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Wegweiser aus einer Tabu-Zone

Kinder von psychisch kranken Eltern Wegweiser aus einer Tabu-Zone

Es ist längst eine Volkskrankheit. Dennoch kämpfen psychisch Kranke gegen Vorurteile, rücken oft an den Rand der Gesellschaft. Eltern trifft es hart, noch härter aber ihre Kinder.

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Hilfestellungen für ein selbstbestimmtes Leben: Professorin Ute Ziegenhain hat auf der Fachtagung die Bedeutung hervorgehoben, die Bindung von Kindern zu ihren psychisch kranken Eltern zu stärken. 

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Sind Erwachsene, die an Depressionen, an einem Trauma oder einer Sucht leiden gute Eltern? „Ja“, sagt Elenora Wittner vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Marburg. „Sie benötigen Hilfe, vor allem auch Verständnis.“ In der Theorie klingt das einfach. Im Alltag jedoch ist gerade dieses Thema noch immer mit Vorurteilen behaftet. Depressionen werden eher als Stigma empfunden, nicht als Krankheit. Dabei, so zeigen Studien, leidet jeder fünfte Mensch im Laufe seines Lebens am einer behandlungsbedürftigen Depression. Psychische Erkrankungen gibt es also mindestens genauso oft wie Bluthochdruck.

In Marburg wird die Aufklärungsarbeit intensiv vorangetrieben. Initiativen, Krankenhäuser, Behörden, Kirchen, Kinderschutzbund - sie alle sind im Arbeitskreis „Kinder psychisch kranker Eltern“ vernetzt. Ganz wichtig, darauf weist Barbara Städter von der Frühförder- und Beratungsstelle: „Je früher Hilfen geleistet werden, desto besser für das Kind.“ Der Bruch mit dem Tabu müsse in der Gesellschaft vorangetrieben werden. Im Fokus stehe das Kindeswohl. „Schamgefühl darf nicht dazu führen, in eine Ecke gedrängt zu werden“, sagt Elenora Wittner. Miteinander statt nebeneinander. „Wenn die Erzieher im Kindergarten um den Hintergrund ebenso wissen wie die Lehrer in der Schule, dann bekommt das Kind das Verständnis, das es braucht. Es hat ja nichts Schlimmes getan. Ebenso wenig wie die Eltern.“ Wissen schützt.

Das Netzwerk in Marburg spannt sich von Jugendförderung bis Gesundheitswesen - nahezu aus jedem Bereich gibt es Ansprechpartner, die Familien trotz der Belastung ein eigenständiges Leben mit Selbstwertgefühl ermöglichen. 15 Institutionen gehören dem Arbeitskreis an. Für die Experten steht zweifelsfrei fest: „Eltern mit psychischen Problemen sind in der Lage, ihre Kinder zu erziehen. Sogar sehr gut.“ Das Vorurteil des Verrückten, der dem Kindeswohl nur schade, sei völlig unangebracht - und falsch, sagt Barbara Städter. Diese These brachte im Jahr 2005 zumindest die unterschiedlichen Einrichtungen an einen Tisch, war die Basis für die Gründung des Arbeitskreises - mit dem Ziel, die Bindung zwischen Eltern und Nachwuchs zu fördern, zu stärken, auszuprägen.

Darüber hinaus soll eine Fremdunterbringung des Kindes vermieden werden. Das habe Vorteile für den Nachwuchs, der in seinem geliebten, heimatlichen Umkreis bleiben kann. Das hat Vorteile für die Eltern, die mit ihrem Schützling einen wichtigen Stützpfeiler für das eigene Leben haben.

Fast jedes siebte Kind hat einen erkrankten Elternteil

Bundesweite Zahlen belegen, drei Millionen Kinder haben mindestens ein Elternteil, das an einer psychischen Erkrankung leidet. Das ist fast jedes siebte Kind.

Das zeige, wie wichtig die Arbeit vor Ort sei, sagt Barbara Städter: „Die Bindung im frühesten Alter ist die Grundlage für die spätere Entwicklung.“ Soziales Verhalten werde gestärkt, kognitive Fähigkeiten gefördert. Je stärker die Bindung, desto besser die Entwicklung. Und dazu bedarf es aller Akteure. Von der Familie über den Lehrer bis zum Vereinstrainer. „Lehrer und Erzieher müssen sich ihrer Rolle bewusst sein, wie wichtig sie für die Kinder sind“, sagt Elenora Wittner. Besonders für Familien in prekären Situationen, die noch gefährdeter sind. Kinder von psychisch erkrankten Eltern stehen unter hohem Risiko, selbst zu erkranken.

Ziel der Fachtagung im TTZ war es, weiter Vorurteile abzubauen, zu enttabuisieren. Mit Erfolg. Mehr als 200 Fachkräfte aus Bildung und Medizin kamen zur Veranstaltung des Arbeitskreises und informierten sich über die neuesten Erkenntnisse, knüpften Kontakte und nahmen Anregungen für ihre tägliche Arbeit mit. Im Hauptvortrag zeigte Professorin Ute Ziegenhain vom Universitätsklinikum Ulm die Chancen früher Förderungen von Beziehungs- und Erziehungskompetenzen auf. In den unterschiedlichen Arbeitsgruppen erarbeiteten sich die Teilnehmer mit den Experten, die größtenteils aus dem hiesigen Landkreis Marburg-Biedenkopf kamen, Ergebnisse. „Wir wollten positive Impulse für die tägliche Arbeit geben“, sagt Elenora Wittner. „Unser Ziel ist es, die kranken Eltern dahin zu bringen, ein zufriedenes und glückliches Leben führen zu können.“ Die Krankheiten seien alle behandelbar, ergänzt Barbara Städter. „Wir müssen nur diese Hemmschwelle überwinden.“

von Carsten Bergmann

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