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Wehrda meldet 1938 Vollzug: „Judenfrei“

Stolpersteine Wehrda meldet 1938 Vollzug: „Judenfrei“

Zum zehnten Mal werden in Marburg Stolpersteine verlegt, die an das Schicksal jüdischer Mitbürger in der Zeit des Nationalsozialismus erinnern.

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In über 870 Städten und Gemeinden in Deutschland hat er schon Stolpersteine verlegt: Mit den Messing-Quadraten im Boden erinnert Künstler Gunter Deming an die von zu Hause entführten und zum Teil ermordeten Juden - unter anderem in Lohra. Auch in Wehrda sollen Stolpersteine verlegt werden.

Quelle: Benedikt Bernshausen

Marburg. Die Geschichtswerkstatt Marburg und der Geschichts- und Kulturverein Wehrda verlegen am 9. Oktober acht Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig. Die Kosten für die Verlegung in Wehrda in Höhe von 120 Euro pro Gedenkstein werden durch Spenden abgedeckt, wie Johannes Linn, der Initiator des Projekts, berichtet.

In Wehrda hat sich eine Initiativgruppe um den Geschichts- und Kulturverein und die Wehrdaer SPD um die Erforschung der Geschichte der Juden in diesem Stadtteil verdient gemacht. Bereits 2007 ehrte die Wehrdaer SPD jüdische Bürger mit einer Gedenktafel an der Bushaltestelle Mengelsgasse.

Familie Buxbaum: Lebensunterhalt entzogen

In Marburg lebten seit spätestens dem 13. Jahrhundert Juden, wie die mittelalterliche Synagoge am Obermarkt belegt. In Wehrda waren es drei Familien, die zu Beginn des Nationalsozialismus hier lebten.

In dem Haus Goßfeldener Straße lebte bis 1937 die Familie Buxbaum. Julius Buxbaum, geboren 1904, war von Beruf Viehhändler. Er stammte, so schreibt es Barbara Wagner von der Geschichtswerkstatt, ursprünglich aus Stadtallendorf und heiratete in die jüdische Familie Stern ein, die schon seit dem 18. Jahrhundert in Wehrda nachgewiesen werden kann. Irene Buxbaum, geborene Stern und eine Schülerin der Elisabethschule, und Julius Buxbaum hatten eine Tochter: Hannelore (genannt Henni) wurde 1930 geboren. Julius Buxbaum übernahm nach der Hochzeit die Geschäfte seines Schwiegervaters Ascher Stern, der zu seiner zweiten Tochter nach Kirchhain verzog und dort 1936 starb.

„Die Zwangsmaßnahmen und Drohungen der NS-Herrschaft ließen vor allem auch die Händler in den kleinen Orten schnell jegliche materielle Grundlage verlieren“, schreibt Wagner in ihrer Broschüre, die anlässlich der Stolperstein-Verlegung erscheinen soll. Aktenkundig ist, dass 1937 der Metzger Stang aus Marburg anzeigt, weil er Fleisch von Buxbaum gekauft haben soll. Ohne nichtjüdische Kundschaft trug sich das Geschäft aber offenbar nicht. Wahrscheinlich im Sommer 1937 verließen Julius, Irene und Hannelore Buxbaum Wehrda. Sie trafen im Oktober in den USA ein.

Buxbaums Schwager Karl Stern aus Kirchhain dagegen wurde 1938 im Zuge der Pogromnacht verhaftet und starb im KZ Buchenwald.

Familie Heß: drangsaliert, verurteilt

In einem Haus in der heutigen Mengelsgasse lebte die Familie Heß. Sie ist bis ins 18. Jahrhundert zurück in Wehrda nachzuweisen. Bertha Heß war eine Tochter von Samuel Stern und Giedel Löwenstein. Ihr Großvater Samuel, auch er Viehhändler, erhielt 1816 Bürgerrechte und kaufte ein Haus im heutigen „Rosengarten“, schräg gegenüber der Mengelsgasse. Bertha heiratete Levi Heß aus Oberasphe. Die Kinder Gerda und Ernst konnten in die USA fliehen, Sohn Adolf blieb bei seinen Eltern in Wehrda und arbeitete wie sein Vater als Viehhändler und Metzger.

