Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Wegbereiterin der Kosmetik wird 100

Runder Geburtstag Wegbereiterin der Kosmetik wird 100

Seit den 50er-Jahren ist Marianne Liliensiek in Marburg zu Hause und hat den Marburgerinnen viel über gutes Aussehen beigebracht.

Marianne Liliensiek feiert am Dienstag ihren 100. Geburtstag.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. „Man wird 100 Jahre und man ist immer noch eitel“, sagt Marianne Liliensiek, als aus Anlass des OP-Artikels nach einem anderthalbstündigen Gespräch ein Foto gemacht wird. Über ihren Ausspruch muss sie dann doch ein wenig schmunzeln. Schönheit und Eitelkeit: Damit hat sich Liliensiek schließlich auch rund 50 Jahre lang beruflich beschäftigt. In Marburg ist sie seit Mitte der 50er-Jahre stadtbekannt. Detailliert und mit sehr viel Emotionen kann sie im Vorfeld ihres Hundertsten über ihr Leben erzählen.

Dabei wurde es Marianne ­Liliensiek nicht an der Wiege gesungen, wie ihr Leben verlaufen würde: Als Tochter eines Gutsbesitzers wurde sie am 20. September 1916 inmitten des Ersten Weltkriegs geboren und wuchs in der Provinz Posen auf. Vor allem an die Weite des Landes hat sie noch sehr positive Erinnerungen.

Rolle der Hausfrau und Mutter

Aufgewachsen mit zwei Geschwistern (einem Bruder und einer Schwester) habe sie sich damals dem traditionellen Rollenverständnis zufolge vor allem auf die Rolle der Hausfrau und Mutter vorbereitet. Sie wurde dann auch im Jahr 1933 mit 16 Jahren nach Berlin geschickt in eine Akademie für höhere Töchter. In der damaligen deutschen Hauptstadt kam sie dann durch die Bekanntschaft mit einem Journalisten zu ihrem ersten Beruf - und zwar im Pressewesen. Sie machte von 1939 bis 1943 eine Ausbildung als Journalistin, schrieb dann aber auch Artikel und wurde von ihrem Verlag in die österreichische Hauptstadt Wien geschickt.

„Ich wusste sofort, als ich am Bahnhof ankomme. Hier will ich leben. Hier ist die Luft wie Sekt“, erzählt Liliensiek. Die junge Reporterin aus Preußen wurde in Wien vor allem auf Modenschauen geschickt. Und sie besuchte öfters als Kundin eine Kosmetikerin. „Denn ich hatte selber eine sehr schlechte und unreine Haut“, erinnert sich Liliensiek.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 gab es erst mal keine Arbeit als Reporterin für Liliensiek. Und da brachte ihre Kosmetikerin die Idee auf, dass ihre Stammkundin doch vielleicht an der Kosmetikschule in Wien diesen Beruf erlernen könnte. Gesagt, getan: Liliensiek begann ihre Ausbildung, die sie dann mit Bravour abschloss. Besonders auf das prächtig ausschauende handgeschriebene Zeugnis ist sie heute immer noch stolz. Sie war dann staatlich und ärztlich geprüfte Diplomkosmetikerin.

Einige Jahre nach dem Krieg musste sie aber dann ihr geliebtes Österreich verlassen. Eine Zeitungsannonce, in der eine Mitarbeiterin in einem Kosmetik-Salon gesucht wurde, brachte sie nach Marburg. Die Ankunft in der damals noch eher ländlich geprägten kleinen Universitätsstadt bedeutete für die weltgewandte Großstadt Wien gewohnte ­Liliensiek zunächst einen kleinen Kulturschock.

Doch relativ bald gewöhnte sie sich an die Stadt Marburg und die Rolle, die sie dort spielte. Nach rund anderthalb Jahren als Mitarbeiterin in dem Salon eröffnete sie ihren eigenen Kosmetiksalon und zwar im ersten Stock des Gebäudes am Markt 10.

"Die Rolle der alten Frau beherrsche ich nicht"

Parallel zu ihrem Beruf als Kosmetikerin gab sie vor allem den Marburger Frauen jahrzehntelang sehr beliebte Kurse an der Volkshochschule. Dort gab sie unter anderem Tipps zur Körper- und Hautpflege, aber auch zur richtigen Ernährung. Vor allem ihr Redetalent habe ihr dabei sehr geholfen, erinnert sie sich. Über die Jahre hinweg wurde die Kosmetikerin mit ihrem Geschäft und dem Salon zu einer Institution in Marburg. Der Standort ihres Salons befand sich dann jahrelang in der Elisabethstraße, und später eröffnete sie noch ein Geschäft im Kaufpark Wehrda. Bis weit über das offizielle Pensionierungsalter hinaus arbeitete Liliensiek noch. „Die Rolle der alten Frau beherrsche ich nicht“, verriet die Kosmetikerin der OP in einem Gespräch anlässlich ihres 90. Geburtstags.

Nach allen Ortswechseln fand sie in Marburg auch ein Stück Heimat. Dabei betrieb sie immer wieder ihr spezielles Hobby - die Jagd und den Schießsport. Jetzt freut sie sich, dass sie trotz einiger gesundheitlicher Rückschläge in den vergangenen Jahren ihren 100. Geburtstag noch in ihrem eigenen Häuschen im Marburger Stadtteil Wehrda erleben darf. Zu ihrem Ehrentag gibt es heute eine große Feier. Nicht nur ihr Sohn und die beiden Enkelkinder kommen dann, sondern auch Bürgermeister Dr. Franz Kahle und weitere Gratulanten haben sich angesagt.

„Frau Liliensiek war und ist ein Glücksfall“, meint beispielsweise der frühere Marburger Verkehrsdirektor Hans Christian Sommer. „Sie hatte in der Elisabethstraße einen sehr guten Kosmetiksalon und war im Vorstand der Zweckgemeinschaft ‚Rund um die Elisabethkirche‘“, erklärt Sommer. Die Jubilarin sei immer hilfsbereit und im Sinn der Stadt Marburg sehr engagiert gewesen.

„Sie war eine Wegbereiterin für die Nutzung von kosmetischen Produkten zur Haut- und Körperpflege und hat das Wissen darüber nach Marburg gebracht“, sagt Waltraud Heuser eine langjährige Bekannte Liliensieks.

von Manfred Hitzeroth

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr