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Weißer E-Dampf statt blauem Dunst

Marburger Dampfer-Stammtisch Weißer E-Dampf statt blauem Dunst

Die elektronische Zigarette findet mehr und mehr Anhänger, auch in Marburg. Die Mitglieder des Dampfer-Stammtisches teilen weniger eine gemeinsame Sucht als vielmehr ein technisch anspruchsvolles Hobby.

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Einmal im Monat trifft sich der Dampfer-Stammtisch Marburg im Bar- und Kunstcafé Gloria im Stadtteil Weidenhausen.

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Marburg. Es dampft und leuchtet im schummrigen Licht des Cafés, dicke weiße Wolken ziehen durch den Raum. An einem Tisch sitzt eine Gruppe Menschen entspannt beisammen, in den Händen halten sie ihre dampfenden Schätze – elektrische Zigaretten. Es sind die Mitglieder des noch jungen Dampfer-Stammtisches Marburg. Einmal im Monat treffen sich die E-Smoker zum gemütlichen Beisammensein, Dampfen und Debattieren beim Feierabendbier. Ihr neuer Lieblingstreff ist das Bar- und Kunstcafé Gloria in Weidenhausen. Ihr gemeinsames Hobby sind die E-Zigaretten.

Um Dampf zu erzeugen, wird in den kleinen Geräten eine aromatisierte Flüssigkeit, Liquid genannt, über einen Glühdraht und per Akku-Energie erhitzt. Mittlerweile gibt es bundesweit über zwei Millionen Dampfer.
Der Marburger Dampferstammtisch rund um die Organisatorinnen Stephanie Dahmen und Aylin Relle wurde erst im November 2014 gegründet und ist bereits auf rund 60 Mitglieder angewachsen. „Der Bedarf nach einem gemeinsamen Austausch ist hoch“, betonen die Gründerinnen.

"Bei uns ist jeder ab 18 Jahren willkommen"

Hinter der dampfenden Freizeitbeschäftigung steckt jedoch nicht nur die alleinige Suchtbefriedigung, sind sich die Stammtischler einig. Dampfer kennen sich in der Elektro- und Akkutechnik aus, wissen Bescheid über Volt und Ohm, den Zusammenhang zwischen elektrischer Spannung und Widerstand. Fortgeschrittene Benutzer haben sich tief in die Materie der E-Zigaretten eingearbeitet, basteln sich ihre Geräte zum Teil selber, kennen alle Einzelteile, den passenden Draht, den perfekten Docht oder die beliebteste Wicklung des Verdampferkopfes und geben ihre Erfahrungen an Dampfer-Anfänger weiter.

„Bei uns ist jeder ab 18 Jahren willkommen, vom Anfänger bis zum Dampf-Experten und auch normale Raucher“, betonen die Mitglieder. Die Gespräche am Stammtisch drehen sich um technische Besonderheiten des einen oder anderen Gerätes, um Mechaniken der E-Zigaretten, um Tipps und Tricks oder auch einfach um das Wetter.

Vor allem die verschiedensten Liquids werden gerne untereinander getauscht und ausprobiert. Und davon gibt es mittlerweile Tausende. „Es gibt so viele Liquids wie es Lebensmittelaromen gibt“, erklärt Stammtisch-Gründerin Aylin Relle. Von mild bis würzig, von aller­hand Fruchtaromen, über Cola, Lakritze oder Käsekuchen bis hin zu Thunfisch oder Bratwurst-Geschmack ist nahezu alles vertreten. Dabei sehen viele das Dampfen nicht nur als Alternative zum traditionellen Rauchen. Nur etwa die Hälfte des Stammtisches nutzt Liquids in denen auch Nikotin enthalten ist. Viele haben im Laufe der Zeit die Menge reduziert, nutzen die E-Zigaretten, um von der Sucht loszukommen.

E-Zigarretten sind ungesund - aber vielleicht nicht ganz so schlimm wie normale

Es ist schon eine Art Lifestyle, den sie gemeinsam pflegen, ein Hobby oder auch eine Sammelleidenschaft, manche Mitglieder erfreuen sich an einem wahren Arsenal der dampfenden Stäbchen in allen Farben, Formen und Größen.
Außerhalb des Stammtisches tauschen sich die Mitglieder regelmäßig in ihrer Facebook-Gruppe aus, informieren über technische Neuerungen, individuelle Erfahrungen und nicht zuletzt aktuelle Gesetzgebungen und wissenschaftliche Erkenntnisse rund um das Thema E-Zigarette.

Die heutige Version der dampfenden Elektrostäbchen gibt es erst seit rund zehn Jahren auf dem Markt, entsprechend hoch fällt die Kritik und Sorge in der Bevölkerung aus. Insbesondere
dem Liquid-Zusatz Propylenglykol stehen Dampfer-Kritiker ablehnend gegenüber. Das Alkanol ist etwa in Frostschutzmittel enthalten, findet jedoch auch in der Lebensmittelindustrie Verwendung, ist in alltäglichen Produkten wie Zahnpasta, Hautcremes und Deodorants als Feuchthaltemittel und Weichmacher enthalten. „Das Thema Dampfen ist einfach neu und noch in der Entwicklung, entsprechend herrscht häufig Unsicherheit“, erklärt Aylin.

Die Erfahrungen der Mitglieder im Alltag sind unterschiedlich. Es gibt verschiedene Reaktionen von außen – von neugierig interessiert bis zu extrem ablehnend, erzählen die Dampfer. Auffallend sei, dass vor allem traditionelle „Pyro-Raucher“ teilweise äußerst skeptisch auf die E-Smoker reagieren, während Nichtraucher diese eher tolerieren.

Was individuelle technische Handhabung, gesundheitliche Aspekte oder Kosten angeht, läuft die E-Zigarette den Pyros den Rang ab, sind sich die Stammtischler einig. Viele Langzeit-Raucher versuchen mittels der E-Zigaretten vom Nikotin loszukommen, betrachten das Dampfen als Alternative oder Abwechslung. „Man sollte sich aber auch mit der Materie auseinandersetzen und mit Verstand an die Sache rangehen, man hat immerhin ein technisches Gerät in der Hand“, betont Aylin.

Aktuellen Studien zufolge, so die Mitglieder, nehmen Dampfer weniger Schadstoffe zu sich als Raucher von Tabakprodukten. „Seit ich dampfe bin ich viel fitter geworden, Konstitution und Geruchssinn kommen langfristig wieder zurück und meine Allergie hat sich gebessert“, berichtet Stephanie Dahmen über ihren Umstieg von der klassischen Zigarrette auf die elektronische. Dampfen ist trotzdem nicht gesund, dessen sind sich die E-Smoker bewusst. Für sie ist es ein Genussmittel, ein Lebensgefühl, das ihnen einfach schmeckt.

von Ina Tannert

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