Bekannt ist laut Wagner, dass der Pächter des Görzhäuser Hofs schon seit 1933 seine Schulden bei dem Viehhändler Heß nicht mehr bezahlte. 1935 und 1936 beschäftigte sich das Parteigericht der NSDAP mit Berichten über Menschen, die mit der Familie Heß Handel getrieben hatten. Zudem wurde Adolf Heß im April 1937 vom Marburger Schöffengericht wegen „Anstiftung zur versuchten Abtreibung“ zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Er verbüßte die Strafe in vollem Umfang und floh anschließend zu seinen Geschwistern in die USA. Auch die Eltern mussten Wehrda verlassen. Sie zogen nach Frankfurt, wo Bertha im November 1940 starb. Levi Heß wurde am 1. September 1942 nach Theresienstadt und später nach Treblinka verschleppt, wo er ermordet wurde.

Nach dem Wegzug der Familie Heß aus Wehrda meldete Bürgermeister Wagner stolz Vollzug an den Landtag. Er schrieb am 28. Juli 1938: „Wehrda ist judenfrei.“

Dr. Heinrich Berger:entlassen, schikaniert

Dr. Heinrich Berger aus Breslau kam 1934 nach Marburg. Der promovierte Bibliothekar arbeite danach an der Universitätsbibliothek, ehe er aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ von dem Kurator der Universität, Ernst von Hülsen, 1935 als 62-Jähriger in den einstweiligen Ruhestand versetzt wurde. Berger war evangelisch und mit einer „rein arischen“ Frau verheiratet, wie der Bibliotheksdirektor schrieb, der versuchte, die Zwangspensionierung rückgängig zu machen. Dr. Berger sei „von durchaus zuverlässiger nationaler Gesinnung“, schrieb der Vorgesetzte noch. Seine Eingabe blieb ohne Erfolg. Drei von vier Großelternteile des Dr. Berger waren Juden gewesen.

Nach seiner Zwangspensionierung musste Berger von weniger als einem Drittel seiner Bezüge leben: 178,96 Reichsmark vierteljährlich. Zudem war er Schikanen wie willkürlichen Hausdurchsuchungen ausgesetzt. Berger starb 1939, als Todesursache wird „Herzschlag“ angegeben.

„Wir wollen mit dem Erinnern an die früheren jüdischen Mitbürger niemanden schuldig sprechen“, sagt Andreas Steih-Winkler vom Geschichts- und Kulturverein. Es gehe nicht um Schuld, aber um Verantwortung.

„Stolpersteine - brauchen wir die heute noch?“ lautet der Titel eines Diavortrags, den Steih-Winkler und Dieter Woischke gemeinsam morgen ab 19.30 Uhr im Kleinen Saal des Bürgerhauses Wehrda halten. Der Vortrag befasst sich auch mit dem Schicksal der damals von den Nazis aus Wehrda vertriebenen jüdischen Menschen.

Hintergrund: Stolpersteine
Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig (66) verlegt seit 1995 auf Plätzen und Bürgersteigen vor ehemaligen Wohnhäusern von Opfern des Nationalsozialismus diese Stolpersteine. Sie sind zehn mal zehn Zentimeter groß und tragen auf einer eingelassenen Messingplatte Name, Geburtsjahr, Tag der Deportation und Todesdatum. Mit den Stolpersteinen soll die Erinnerung an die Ermordeten im Alltag festgehalten werden. In Marburg sind bereits an 30 Stellen Stolpersteine verlegt. Bundesweit sind in 870 Städten und Gemeinden Stolpersteine verlegt.

von Till Conrad

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