu finden. Aber es war auf jeden Fall der Wunsch aufzubrechen.

Aus dem Wunsch wurde ein Plan - und der fraß sich in seinem Hinterkopf fest. Ein Jahr sollte es dauern, bis Uwe Ellger gemeinsam mit seiner Partnerin Isabel im Jahr 2011 zu einer 26000 Kilometer langen Reise aufbrach. Mit dem Rad von München nach Singapur. In exakt 365 Tagen. Mittlerweile ist er wieder zurückgekehrt in sein altes Leben. Ein Teil seiner Seele aber ist auf der Straße geblieben.

„So ein Lauf wird im Kopf gewonnen“

Um die Seelenteile wieder einzusammeln, hat er einen Film von seiner Reise gedreht. Und den zeigt er. Immer dann, wenn ihn Menschen danach fragen. Zuletzt waren es Freunde aus Marburg. Der Stadt, in der Uwe Ellger fast 20 Jahre seines Lebens verbrachte. Nach seinem Studium in Gießen arbeitete er als Tierarzt in Caldern. Hauptsächlich Großtiere. Dann auch immer mehr Kleinvieh. „Die Landschaft in Marburg ist immer so, als würde man Urlaub machen“ schwärmt der 62-Jährige.

Er muss es wissen. Ist er doch jahrelang in den Wäldern rund um Marburg unterwegs gewesen. Joggend. Bergauf und bergab. Uwe Ellger läuft Ultramarathon in der ganzen Welt. „So ein Lauf wird mit dem Kopf gewonnen - nicht mit den Füßen“, sagt der 62-Jährige, während er in seiner Tomatensuppe rührt. Sehnig sind seine Arme, trainiert sein Körper. „Gerade“, so sagt er, „tut mit alles weh. Ich komm nicht mehr so recht rein.“

Und das, obwohl doch bald schon wieder ein 90-Kilometer-Lauf in Südafrika ansteht. Acht Mal hat er dort schon teilgenommen. Zweimal mindestens will er noch die Ziellinie überqueren. Dann hat er es geschafft. Dann wird aufgenommen in den Kreis der Elite-Läufer. Seine Startnummer wird ab diesem Tag nie wieder vergeben - und ein weiteres Lebensziel scheint erreicht.

Für die Liebe gings nach Ismaning

„Ich kann an diesem Lauf doch nicht acht Mal teilnehmen - und zweimal nicht“, sagt er fast trotzig. Das, was er anfängt, bringt er zu Ende. Nicht im Sprint. Aber im kontinuierlichen Dauerlauf. Das Ziel immer vor Augen. „Ich geh dann eben zwei Kilometer. Ich habe ja Zeit. Dann trinke ich etwas und dann geht es weiter.“ Eine Lektion fürs Leben. Immer weiter. Durchaus nach links oder rechts schauen. Mal langsamer werden, mal durchatmen. Aber niemals stehen bleiben. Weiter, weiter. Immer weiter.

Seine Partnerin teilt diese Mentalität. Auch sie ist Läuferin. Für sie ist er nach Ismaning gezogen - hat Caldern hinter sich gelassen. „Das war eine tolle Gemeinschaft. Ich vermisse auch solch kleine Rockkneipen wie das Molly Malone‘s in Marburg. So etwas muss man in München mit der Lupe suchen.“ Aber mit Verzicht hat er zu leben gelernt. Spätestens seit der Radreise nach Singapur.

In Tibet hat er gespürt, was Hunger bedeutet. In Syrien hat er erfahren, was Gastfreundschaft wirklich mit sich bringt. In Aleppo freundete sich das Paar mit einem Hotelangestellten an. Mit dem Rad zeigte er ihnen „seine“ Stadt. Damals eine kulturelle Perle - heute ein Kriegsgebiet.  Aus der kurzen Begegnung wurde eine Freundschaft. Doch „unter der Mailadresse meldet sich keiner mehr“, sagt Ellger und rührt wieder in seiner Suppe. Gegessen hat er noch nichts.

Die Angel würde er jetzt zu Hause lassen

Ellger hat vieles gelernt in den 365 Tagen seiner Reise. Über die Natur, über Reifenpannen und über Partnerschaft. „Man hängt 24 Stunden aufeinander. Da gibt es keine Geheimnisse mehr“, erklärt er. Und man lernt noch so vieles mehr: Demut vor der Natur, Schlafen auf Isomatten, Zufriedenheit, Bescheidenheit, manchmal auch Leidensfähigkeit. Und Aussortieren - das lernt man auch.

„Ich hatte meine Angel mit und habe während der ganzen Reise nur einen Fisch gefangen. Für eine Zwei-Wochen-Tour mit dem Fahrrad nach Irland würde ich exakt das Gleiche einpacken, wie für die Reise nach Singapur. Nur eben keine Angel mehr“, erklärt er schmunzelnd. 21 Länder haben sie durchquert, 26000 Kilometer zurück gelegt. Immer war der Weg das Ziel. Und nun - zwei Jahre nach dem Abenteuer ihres Lebens - sind sie wieder zurück.

Er entfernt Hamstern mal ein Auge, mal einen Nierentumor, behandelt Katzenschnupfen und Zwingerhusten, seine Partnerin arbeitet weiter als Kinderärztin. Kühe haben sie sich angeschafft, Hunde, Enten und Hühner. Tierische Gründe, um zu Hause zu bleiben. Der Plan ging nicht auf, die Nachbarn packen bei der Versorgung mit an, wenn das Reisefieber das Paar erneut erwischt. Weiter, weiter, immer weiter. So lang die Füße tragen, so weit die Räder rollen. Die nächsten Touren sind schon geplant. Ellger weiß: „Wer nie von zu Hause weg geht, kann auch nie nach Hause zurückkehren.“

Mehrere Tausend Fotos von Ellgers Reisen können Sie hier.

von Marie Lisa Schulz

Steckbrief

  • Name: Uwe Ellger
  • Geboren: 16. März 2003
  • Was macht er jetzt? Uwe Ellger arbeitet als Tierarzt in München. Beruflich will er kürzer treten, um weitere Reisen unternehmen zu können.
  • Kommt er noch vorbei? Ja – zuletzt um seinen Film zu zeigen.
  • O-Ton: „Das Schwerste an so einer Reise ist die Rückkehr.“
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