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Weiße Fahnen wehen beim Einmarsch

70 Jahre Kriegsende in Marburg Weiße Fahnen wehen beim Einmarsch

Für Marburg war der März 1945 die letzte Etappe des Zweiten Weltkriegs. Am 28. März marschierten die Amerikaner in die Stadt ein.

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Im Februar 1945 fielen Bomben auf Marburg und richteten vor allem in der Nordstadt größere Schäden an.

Quelle: Archiv

Marburg. Ein letztes Mal heulen am Morgen des 28. März 1945 die Sirenen. Die meisten Marburger flüchten an diesem frühlingshaften Mittwoch in die Luftschutzräume, die Keller ihrer Häuser oder in die Bunker, die es zum Beispiel hinter dem Europäischen Hof in der Elisabethstraße und der Alten Kasseler Straße gibt.

Dort harren sie der Dinge, die da kommen sollen. Und sie kommen. Flugzeuge kreisen über der Stadt. Vereinzelt sind Granateinschläge zu hören, ebenso wie Gewehrfeuer und das Kettenrasseln von Panzern. Am späten Vormittag erreichen die amerikanischen Truppen die Stadt. Sie durchsuchen Häuser und Wohnungen nach versteckten Soldaten und Waffen.

„Ich war bei meiner Großmutter in Zwischenhausen und hatte eine kleine weiße Fahne, an den Häusern in Zwischenhausen und der Ketzerbach hingen weiße Tücher, wo früher die Hitlerfahnen befestigt waren“, schreibt Zeitzeuge Rolf G. Vaupel in der „Ketzerbach-Chronik 1938-1963“.  „Plötzlich kamen die ersten Jeeps mit den amerikanischen Soldaten und anschließend größere Lkws und Panzer auf die Ketzerbach gefahren“, so der Bericht von Rolf G. Vaupel.

Schreiner Richard Rösler wohnt ebenfalls in der Ketzerbach. Er verlässt die Wohnung, um zu schauen „wie so‘n Krieg eigentlich gemacht wird.  Ich getraute mich bis zur Elisabethkirche vor und besah mir seelenruhig die fremden Panzer. Kein amerikanischer Soldat würdigte mich eines Blickes. So nach und nach kamen auch ein paar Leute, gesellten sich zu mir. Da, auf einmal am Bunker im Europäischen Hof kamen eine Menge deutsche Soldaten raus, die Hände auf den Kopf gelegt, ein Zeichen, daß sie sich ergeben hatten“, heißt es in den Aufzeichnungen des Schreiners, die der Stadt Marburg zur Verfügung gestellt wurden.    

Am Nachmittag füllen sich die Straßen in Marburg weiter mit Menschen. Vor allem sind es Kinder, die sich bei herrlichem Sonnenschein die Panzerkolosse ansehen. Die Amerikaner suchen sich Quartiere und breiten sich im Rathaus, dem ehemaligen Sparkassengebäude aus sowie im Café Vetter und im Café Markees.   

„Am 28. März wurde beim Einrücken der amerikanischen Truppen das Staatsarchiv für die Unterkunft benutzt und ist seitdem besetzt. Am 30. März mittags wurde jeder weitere Zutritt zum Gebäude und dem Archivmagazin verboten“, schrieb der damalige Direktor an den Oberbürgermeister. Der Platz an dem das Gebäude steht, hieß damals noch „Adolf-Hitler-Platz“.

In Kirchhain warnt am Morgen des 28. März der Bürgermeister die Bewohner. Frauen und Kinder sollen in den Wald flüchten, weil mit schwersten Kämpfen zu rechnen ist.

Chaos bricht aus, Soldaten laufen durch die Straßen

Wolfshausen wird morgens um 7 Uhr von einer Granate getroffen. Die Amerikaner schossen sie von Oberwalgern aus auf das Dorf. Es bricht Chaos aus. Soldaten laufen durch die Straßen, um vor den Amerikanern zu flüchten. Als sie weg sind, stellen die Wolfshäuser ein großes Bettlaken an den Ortseingang.

In Gladenbach rollen um 9 Uhr die amerikanischen Panzer ein. Es wehrt sich niemand. Die Stadt wird ohne Kampf übergeben, der Bürgermeister verhaftet. Auch in Marburg gibt es keine Gegenwehr. Bürgermeister Walter Voss übergibt den Amerikanern die Stadt. Er und einige besonnene Männer verhindern damit, dass die Brücken und Versorgungseinrichtungen gesprengt werden. Dies war vom stellvertretenden Generalkommando IX befohlen worden, um die Stadt zu verteidigen.

So glimpflich wie in Marburg endet der Einmarsch der amerikanischen Truppen in Kirchhain nicht. Die Stadt sollte verteidigt werden. Unter der Führung eines SS-Offiziers  kommen Soldaten in die Stadt, die die Amerikaner in die Flucht schlagen sollen. Das wird Kirchhain zum Verhängnis. 100 Menschen sterben bei schweren Kämpfen und Kirchhain liegt in Schutt und Asche.

Rund um Dautphe und Buchenau haben die Menschen Angst vor den Angriffen der Amerikaner. Sie flüchten schon am frühen Morgen in die nahegelegenen Wälder, vollbepackt mit Lebensmitteln, Kleidung und Betten. Sie wissen nicht, wie lange sie im Wald ausharren müssen.

Am nächsten Tag sehen sie die Panzer anrollen. Doch die fahren an Dautphe vorbei und besetzen Buchenau und Friedensdorf.

Im Marburger Stadtteil Wehrda rollen die Panzer der Amerikaner erst einen Tag später als in Marburg ein. Nach den Erzählungen verhindert Bürgermeister Wagner, dass der Turm der Martins-Kirche zerstört wird. Er reißt gerade noch rechtzeitig eine Hakenkreuzfahne vom Gebäude. Dabei muss er um sein Leben fürchten, denn in Wehrdas Straßen sind noch SS-Angehörige unterwegs, auf der Flucht vor den Amerikanern. Sie könnten auf ihn schießen. In Wehrda teilen sich die Amerikaner. Ein Teil zieht über den Weißen Stein nach Goßfelden, der andere in Richtung Cölbe.

Zwangsarbeiter entgehen Erniedrigungen

Für die Zwangsarbeiter aus nahezu allen von Nazi-Deutschland besetzten Ländern bedeutet der Einmarsch der Amerikaner die Befreiung. Sie arbeiten bis zu diesem Tag bei den Behringwerken, der Universität, im Diakonieverband und auf Bauernhöfen, wo sie Qualen und Erniedrigungen erleiden.  

In Bürgeln treffen die Amerikaner am 29. März auf Widerstand.

Am frühen Nachmittag eröffnen deutsche Soldaten das Feuer auf die Amerikaner. Gekämpft wird bis kurz vor Mitternacht. Aber Tote gibt es unter den Bürgelnern nicht.

In  Stadtallendorf rückt am 29. März die 9. US-Panzerdivision an.

Weil die Amerikaner die Sprengstoffwerke offensichtlich nicht erkennen, ziehen sie weiter Richtung Neustadt.

Am 8. Mai endet der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation offiziell. Marburg und sein Umland haben schon mehrere friedliche Wochen hinter sich.

von Heike Horst

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