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Wehren zwischen Anerkennung und Ignoranz

Feuerwehrverbandstag Wehren zwischen Anerkennung und Ignoranz

In seinem Jahresbericht sparte Kreisbrandinspektor Lars Schäfer Missstände nicht aus. Daneben wurden verdiente Feuerwehrleute ausgezeichnet.

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Kreisfeuerwehrverbands-Vorsitzender Lars Schäfer (von links) ehrte Benjamin Schmid, Rainer Storm, Thorsten Friebertshäuser, Gerd Ortmüller, Holger Spies, Kerstin Seeboth, Walter Becker, Stefan Rotter und Landrat Robert Fischbach.Foto: Manfred Schubert

Quelle: Manfred Schubert

Niederwalgern. Am Sonntagmorgen fand im Rahmen des Verbandstags (die OP berichtete) die Versammlung von 150 Delegierten des Kreisfeuerwehrverbandes Marburg-Biedenkopf statt. Im Mittelpunkt stand der Bericht des Vorsitzenden des Kreisfeuerwehrverbands, Kreisbrandinspektor Lars Schäfer. Dabei ließ er sich kritische Anmerkungen zur Haltung mancher Politiker und Mitbürger gegenüber der ehrenamtlichen Feuerwehrarbeit nicht nehmen.

Mit 1960 Einsätzen, davon 488 Brände und 1000 Hilfeleistungen, sei 2012 ein eher „ruhiges“ Jahr für die Feuerwehren gewesen, unter anderem, weil sie erstmals seit langem zu keiner Großschadenslage „Unwetter“ gerufen wurden. Erschreckend sei die erneute Zunahme von Fehlalarmen um fast 100 auf 472, denn diese bedeuteten den gleichen Aufwand wie bei einem Realereignis: „472 mal umsonst aufgestanden, alles stehen und liegen gelassen, unnötig beeilt.“ Zu den bemerkenswerten Ereignissen gehörten die Wohnhausexplosion in Holzhausen, der Flugzeugabsturz bei Cölbe und der tödliche Badeunfall in Niederweimar, der den Rettern auch psychisch alles abverlangt habe. „Das Verhalten vieler Badegäste war geprägt von Gleichgültigkeit, Ignoranz, Pöbelei und Unverständnis“, sagte Schäfer.

4086 Männer und 379 Frauen versehen ihren ehrenamtlichen Dienst in den Freiwilligen und den Werkfeuerwehren, dazu kommen 30 hauptamtliche Kräfte. 1179 Jungen und 400 Mädchen in den Jugendfeuerwehren bedeuten einen leichten Rückgang um zwölf bei einer der größten Kreisjugendfeuerwehren Hessens, 108 Jugendliche konnten in die Einsatzabteilungen übernommen werden. Es sei zwingend notwendig, angepasst auf jede Kommune in die Mitgliedergewinnung zu investieren und dabei die Integration von Migranten stärker zu berücksichtigen. Anfang Juni waren 110 Einsatzkräfte aus Feuerwehr, THW, DLRG und DRK beim Hochwassereinsatz in Sachsen. Am Einsatzort Mühlberg seien diese von den Einheimischen als „zweites Wunder von Mühlberg“ bezeichnet worden, nachdem sie in kurzer Zeit 25000 Sandsäcke füllen und damit die Stadt und großen Teil des Kreis nachhaltig schützen konnten. Der Rundfunk sprach von der „Eliteeinheit des Landkreises Marburg-Biedenkopf“.

Auch während des Kreisfeuerwehrverbandstags wurde etwas für hochwassergeschädigte Kameraden getan. Unter dem Motto „Feuerwehr hilft Feuerwehr“ sammelte man Geld für den Wiederaufbau des von der Flut zerstörten Feuerwehrhauses im nordsächsischen Gruna.

Neben unsinnigen Einsparvorschlägen zur Haushaltskonsolidierung im Bereich der Gefahrenabwehr, die bereits vor Wirksamwerden wieder vom Tisch der Landespolitik verschwanden, sprach Schäfer ironisch das Thema „Freiwillige Fegewehr“ an. Gründungstag sei die Entscheidung des Hessischen Verkehrsministeriums zum Wegfall der Rufbereitschaft von „Hessen Mobil“ gewesen. Das bedeutete, dass nach 15.30 Uhr auftretende Schäden auf Straßen nicht mehr bearbeitet werden sollten. Erwartet wurde, dass dies die Feuerwehren erledigten. Erst nach hartem Kampf seitens der Kommunen und Feuerwehrverbände sei die Rufbereitschaft des Straßenbaulastträgers im Mai 2012 wieder eingeführt worden.

Neues aus „Schilda“

Auch von einer bemerkenswerten Begebenheit im „Tannenzupfenhausener Ortsteil Schilda“ berichtete Schäfer. Dort wollten Bürger eine Feiwillige Feuerwehr gründen. Im Rathaus war man begeistert, viele aus Gemeinde und Kreis wollten dabei helfen, ein Feuerwehrfahrzeug wurde beschafft, nun sollte noch ein Feuerwehrhaus gebaut werden. Plötzlich regte sich Widerstand bei den Bürgern von Schilda gegen den vorgesehenen Standort, eine Bürgerinitiative brachte Gründe dagegen vor, wie die schönen Klettersteine für Kinder, dort parkende Autos, auf die Straße laufende Kinder, ein Basketballfeld und Steuergeldverschwendung. Glücklicherweise schafften es Bürgermeister und Ortsbeirat, das Vorhaben auf den Weg zu bringen. „Auch die Bürger von Schilda könnten mal in die Verlegenheit kommen, die Hilfe ihrer Feuerwehr in Anspruch nehmen zu müssen. Dann wäre es sicherlich blöd, wenn gar keine Feuerwehr da ist, weil deren Haus ja doch nur gestört hätte“, wandte sich Schäfer an deren Adresse. Auch wenn kein Ortsname fiel, dürfte jeder im Zelt gewusst haben, dass Bauerbach gemeint war.

Der Bürgermeister der gastgebenden Gemeinde, Peter Eidam, hatte ebenfalls Kritisches in seine Begrüßungsrede einfließen lassen. Unter anderem, dass es zwar richtig sei, dass jetzt Millionen in die Soforthilfe für die Hochwasseropfer flössen. Aber auch im Landkreis und in Weimar sei man von Hochwassern betroffen. „Wir würden lieber heute als morgen in den Hochwasserschutz investieren, aber wir haben die Mittel nicht und auch kein Rezept für die kurzfristige Finanzierung.“

von Manfred Schubert

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