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Weg frei für Privatisierung

Lokschuppen Weg frei für Privatisierung

Der Lokschuppen wird zum Verkauf ausgeschrieben. In den nächsten Monaten sollen sich private Investoren beim Magistrat melden, um konkrete Nutzungs- und Sanierungskonzepte vorzulegen.

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Bis vor fünf Jahren war der Lokschuppen Eigentum der Deutschen Bahn. Seitdem hat die Stadt nach eigenen Angaben mehr als 200 000 Euro in die Instandhaltung des „akut einsturzgefährdeten“ Gebäudes investiert.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Millionengeschäft oder Symbolbetrag? Ein Verkauf des Lokschuppens ist laut Verwaltungsspitze auch für einen Euro denkbar: „Mist-Konzepte, die uns zwar mehr Geld aber keinen überlebensfähigen Standort bringen, können nicht das Ziel sein. Ich will nicht, dass eine kluge Idee am Preis scheitert“, sagt Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD).

Jede kreative Idee, die eine nachvollziehbare, schlüssige Planung haben und das Gebäude vor dem Einsturz retten, bekommen eine Chance. „Privatisierung heißt nicht verramschen.“ Vor dem „Erlösgedanken“ solle die Frage nach einer baulichen Rettung und einer erfolgreichen Nutzung des Lokschuppens stehen. „Die Zeit, kluge Ideen nur vage zu äußern, sie aber nicht konkret zu Ende zu denken, muss vorbei sein. Sonst ist das Ding platt bevor wir tatsächlich umsetzbare Ideen haben“, sagt Spies. Die Einsturzgefahr sei „akut“.

Multifunktionshalle wäre denkbar

Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) erklärt auf OP-Nachfrage: „Je nach Verlauf der Winter, also wenn die Schneelast hoch und der Frost stark ist, geht Verfall schneller oder langsamer voran.“ In den vergangenen fünf Jahren, seit dem Kauf des Geländes, habe die Kommune mehr als 200000 Euro in die Instandhaltung investieren, jährlich Teile des Dachs entfernen müssen.

Kritiker fürchten, dass es Magistrats-intern bereits eine Festlegung auf weiteren Wohnungsbau - und im Zuge dessen auf die Marburger Immobilieninvestoren S+S - gibt. „Eine ausdrückliche Festlegung auf den Bestand als sozio-kulturelles Areal wäre wichtig. Aber ‚Schnellschuss-Thommy‘ gibt dieser wichtigen Sache keine Zeit, öffnet das Tor für private Investoren und Wohnungsbau,“ sagt Inge Sturm (Linke). Piraten-Politiker Dr. Michael Weber sieht das ähnlich: „Das Resultat ist schon absehbar, man ahnt was kommt: Wohnungsbau samt Café, dass auch noch in Konkurrenz zum Rotkehlchen steht.“ Die Kritiker beziehen sich auf den Wunsch des Immobilienunternehmers Karsten Schreyer, ein zwei- bis dreigeschossiges Wohnhaus zu errichten.

Im Gespräch mit der OP weist Schreyer den Eindruck zurück, er plane lediglich eine Wohnbebauung auf dem Gelände. Sein Konzept beschränke sich nicht nur auf den Lokschuppen. „Mein Angebot sieht auch eine Multifunktionshalle als Ergänzung zur Waggonhalle auf dem Gelände vor“, sagt Schreyer. Selbstverständlich werde er sich mit den vorhandenen Nutzern auf dem Waggonhallengelände abstimmen.

Spies wirft den Kritikern „Populismus, gezieltes Angstschüren“ vor. So ernst, wie man künftig jede kreative Idee nehme, werde man auch Wohnungsbau nicht von Beginn an und kategorisch ausschließen. „Gegebenenfalls in Nordrichtung Wohnungen hinzustellen muss doch wenigstens denkbar sein, eine Möglichkeit unter anderen sein dürfen.“

Linke für Gewobau als Investor für Lokschuppen

Egal wer den Zuschlag erhalte: Die denkmalgerechte Sanierung sei zu gewährleisten.

„Das Ganze ist kein Ideenwettbewerb, an dem sich jeder beteiligen kann. Es können nur die mitmachen, die von jetzt auf gleich mehrere Millionen Euro lockermachen können“, entgegnet Weber. Er forderte in der Stadtparlamentssitzung vergeblich eine Ausdehnung des Ausschreibungszeitraums auf sechs Monate, um Crowdfunding - also eine Finanzierung durch Teilbeträge, die von vielen Interessenten kommen - zu ermöglichen.

„Vier bis sechs Wochen lassen keinen Spielraum, ermöglichen keine vernünftige Stadtentwicklungspolitik“, sagt Weber, der auch einen Gestaltungsvorrang für das Mitmachmuseum des Lokschuppen-Fördervereins befürwortet.

Der Förderverein Lokschuppen hat ein Konzept erarbeitet, das im Lokschuppen im Wesentlichen die Errichtung eines Technikmuseums etwa für historische Dampfloks vorsieht, eine Nutzung des Lokschuppens als Messe- oder Ausstellungsstandort und als Raum für Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern. Damit bilde man auch keine Konkurrenz zur Waggonhallen-GmbH, die Veranstaltungen dieser Größenordnung nicht anbieten kann, sagte Vize-Vorsitzender Dr. Fritz-Joachim Hüther.

Tanja Bauder-Wöhr (Linke) fürchtet, es sei „nicht glaubwürdig“, dass mögliche bundesweite Interessenten innerhalb weniger Wochen „riesige Aktenberge durcharbeiten“ und schlüssige Konzepte vorlegen. Sie schlägt die Gewobau als Investor - „die haben die nötigen Millionen auch“ - oder als Verpächter der Fläche für eine Fremdnutzung vor.

Der SPD-Stadtverordnete Gerald Weidemann sagt: „Die Nutzung des Lokschuppens soll eine Ergänzung zur bestehenden Infrastruktur sein, nichts verdrängen. Die Identität soll erhalten, der Kulturstandort Waggonhallenareal nicht aufgegeben werden.“

von Björn Wisker
und Till Conrad

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