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Weiter Wirbel um die Windkraft

"Lichter Küppel" Weiter Wirbel um die Windkraft

Kritiker fürchten ein „stures Durchdrücken“ der Pläne. Die Grünen wollen für das Ja zum Standort „Lichter Küppel“ werben, indem Befürchtungen von Bewohnern ausgeräumt werden.

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Rund 400 Meter über der Lahn würden die mehr als 140 Meter hohen Anlagen auf dem „Lichten ­Küppel“ stehen. Übler Landschaftseingriff oder notwendig für die Energiewende?

Quelle: Archiv

Marburg. Vogelsterben, Lärm, Schattenschlag – die Grünen wollen die Bedenken durch eine Erläuterung des Genehmigungsverfahrens entkräften „Wir wollen der pauschalen Übertreibung von Gefahren und dem Schüren von Ängsten nicht deren pauschale Verharmlosung entgegensetzten“, sagt Uwe Volz (Grüne). Seine Partei wolle die Betroffenen und die Kernstadtanwohner gleichsam über „mögliche Beeinträchtigungen detailliert informieren“.

Etwa beim Thema Schattenschlag: „Der rhythmische Schattenwurf kann in der Tat eine sachlich begründete Belastung darstellen, vor der die möglicherweise betroffenen Menschen geschützt werden müssen“, sagt Volz.
Im Genehmigungsverfahren werde ermittelt, welche Wohnhäuser, die angrenzend an die geplanten Windräder, einer theoretischen Schattenwurfdauer von mehr als 30 Stunden pro Jahr oder mehr als 30 Minuten pro Tag ausgesetzt sein könnten.

„Der Betrieb der Windräder wird nur unter der Auflage genehmigt, dass die Anlagen automatisch abzuschalten sind, wenn der tatsächlich wahrnehmbare Schattenwurf an den Wohnhäusern eine Dauer von mehr als acht Stunden pro Jahr übersteigt“, erläutert Volz.

Angesichts von 8760 Stunden, die ein Jahr zählt (maximal 4380 davon hell), halte er eine Schattenwurf-Beeinträchtigung in dieser Summe für „erträglich und zumutbar“.

OP-Leser Dr. Werner Schubö sieht das anders. Er hat eine Schattenprognose erstellt, die für den oberen Richtsberg die Beeinträchtigung durch einen sogenannten Disko-Effekt ermittelt. „Dort ist eine Beschattung von 35 Minuten täglich durch die beiden Windräder von etwa Mitte September bis Ende März vormittags zu erwarten“, schreibt er in einem Leserbrief.

Der Schlagschatten betreffe zwar vor allem den oberen Richtsberg, aber für kürzere Zeiten auch die „ganze Oberstadt wie auch das Schloss“. Das Zentrum der Stadt liegt nordwestlich vom „Lichten Küppel“, weswegen der Disko-Effekt dann auftritt, wenn die Sonne im Südosten steht. „Die ganze Stadt einschließlich der Oberstadt und dem Schloss wird also künftig bei Sonne und Wind, gelegentlich morgens durch flackerndes Licht, vom Lichter Küppel geweckt.“

OP-Leser fordert Gründung einer Bürgerinitiative

Die zwei geplanten Windräder befänden sich „knapp an und jenseits der Grenze dessen, was der Bevölkerung an Schall- und Licht-Immissionen eben noch zugemutet werden darf“. Weil elektrische Energie aber „gut über Leitungen transportiert werden kann, müssen Windräder nicht einzeln mitten in eine bisher schöne und lebensfreundliche Stadt gestellt werden“, schreibt Schubö.

OP-Leser Harald Nahrgang fordert indes in einem Leserbrief das Aufbegehren einer Bürgerinitiative wie vor Jahrzehnten gegen die Großdeponie Arzbachtal: „Bürger vom Richtsberg, aus Moischt, aus Schröck, aus Bauerbach, aus der gesamten Stadt: werdet wach und organisiert euch, damit dieser unsägliche Blödsinn ein Ende hat.“

Der „Lichte Küppel“ drohe „dermaßen verschandelt zu werden, dass uns allen Hören und Sehen vergeht, wenn wir Richtung Wald blicken und dort unsere Freizeit genießen wollen“. Es gehe bei dem geplanten Windpark um ein „unsinniges Prestigeprojekt“, um das „Durchdrücken des Baus“, indem „über fundierte und nachvollziehbare Bedenken der Bürger“ seitens einiger Politiker „ignorant und stur hinweggegangen“ werde. „Alle Bedenken werden vom Tisch gefegt und die Wähler für dumm verkauft“.

Vogelsterbe-Rate: Zweifel an Martin Krafts Prognose

Zweifel äußert der Moischter Nico Biver an der Vogelsterbe-Prognose, die der städtische Vogelschutzbeauftragte Martin Kraft errechnete (20 tote Vögel pro Stunde an den zwei Küppel-Windrädern). „Im Dienste seines Anliegens hat er wohl übertrieben“, schreibt Biver in einem Leserbrief. Wie die OP am Freitag berichtete, gehen Naturschutzexperten pro Jahr von 100 000 toten Vögeln – plus Dunkelziffer – an 30 000 Windkraftanlagen in ganz Deutschland aus.

„Rechnet man Krafts Schätzung für den Lichter Küppel hoch, gäbe es dort 175 200 tote Tiere. Das wären doppelt so viele, wie man deutschlandweit schätzt“, schreibt Biver. Das sei, wie andere Ausführungen Krafts, „nicht stimmig“. Etwa, dass die von ihm genannten drei Millionen Vögel durch den Korridor am Küppel zögen. „Laut Karte des hessischen Nabu ziehen Vögel das Lahntal und den Ebsdorfer Grund vor.“

Laut Bivers mathematischer Berechnung – die davon ausgeht, dass drei Millionen Vögel in bis zu 500 Metern Höhe über den 14 Kilometer breiten Lahnbergerücken fliegen – würden durch den Windpark pro Jahr 1 550 bis 3 100 Vögel sterben.

Kraft sprach während einer Info-Veranstaltung in Moischt Mitte Januar von einer drohenden „ökologischen Katastrophe“. Die Stadtwerke stellten angesichts der Protesthaltung damals einen Planungsstopp in Aussicht. Im Juni soll es eine Bürgerbefragung zum Thema geben.

von Björn Wisker

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