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Weiß-gelbe Engel unter Zeitdruck

Altenpfleger Weiß-gelbe Engel unter Zeitdruck

Hunderte Altenpfleger sind täglich in der Stadt und dem Landkreis unterwegs, um Menschen, die sich nicht mehr um sich selbst kümmern können, zu helfen. Die OP hat eine von ihnen begleitet.

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„Ich mache es nicht für mich, sondern für die Menschen, die sich selbst nicht mehr helfen können“, sagt Altenpflegerin Nina Herti.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Es ist 7.50 Uhr. Vorsichtig streift Nina Herti eine Rasierklinge über die stoppeligen Wangen von Peter Noll (Name geändert). Er sitzt auf einem Toilettenrollstuhl. Sein Oberkörper ist mit einem Nachthemd bekleidet und mit einem großen Handtuch bedeckt. Sprechen kann er seit einem Schlagabfall vor vielen Jahren nicht mehr.

„Letztes Jahr hat er seine Frau verloren. Jetzt kümmert sich seine Tochter um ihn“, erklärt ­
Nina und tupft mit einem feuchten Waschlappen die 
­weißen ­Rasierschaum-Reste von ­seinem Gesicht. Ihn rasieren, ­waschen, eincremen, anziehen, seine Zähne putzen – das alles sind Ninas Aufgaben.

Deswegen kommt sie jeden Morgen um 7.45 Uhr in das Reihenhaus in der Innenstadt. Nina ist eine von Hunderten Altenpflegern, die jeden Tag in Marburg und dem Landkreis unterwegs sind, um alten und pflegebedürftigen Menschen zu helfen. Seit sechs Jahren arbeitet sie bei der Marburger Hauskrankenpflege.

Patient soll in Pflege einbezogen werden

„Bitte einmal die Arme heben“, fordert sie Herrn Noll auf, der erst nicht reagiert, dann aber langsam erst den einen, dann den anderen Arm zur Decke streckt. Vorsichtig krempelt sie das Hemd hoch und hebt es dann über seinen Kopf. Den Patienten in die Pflege mit einbeziehen, die Selbstständigkeit fördern, so lange es geht, ist ein wichtiges Prinzip in der Pflege,­ erklärt die 34-Jährige – auch wenn es dadurch länger dauert.

„Zeit ist immer ein Problem. Man kommt damit einfach nicht hin“, sagt Nina und wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr. 35 Minuten Zeit hat sie für die „große Pflege“ des alten Mannes. So ist es im Sozialgesetzbuch vorgeschrieben. So lange bezahlt die Pflegekasse. Jede Minute, die Nina länger braucht, muss sie später begründen.

Bis Herr Noll gewaschen, angezogen, mit Ninas Hilfe die Treppe hinuntergegangen und in das Sammeltaxi gestiegen ist, das ihn in die Tagesgruppe fährt, ist es 8.38 Uhr, 18 Minuten länger als vorgesehen „Ich bin spät dran – schon wieder“, sagt Nina, kritzelt die bei ihm erbrachten „Pflegeleistungen“ in den Ordner und steigt wieder in das gelb-weiße Dienstauto ihres Pflegedienstes. Seit 6 Uhr fährt sie damit quer durch Marburg. Eigentlich wollte sie jetzt eine Pause machen. Auf die muss sie heute verzichten.

„Die vielen Baustellen und jetzt der Busstreik rauben einem einfach die Zeit“, sagt sie. Der Besuch beim nächsten Patienten ist vergleichsweise kurz. „ATS anziehen“, Anti-Thrombose-Strümpfe, 4 Minuten, ­Notiz im gelben Ordner, kurzes Schwätzchen, dann fährt sie zu ihren nächsten Patienten in die die Fichtestraße. „Sie sind fünf Minuten zu früh“, begrüßt sie eine alte Dame im 1. Stock. Der Kampf gegen die Zeit ist für einen kleinen Moment gewonnen.

