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Weihnachten hinter Gittern

Zu Besuch im Gefängnis Weihnachten hinter Gittern

Während heute überall Familien zusammenkommen und fröhlich die Weihnachtstage miteinander verbringen, feiern sie allein in ihren Zellen: die Häftlinge der Justizvollzugsanstalt in Gießen.

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Rolf S. lebt seit über einem Jahr in der JVA. Foto: Ruth Korte

Gießen. Heiligabend beginnt für Rolf S. wie jeder andere Tag auch. „Ich stehe um 5.30 Uhr auf, gehe in die Küche und hole das Frühstück für mich und die anderen Gefangenen auf meinem Flur“, erzählt der 57-Jährige. „Sein Flur“ befindet sich in der Untersuchungshaft der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Gießen. Die Menschen, die hier ­leben, warten, wie Rolf S., auf ihr Urteil. Die meisten bleiben ein paar Monate, die wenigsten über ein Jahr.

Für Rolf ist es das zweite Weihnachtsfest in der JVA. Wie lange er noch bleiben muss, weiß er nicht. „Ich hoffe, nicht mehr lang.“ Nervös faltet er seine Hände im Schoß zusammen und blickt an die Wand seiner etwa vier Quadratmeter großen­ Gefängniszelle. Dort hängen neben ein paar bunten, selbst gemalten Bildern Fotos von einer Frau, die freundlich in die Kamera lächelt. Auf seinem Tisch steht eine Faltkarte mit einem Krippenpanorama. Ein Stück Weihnachten hinter Gittern. „Es ist bedrückend - vor allem, wenn du draußen Familie hast. Ich habe einen 18-jährigen Sohn. Das tut einem schon weh.“ Er schluckt.

Die Suizidversuche nehmen zu Weihnachten zu

Dabei habe er noch Glück. Er sehe seinen Sohn wenigstens ab und zu. „Wir haben hier Menschen, die ihre Familien seit ­Monaten nicht mehr gesehen haben und auch nicht wissen, wie es ihnen geht und ob sie überhaupt noch leben.“ 114 Häftlinge werden dieses Jahr Weihnachten in der JVA verbringen. Mord, Totschlag, sexueller Missbrauch, Gewalt, Diebstahl - sie alle „sitzen“ ­wegen verschiedener Delikte.

„Die Stimmung unter den Gefangenen ist angespannter als sonst“, beobachtet Sicherheitsbereichsleiter Peter Fink. „Sie spüren zu Weihnachten besonders, dass sie eingesperrt sind, weil sie ihre Familie und Freunde nicht sehen können.“

Es ist ein Gefühl, das schmerzt. Manchmal zu sehr. „Zu Weihnachten und Silvester nehmen die Suizidversuche zu“, so Fink. Nicht immer können die Mitarbeiter dies verhindern. „Im vergangenen Jahr hatten wir eine Gefangene, die tagsüber noch völlig normal wirkte und wenige Stunden später tot in ihrer Zelle gefunden wurde. Selbstmord.“

Es ist eine schwere Zeit - nicht nur für die Häftlinge, auch für die 71 Bediensteten der JVA. „Unser Haus wird 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag strengstens bewacht“, sagt Martin Lesser, Leiter der JVA Gießen. Weihnachten sei da keine Ausnahme. An diesen Tagen werden sogar noch mehr Mitarbeiter in den Schichten eingesetzt.

Insgesamt sei die Arbeit der Justizvollzugsbeamten schwieriger geworden. Immer häufiger werden sie von den Häftlingen angegriffen. Zudem gibt es ­etwa 1400 „Gefangenenbewegungen“ im Jahr, das heißt, jeder Haftplatz wird bis zu zehn Mal neu belegt. „Die Leute kommen und gehen“, drückt es Lesser aus. Gemeinschaft will da kaum aufkommen. Ein Problem sei auch die Verständigung. Fast 30 verschiedene Nationalitäten sind im Moment in der JVA vertreten. „Bei der Gesamtzahl der Häftlinge können Sie sich vorstellen, was das bedeutet. Wir müssen uns häufig mit Händen und Füßen verständigen“, so Fink. Irgendwie klappt es dann aber doch - auch unter den Gefangenen. „Wir haben einen guten Draht zueinander“, versichert Rolf S., der als Stationsleiter viele hauswirtschaftliche und organisatorische Aufgaben in der U-Haft übernommen und dadurch viel Kontakt zu den Mitgefangenen hat.

Nudeln und Soße aus dem Wasserkocher

Das Weihnachtsfest versuchen die Mitarbeiter der JVA für die Häftlinge so schön wie möglich zu gestalten. Es werden Filme geguckt, Kerzen dürfen mit aufs Zimmer genommen werden. Sogar ein Weihnachtsessen wird angeboten: Statt dem üblichen Essen gibt es Kartoffelsalat und Bockwurst an Heiligabend und Wildschweingulasch und Spätzle an den Weihnachtstagen.

Auch die Telefonzeiten wurden erweitert. Statt zweieinhalb haben die Häftlinge fünfeinhalb Stunden Zeit, um mit ihren ­Familien zu telefonieren. Wie ­jedes Jahr findet um 14 Uhr ein Gottesdienst für die Häftlinge statt, der abwechselnd von einem evangelischen und einem katholischen Seelsorger geleitet und von einem Posaunenchor begleitet wird. Obwohl inzwischen über 40 Prozent Muslime in der JVA leben und für sie ein Imam engagiert wurde, sei die Christvesper immer gut besucht, berichtet Lesser.

Auch Rolf S. will dabei sein. „Ich bin kein gläubiger Mensch, aber ich mag die Atmosphäre. Man kann dort ein paar andere Gespräche führen als sonst“.

Nach dem Gottesdienst dürfen sich die Gefangenen bis 16 Uhr auf ihren Zellen besuchen. Darauf freut sich Rolf S., der in einer Großfamilie groß geworden ist, besonders. „Wir werden zu sechst in meiner Zelle zusammen kochen“, verrät er. Nudeln und Soße werden notdürftig im Wasserkocher zubereitet, der Salat in Essschalen angemacht.

Rolf S. macht das nichts aus. „Das ist so unser Ding. Wir kochen gern zusammen, hören ein bisschen Musik, reden. Wir kennen uns gut, nehmen uns auch mal ab und zu in den Arm und geben uns Kraft für das nächste Jahr.“

von Ruth Korte

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