„Bei alten Leuten kann man nicht Hopplahopp machen“

Auch hier heißt es: „ATS anziehen“. 4 Minuten für sie, 4 Minuten für ihn. „Es ist furchtbar“, findet die alte Dame, die den Zeitdruck ihrer weiß-gelben Engel durchaus zu spüren bekommt. „Bei alten Leuten kann man nicht so Hopplahopp machen. Aber danach fragt ja keiner.“

„Wir halten unsere Mitarbeiter dazu an, die Zeit einzuhalten, weil wir wirtschaftlich ­arbeiten müssen“, sagt Christa Diessel,­ 
die zusammen mit Ingrid Schmidt-Nowak seit fast 20 Jahren die „Marburger Hauskrankenpflege“ leitet. „Das ist natürlich nicht immer möglich. Zumal der schriftliche Aufwand der Mitarbeiter riesig geworden ist. Das ist Zeit, die dann später bei den Patienten fehlt“, bedauert Schmidt-Nowak. „Wir hören immer was von ‚Verschlankung der Dokumentation‘. Doch davon merken wir nichts.“

Doch das ist nicht das einzige Problem. Täglich gebe es in der Verwaltung Kämpfe um Verordnungen, die von den Ärzten erlassen, von den Krankenkassen aber nicht akzeptiert werden.
„Wenn der Arzt sagt, dass der Verband eines Patienten täglich gewechselt werden muss, dann machen wir das auch. Es kann aber sein, dass die Krankenkasse, die diese Extra-Pflegeleistung ja bezahlen muss, sich nach mehreren Tagen meldet und sagt, dass es einmal in der Woche reicht.

Letzte Station vor ihrer Mittagspause

Bis dahin haben wir aber schon jeden Tag den Verband gewechselt“, nennt Diessel ein typisches Beispiel.„Die Mehrkosten bleiben dann an uns hängen. Das macht es uns unmöglich, wirtschaftlich zu arbeiten und unseren Mitarbeitern mehr zu zahlen – auch wenn das uns privaten Pflegediensten oft unterstellt wird.“

Inzwischen ist Nina an ihrer letzten Station vor ihrer Mittagspause angekommen. Innerhalb weniger Minuten hat sie ­Elsa Schmidt (Name geändert) gewaschen, gekämmt, angekleidet und unterhält sich nun mit ihr durch die Küche, in der sie das Mittagessen aufwärmt und nebenbei abwäscht.

Nina ist Frau Schmidts einziger Kontakt. „All die Generationenhaushalte, die es früher gab, in denen sich die Jungen um die Alten gekümmert haben, sind durch die Arbeitspolitik ­kaputt gegangen“, meint Nina.­ 
„Die Kinder leben oft in anderen Städten oder haben kaum Zeit. Die Menschlichkeit verschwindet.“

Gerade deswegen macht Nina ihren Job gerne. „Ich mache es nicht für mich, sondern für die Menschen, die sich selbst nicht mehr helfen können, um ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern.“

von Ruth Korte

Zahl der Pflegebedürftigen steigt

In Deutschland gibt es immer mehr Pflegebedürftige. Zwischen 2011 und 2015 stieg die Zahl der Menschen, die Leistungen aus der sozialen Pflegeversicherung bekommen, um rund 17 Prozent auf etwa 2,7 Millionen Menschen. Das geht aus dem sechsten Pflegebericht des Gesundheitsministeriums hervor, den das Kabinett im Dezember 2016 in Berlin vorlegte.

Die soziale Pflegeversicherung zahlte im vergangenen Jahr rund 26,6 Milliarden Euro aus – über ein Viertel mehr als noch 2011 (20,9 Milliarden Euro). Auch die Zahl der Altenpfleger sei stark gestiegen, heißt es in dem Bericht. Zwischen 2003 und 2013 habe sich die Zahl der in der Altenpflege Beschäftigten um etwa 40 Prozent erhöht.

Bei den Auszubildenden zur Altenpflege habe es mit rund 68 000 Schülern im vergangenen Schuljahr einen Höchststand gegeben. (dpa)

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